Buchbeiträge - Auf stillem Pfad

Was die Welt im Innersten zusammenhält

Die Kette des Bedingten Entstehens


Sariputto und Assaji

Die Freunde Sariputto und Moggallano, beide von früher Jugend an auf der Suche nach Wissen und Weisheit und später die bedeutendsten Schüler des Buddha, haben sich versprochen: Wer immer als erster die Freiheit, das Todlose findet, sagt es dem anderen. Irgendwann wählen sie beide den bekannten Sanjayo Belatthaputto als Lehrer, von dem sie sich die richtigen Lehren und Anleitungen für die Praxis erhoffen, und schließen sich dessen Gemeinschaft an.

Eines Tages nun ist Sariputto früh morgens in Rajagaha, der Hauptstadt von Magadha unterwegs, als er dem buddhistischen Mönch Assaji begegnet. Schon beim ersten Anblick verspürt er etwas Besonderes und Faszinierendes an diesem Mann. Er sieht so gesammelt, gelassen und heiter aus, dass er sofort Sariputtos Interesse weckt. ‘Vielleicht kennt der den Weg ins Freie, vielleicht hat er das Todlose schon erfahren', schießt es Sariputto durch den Kopf. ‘Ich will ihn fragen, wer sein Meister ist und was er lehrt.'

Bald ist ein günstiger Zeitpunkt gekommen, und Sariputto spricht den Fremden an. Assaji aber zögert etwas, nicht aus Misstrauen oder aus Desinteresse. Er ist selbst noch etwas unsicher, weil er erst vor kurzer Zeit dem Orden des Buddha beigetreten ist und noch nicht allzu viele Einzelheiten über die von ihm verkündeten Wahrheiten gehört hat. Er kennt nur den Grundtenor der Botschaft des Buddha. Aber genau darauf kommt es Sariputto an, und deshalb fragt er - fast ungeduldig - noch einmal nach. Worum geht es im Kern? Die Antwort Assajis ist ebenso kurz wie tiefgründig: „Von den bedingt entstandenen Erscheinungen nennt der Buddha die Ursachen, und von ihrem Verschwinden spricht dieser große Asket."Wenn man so will, sind in diesen wenigen Worten die tiefsten Aussagen des Erwachten über das Wesen des Daseins enthalten. Sie sprechen davon, dass alle Erscheinungen nicht aus sich heraus existieren, sondern bedingt sind. Sie entstehen und bestehen unter bestimmten Voraussetzungen und müssen mit diesen notwendigerweise auch wieder untergehen. Für Sariputto waren diese Sätze wie eine Erlösung, denn sie enthalten zugleich die Antwort auf seine drängendsten Fragen. Sie beinhalten den entscheidenden Hinweis, wo und wie das Todlose zu finden ist. Schon beim ersten Hören ist ihm das klar, und sobald wie möglich sucht er den Erhabenen auf, weil er mehr erfahren will. Er wird dessen Schüler, und nach nur vierzehn Tagen des Hörens und der Dhamma-Praxis ist Sariputto ein Geheilter.1)

Sein und Nichtsein

Sariputto war freilich eine große Ausnahmeerscheinung. Sein tiefes spirituelles Interesse und sein exzellentes Verständnisvermögen waren beste Voraussetzungen, um die ganze Tragweite der Worte Assajis zu begreifen. Und dennoch bedurfte es der Belehrung. Viel zu tief verwurzelt sind die falschen und nur noch weiter in die Irre führenden Bilder, die sich die Menschen in aller Regel von der Wirklichkeit machen - damals und mehr noch heute. Nahezu zwangsläufig verfallen sie nämlich zwei extremen Sichtweisen: vom Sein der Dinge oder vom Nichtsein der Dinge. Entweder etwas existiert, oder es existiert nicht, eine andere Möglichkeit scheint von vornherein ausgeschlossen. Und dennoch gibt es sie. Sie liegt in der Mitte zwischen den beiden Positionen und sie (wieder) entdeckt zu haben macht die ganze Genialität und Einmaligkeit des Buddha aus.

An zweierlei hängt diese Welt praktisch: an der Behauptung vom Sein und an der Behauptung vom Nichtsein.

Wer aber das fortgesetzte Erscheinen von Welt ganz nach der Wirklichkeit mit vollkommener Klarheit beobachtet, der kann die Behauptung vom ‘Nichtsein' nicht gelten lassen.

Und wer das Auflösen von Welt ganz nach der Wirklichkeit mit vollkommener Klarheit beobachtet, der kann die Behauptung vom ‘Sein' nicht gelten lassen.2)

Die naive Auffassung der Realität legt nahe, die Existenz einer äußeren, gegenständlichen Welt anzunehmen. In ihr finden sich Sonne und Mond, Planeten und Sternensysteme, tausenderlei unbelebte Dinge, Menschen, Tiere und Pflanzen. Es handelt sich um unzweifelhaft wahrnehmbare, beschreib- und abgrenzbare Größen, die völlig unabhängig von uns selbst als den wahrnehmenden Subjekten sind und ihre ganz spezifische Eigennatur zeigen.
Die materialistische Weltanschauung beschreibt sie als physikalische Gegebenheiten, denen etwas Substanzhaftes, Stoffliches zu Grunde liegt und aus denen sich Bewusstsein allenfalls sekundär ableitet. Die idealistische Philosophie hingegen erkennt in diesen „Gegenständen" weniger etwas Stofflich-Objektives als vielmehr die Manifestation von ewigen Ideen und unveränderlichen geistigen Gegebenheiten. Aber beide Ansätze beruhen auf dem unerschütterlichen Glauben, dass da irgendein Etwas „hinter" den Erscheinungen „ist", das sie hervorbringt und trägt.

Beide Grundhaltungen verwirft der Buddha gleichermaßen, und er stützt sich dabei auf seine unverzerrte, präzise und eingehende Beobachtung der Realität. Wer wirklich genau und ohne vorgefasste Meinung hinschaut, wird das, so seine Feststellung, ebenfalls zweifelsfrei feststellen. Das Denk- und Wahrnehmungsmuster „Die Dinge sind" hat bei gründlicher Prüfung keinen Bestand, weil sich alles in stetigem Wandel befindet. Was sich eben zeigt, hat sich im nächsten Moment schon mehr oder weniger stark verändert, um früher oder später völlig zu verschwinden. Ähnliches gilt für die Behauptung des „Nichtseins". Sie ist ebenso unzutreffend, denn es tauchen ja ununterbrochen die unterschiedlichsten Phänomene auf. Immer wieder aufs Neue treten Dinge und Ereignisse in unser Bewusstsein.

Aber normalerweise entgeht das unserer Aufmerksamkeit. Wir achten auf die Erscheinungen, nicht aber auf ihr Kommen und Gehen. Aus einem Geschehen machen wir etwas Statisches, das Prozesshafte der Existenz konservieren wir und geben ihm feste und unbewegliche Strukturen. Wir merken nicht, dass wir selbst es sind, die eine „objektive Welt dort draußen" konstruieren.3) Unbewusst lassen wir es zu einer Gewohnheit werden, die Dinge in einer bestimmten Weise zu sehen und uns in Beziehung zu ihnen zu setzen. Wir gestalten Situationen und glauben später an deren Objektivität. Und vor allem richten wir uns innerlich auf diese Gegebenheiten ein. Wir arrangieren und identifizieren uns mit dieser vermeintlichen Realität, und fixieren uns geistig-seelisch auf sie. In der eingangs zitierten Rede formuliert der Buddha diesen Vorgang so:
Die Gewohnheitsbande, immer heranzutreten, zu ergreifen, sich anzueignen, dabeizubleiben - das ist praktisch diese Welt - dieses Herantreten, Ergreifen, sich Aneignen und die Neigung, das Gemüt darauf zu richten und dort sich aufzuhalten.
Wenn man da aber nicht herantritt, nicht ergreift, nicht sich dorthin richtet und:
‘Hier ist gar kein Ich
Leiden ist alles, was immer entsteht,
Leiden ist alles, was immer vergeht' -
in diesem Wissen nicht mehr zweifelt, nicht mehr bangt, im Besitz des von allen Meinungen unabhängig machenden Klarwissens - das ist richtige Ansicht.
‘Alles ist', das ist das eine Extrem;
‘alles ist nicht', das ist das zweite Extrem.
Diese beiden Extreme vermeidend, zeigt der Vollendete die in der Mitte liegende Wahrheit auf. (a.a.O.)

Glücklicherweise lässt sich diese zementierte Scheinrealität auch wieder aufbrechen und entschleiern. Wohl sind wir tief in eine existenzielle Entfremdung hineingeraten, die uns etwas als fremd und äußerlich erscheinen lässt, was tatsächlich auf eigenem Zutun basiert und das Ergebnis eigener Aktivität ist. Aber wir können mit der entsprechenden Hilfe über diese Täuschung hinwegkommen. Die Überwindung der Hauptillusion: „Da ist ein Ich in der Welt" steht dabei im Vordergrund. Die fatale Spaltung von Subjektivem und Objektivem bildet den Grundirrtum und wird zum größten Hindernis. Wo aber (wieder) das beziehungsreiche Ganze und der dynamische Charakter dieses Ganzen gesehen wird, kann wahre Einsicht entstehen. Sie ist unabhängig von Meinen und Fürwahrhalten und einzig der Realität verpflichtet. Sie entlarvt trügerische Vorstellungen und Hoffnungen, die uns weismachen wollen, dass es darauf nur ankommt, das Ego groß und stark zu machen, sich selbst zu verwirklichen beziehungsweise diese Welt mit ihren vielseitigen Verlockungen zu genießen und zu gestalten. Das Gegenteil ist der Fall, wo immer man hinschaut, wird man nur Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit entdecken. Wahre Erfüllung und inneren Frieden gibt es hier nicht, so dass es sich letztendlich auch nicht lohnt, sich darauf einzulassen und sein Glück darin zu suchen.

Bedingtes Entstehen (paticca samuppada)

Wir haben eben die Empfehlung des Buddha kennen gelernt, die einseitigen Ansichten von Sein oder Nichtsein zu vermeiden und statt dessen die in der Mitte liegende Wahrheit zu betrachten. Sie beschreibt das Kommen und Gehen der Erscheinungen unter notwendigen und spezifischen Bedingungen. Sie gilt es nun näher ins Auge zu fassen.
Durch Wahn bedingt sind die Bewegtheiten.
Durch die (denkerische) Bewegtheit bedingt ist die programmierte Wohlerfahrungssuche.
Durch die programmierte Wohlerfahrungssuche bedingt ist das Psycho-Physische.
Durch das Psycho-Physische bedingt sind die sechs Süchte (nach Berührung durch die sechs Außengebiete).
Durch die sechs Süchte bedingt ist Berührung.
Durch Berührung bedingt ist Gefühl.
Durch Gefühl bedingt ist Durst.
Durch Durst bedingt ist Ergreifen.
Durch Ergreifen bedingt ist Werdesein.
Durch Werdesein bedingt ist Geburt.
Durch Geburt bedingt ist Altern und Sterben.
So bleibt es bei der Fortsetzung dieser gesamten Leidensmasse.
(a.a.O.)


Goethes Faust hat vergeblich zu ergründen versucht, „was die Welt im Innersten zusammenhält", der Buddha hat die Antwort mit dem „Bedingten Entstehen" gegeben. In der eben wiedergegeben Formel findet sie einen zusammenfassenden und sehr dichten Ausdruck, der sich erst langsam erschließt.Durch Wahn (avijja) bedingt sind die Bewegtheiten, heißt es da zu Beginn. Realitätsferne Einbildungen und irrige Vorstellungen stehen am Ausgangspunkt der Daseinsanalyse. Dabei geht es nicht nur - wie die gebräuchlichste Übersetzung von avijja mit Unwissen oder Nichtwissen nahelegt - um fehlende oder mangelnde Informationen über das Leben und seine wahre Natur. Avijja ist vielmehr der völlig täuschende Anblick der Dinge, auf den wir fast automatisch und wehrlos hereinfallen. Was wir wahrnehmen, nehmen wir „für wahr", wir glauben an das Sosein der Erscheinungen und ihrer vorgespiegelten Eigenschaften. Wir nehmen ernst und für absolut, was nur ein relatives Sein und eine nur zugeschriebene Bedeutung hat. Wie wir im Traum uns selbst und die Welt um uns für real halten und auf sie mit aller Ernsthaftigkeit reagieren, so verhalten wir uns in dieser Welt. Wir sind von der Realität der Gegebenheiten überzeugt und lassen uns von ihnen berühren. Sie nehmen Einfluss auf uns und provozieren unsere Reaktion. Im Denken, Reden und Handeln geben wir Antwort auf eine vorgefundene Situation. Sind wir mit ihr zufrieden und glücklich, wollen wir sie bewahren, vielleicht noch verbessern oder wiederherstellen, sollte sie vergehen. Leiden wir unter einem Zustand, sind wir bestrebt, schnell und gründlich Abhilfe zu schaffen und die Lage unseren Wünschen entsprechend zu veränderten. Damit ist die grundlegende Dramatik des Lebens vorgegeben. Wer die vorgefundene (Schein-)Realität für echt hält, sich auf sie einlässt und ihr mit seinen Aktivitäten begegnet, bleibt in ihr gefangen und verstärkt in demselben Maß seine eigenen Illusionen. Es bleibt bei dem Wechselspiel von Erleben (Wahn) und Handeln (Bewegtheit).Diese Aktivitäten folgen im übrigen einer ganz besonderen Gesetzmäßigkeit und Ausrichtung: weg vom Unangenehmen und hin zum Angenehmen. Wer etwas tut, will damit Unglück, Schmerz, Unwohlsein und so weiter mindern und Freude, Glück, Zufriedenheit und so weiter mehren. Deshalb spricht der Buddha nach dem Wahn (Unwissen, Täuschung) und den Bewegtheiten (Aktivitäten) von der programmierten Wohlerfahrungssuche.4) Um Erfahrung geht es, weil das die einzige Weise ist, wie sich Realität zeigt. Dass sie ausschließlich auf Glück aus ist, wurde schon erwähnt, und da Erfüllung und Frieden noch nie wirklich erlebt wurden, ist sie ständig auf der Suche nach ihr. Und schließlich unterliegt diese Jagd nach Wohl einem bestimmten eingefahrenen Muster. Das Ziel ist vorgegeben und wird nach bisher gemachten Lebenserfahrungen weiter verfolgt.

Dieser Vorgang spielt sich auf zwei eng miteinander verbundenen und von einander abhängigen Ebenen ab. Tatsächlich vereinigen sich in uns als menschlichen Wesen Körperliches und Geistig-Seelisches zum einem beziehungsreichen Ganzen. Wir bestehen aus einen materiellen Leib und einem ganzen Komplex von psychischen Faktoren, wie Wahrnehmung, Denken, Fühlen, Wollen etc. So stehen wir der „Welt" gegenüber, leben von und kommunizieren wir mit ihr. Will man, wie es der Buddha in seiner Aufzählung anschließend tut, diese Zweiheit des Psycho-Physischen konkreter, genauer und mit mehr Details beschreiben, kommt man schnell zu den sechs Sinnesorganen beziehungsweise Sinnesvermögen. Über die Augen und die Fähigkeit zu sehen werden die sichtbaren Formen bewusst. Über das intakte Ohr, die gesunde Nase, die Zunge und die Haut kommt es zu dem Erlebnis von Tönen, Gerüchen, schmeckbaren und tastbaren Dingen. Und der Geist begegnet den ihm entsprechenden Objekten, nämlich den Gedanken, Vorstellungen und Ideen. Diese sechsfache Sinneswahrnehmung schlägt die Brücke von innen nach außen, sie vermittelt zwischen „Ich" und „Umwelt".

Dieser auf dem Psycho-Physischen basierende sechsfache Komplex lässt noch einmal nach drei Teilaspekten näher bestimmen. Für den Sehvorgang sind zweifelsohne sichtbare äußere Objekte notwendig und das Auge als intaktes Instrument ebenso. Aber hinzu kommen muss auch das Anliegen, der Wunsch, der Drang, sehen zu wollen. Nur das seh-süchtige Auge wird Farben und Formen ausmachen, und desgleichen werden die anderen fünf Sinnesorgane nur dann tätig, wenn ihnen eine entsprechende Tendenz inne wohnt. Das ist der Grund, warum in dem obigen Zitat folgerichtig von den sechs Süchten die Rede war.

Der nächste Begriff in der zwölfgliedrigen Reihe des Bedingten Entstehens ist nun leicht zu verstehen: Berührung. Wo die drei schon erwähnten Faktoren im Wahrnehmungsakt zusammenfallen, findet Kontakt statt. Wenn die äußeren Objekte über die funktions- und empfindungsfähigen Sinnesorgane auf die in ihnen vorhandenen Tendenzen treffen, ist Berührung.

Jede Berührung wiederum hat Folgen: Ein Gefühl steigt auf. Es ist die unwillkürliche Reaktion auf den Kontakt von innen und außen. Gefühl ist die Folge, wenn etwas gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt, getastet oder gedacht wurde, und es ist die Antwort auf die Frage, passt das zu den jeweiligen sinnlichen Anliegen oder nicht. Die Begegnung mit einem erwünschten Objekt wird ganz sicher angenehme Empfindungen hervorrufen, die Begegnung mit einem unerwünschten entsprechend negative. Betrachte ich mein Lieblingsbild, freue ich mich; sehe ich einen wenig geschätzten Menschen, steigen ungute Gefühle auf oder neutrale, wenn mein Verhältnis zu ihm eher indifferent ist.

Was bis zu diesem Punkt ein mehr oder weniger passiver Vorgang war, schlägt nun Schritt für Schritt um in Aktivität. Aus bloßem Erleben und Beeinflusstwerden durch die Dinge um mich herum wird Beeinflussung der Umwelt, angestoßen eben durch die Gefühle beziehungsweise unsere Reaktion auf sie. Erfreuliche Empfindungen möchten wir nämlich gerne wiederholen, intensivieren und verewigen. Unschönes weisen wir zurück, wir wehren es ab oder suchen es zu umgehen. Aus Gefühl entsteht so Verlangen, oder wie es der Buddha metaphorisch auch ausdrückt: Durst. Im Durst werden die begehrten Dinge und Erlebnisse bewusst. Wir spüren klar den Drang zu ihnen hin oder von ihnen weg. Wir wissen, dass uns etwas wohltut und was es ist. Wir möchten etwas Bestimmtes sehen, hören, riechen, schmecken, tasten oder denken und anderes ebenso entschieden nicht erleben.

Verlangen setzt uns in Bewegung. Erst ist es der Geist, der um die gewünschten Dinge kreist, sie sich ausmalt, sie herbeisehnt und bald alle nötigen Überlegungen anstellt, wie sie denn zu bekommen sind. Dem Denken folgt das Reden, ihm das Handeln unter Einsatz des Körpers und mancherlei Hilfsmittel. Aus dem angenehmen Gefühl ist das Bedürfnis gewachsen, es wiederzuhaben und aus ihm das Greifen nach den Gegenständen oder Situationen, die es erstmals hervorriefen. Ergreifen ist jede Aktivität - auf der gedanklichen, sprachlichen und praktischen Ebene -, mit der man seinen Bedürfnissen nachkommt oder seinem Willen folgt, um Gefühlsbefriedigung zu erlangen.

Ist das geschehen, tritt Ruhe ein. Mit der Erfüllung eines Wunsches ist dieser verschwunden und damit auch das Interesse an seinem Objekt. Doch ist mit dem Akt der Befriedigung das Spiel von Wollen und Bekommen keineswegs beendet. Selbst dann, wenn alle denkbaren Sehnsüchte gestillt würden und alle möglichen Träume sich bewahrheiten könnten, der Durst käme damit nicht zur Ruhe, nicht endgültig wenigstens. Irgendwann steigt er wieder auf, meldet sich erneut und sogar noch verstärkt und fordernder. Der gesamte Lebens- und Erlebensprozess wird mit dem Ergreifen nur weiter angestoßen und vorangetrieben. Nicht alles ist dabei sofort sichtbar, aber die erwähnten psychischen Kräfte und Aktivitäten zeitigen ihre Wirkung. Sie sind der Ausgangspunkt für das Werden (Werdesein), die latente Seite der Wirklichkeit. Ihre Stärke und ihre Beschaffenheit gibt vor, was sich zu einer späteren Zeit aufs Neue im Bereich des Wahrnehmbaren manifestiert. So treten Dinge und Ereignisse, Menschen und Tiere, Materielles und Geistiges in Erscheinungen. Sie kommen wieder zur Geburt. Was danach kommt, ist leicht absehbar und überrascht uns nicht. Wer aus dem Schoß der Mutter kommt und was - auch im übertragenen Sinn - geboren wird, mag wachsen und reifen, groß und stark werden. Doch das Älterwerden und der Tod bilden die unausweichliche Kehrseite dieses „Anfangs". Durch Geburt bedingt ist Altern und Sterben, und der Tod mit Schmerz und Gram steht am Ende der langen Kette des Bedingten Entstehens, wie sie der Buddha erläutert.

Und was zeichnet dieses „Ende" aus? Dass es zugleich auch Beginn und Fortsetzung ist. Denn Geburt, Alter und Abschied stehen als einzelne, konkrete und uns emotional stark berührende Beispiele für das, was der Buddha eingangs seiner Analyse schon allgemein und umfassend als den leidvollen Wahnkomplex charakterisiert hat, den wir für Realität nehmen und mit dem wir uns permanent auseinandersetzen. Jetzt wird ersichtlich, dass diese zwölf Glieder eine geschlossene Kette bilden, die den Daseinskreislauf weiter und weiter vorantreibt.

Der einstige Buddha Vipassi

Wer das Bedingte Entstehen kennt, kennt die Lehre, und wer die Lehre kennt, kennt das Bedingte Entstehen, heißt es in einer der Reden des Buddha.5) Und tatsächlich gehört sie zum innersten Kern des Dhamma. Sie ist die Quintessenz der buddhistischen Wirklichkeitsbeschreibung, die die tief verborgene Gesetzmäßigkeit der Existenz und gleichzeitig die Möglichkeit der Befreiung von dukkha beinhaltet.6) Sie von sich aus, ohne Hilfe und ohne Belehrungen durch andere aufzuspüren, war die besondere und herausragende Leistung des Buddha Sakyamuni gewesen. Aber nicht nur die seine, sondern die von allen vollkommen Erwachten vor ihm.

Im Palikanon findet sich ein Bericht über den legendären Buddha der Vorzeit Vipassi, der der Tradition zufolge 91 Weltzeitalter vor Siddhattha Gotama den Weg der Erwachung gefunden und ihn anschließend gelehrt hat. Bis dahin bewegte ihn - wie alle werdenden Buddhas - die einzige und entscheidende Frage: Wie ist es möglich, Schmerz und Unvollkommenheit zu überwinden? Die Wahrheit „an sich" interessierte ihn nicht, er wollte sie herausfinden, um einer ihn im Innersten berührenden Betroffenheit willen:
Einem Leidenszustand, wahrlich, ist diese Welt verfallen. Man wird geboren, man altert, man stirbt, man entschwindet, man taucht wieder auf. Ein Entrinnen aber aus diesem Leiden, dem Altern und Sterben, das kennt man nicht. Wann wird wohl mal ein Entrinnen aus diesem tiefen Leiden, dem Altern und Sterben, gefunden werden?7)

Der Ausgangspunkt der Überlegungen Vipassis ist die nachdenklich stimmende Lebenserfahrung und Beobachtung vieler Menschen. Man findet sich in einer Situation vor, mit der man sich nicht zufrieden geben kann und von der man nicht weiß, wie man ihr begegnen kann. Wir werden geboren, werden älter und älter und wissen, dass in absehbarer Zeit der Tod auf uns zukommt. Und diesem Rhythmus von Kommen und Gehen sind die Wesen immer wieder hilflos ausgesetzt. Worauf aber beruht dieses nicht enden wollende und scheinbar unbeeinflussbare Geschehen?

Bei seinem Nachdenken kommen Vipassi, so der besagte Bericht über den einstigen Buddha, folgende Gedanken: Unter welcher Bedingung kommt es zu Altern und Sterben? In Abhängigkeit wovon gibt es sie beide? Die Antwort, die er sich selbst gibt: Wenn Geburt da ist, sind Altern und Sterben vorhanden. In Abhängigkeit von Geburt finden sich Niedergang und Tod. Und worauf ist sie wiederum zurückzuführen? In Abhängigkeit von was tritt Geburt in Erscheinung? In Abhängigkeit von Werden! Wo es das Potential zum Sein gibt, wo latente Kräfte und Anlagen vorhanden sind, tauchen irgendwann die Ereignisse aus dem Unsichtbaren auf und offenbaren sich. Und so fragt Vipassi weiter und kommt vom Werden auf das Ergreifen zurück, von hier zu Verlangen oder „Durst", dann zu Gefühl, zu Berührung und über das Sechssinnengebiet und das Psycho-Physische endlich zu der fast unheimlichen und verborgenen Eigendynamik des Bewusstseins.

Darüber hinaus sucht und fragt er an dieser Stelle nicht und braucht es auch nicht. Die beiden letztgenannten Faktoren (die Körper-Geist-Struktur der „Person" und ihr Bewegungsgesetz) stützen und bedingen einander wechselseitig. In einem gewissen Sinn stellt ihre Gegenüberstellung eine auf den Wesensgehalt reduzierte Kurzfassung des Gesetzes des Bedingten Entstehens dar.8) Die sich im Menschen zeigende Zweiheit von Materiellem und Psychischem auf der einen und die sie bewegende „Lebendigkeit" auf der anderen Seite sind ausreichend, um sich gegenseitig immer wieder neu hervorzurufen und dieses Spiel endlos in Gang zu halten. Die weiteren Glieder des paticca samuppada beschreiben im Grunde nur zusätzliche Details und beleuchten unterschiedliche Einzelheiten.

Am Endpunkt seiner Analyse angelangt, hat Vipassi den Schlüssel in der Hand, dessen richtige Handhabung sicher ins Freie führt. Wenn die von ihm als unzulänglich und unangemessen empfundene Lebenssituation des Menschen bedingt ist, lässt sie sich auch beeinflussen. Wenn dukkha Ursachen hat, lassen sie sich beseitigen. Konkret: Alter und Sterben beziehungsweise dem Leiden generell wird die Basis entzogen, wenn es nicht länger zur Geburt kommt. Geburt hat ein Ende, wo das Werden unterbrochen wird. Es wird unterbrochen, wenn Ergreifen nicht mehr stattfindet beziehungsweise wenn dem Durst nicht länger nachgegeben wird usw. Der Gedankengang endet, womit ein vorangegangener anfing, bei Täuschung und Unwissenheit. Gelingt es, eine unverblendeten, vorurteilsfreien und durchdringenden Anblick der Realität zu gewinnen, löst sich das ganze Wahngebilde der Existenz auf.
Aber durch des Wahns vollständige Auflösung werden die drei Bewegtheiten aufgelöst. Durch Auflösung der (denkerischen) Bewegtheit wird die programmierte Wohlerfahrungssuche aufgelöst - usw. - wird Altern und Sterben aufgelöst. Das ist die Auflösung dieser ganzen Leidensmasse.9)

Der Buddha und sein Schüler Ananda

Wenn - dann, wenn nicht - dann nicht. Das ist die vielleicht knappste und prägnanteste Form, in der sich die Essenz der buddhistischen Lehre ausdrücken lässt. Was sich dem oberflächlichen Blick als Welt, Natur, Mensch und Tier, als Dinge und Situationen darstellt, verliert bei genauem Hinsehen seine vermeintliche Gegenständlichkeit. Das Objektive und scheinbar Statische der Wirklichkeit löst sich auf in Bewegung und Geschehen. Nichts „ist" im letzten Sinn, nichts besitzt eine Eigennatur und existiert unabhängig und eigenständig, von sich aus und aus sich heraus. Alle Erscheinungen bestehen nur in Abhängigkeit. Sie besitzen Realität nur in einem Beziehungsgeflecht ganz unterschiedlicher Faktoren. Sie sind an charakteristische Bedingungen gebunden, verändern sich und verschwinden mit ihnen.Aber Vorsicht: Wenn der Buddha von dem Entstehen in Abhängigkeit spricht, ist es nicht dasselbe, worauf (insbesondere) die Naturwissenschaften zielen, wenn sie Kausalitätszusammenhänge erforschen. Wenn sie von Ursache-Wirkungs-Beziehungen sprechen, tun sie es, um die Wechselwirkungen vorhandener (materieller) Erscheinungen und messbarer Kräfte zu beschreiben. Der Buddha hingegen will verdeutlichen, wie die Daseinsphänomene selbst aufsteigen, unter welchen Bedingungen Ich und Welt, Subjekt und Objekt, Körper und Geist, Wahrnehmung und Wahrgenommenes, Erleben und Erlebtes usw. Wirklichkeit werden.

Kaum eine Doktrin des Buddha ist auf so viel Unverständnis gestoßen und wurde so häufig und gründlich missdeutet wie diese seine Darlegungen über die Konditionalität der Existenz. Die Gründe hierfür sind vielfältig und verständlich zugleich. Das europäische Denken tut sich noch heute sehr schwer mit dieser Lehre, weil es traditionell mehr mit den Kategorien von Sein und Substanz vertraut ist als mit solchen der Relativität und Prozesshaftigkeit des Daseins. Aber zudem gehört der Sachverhalt selbst zu den tiefgründigsten und verborgensten Dingen überhaupt. Ihn ohne fremde Hilfe zu entschlüsseln und damit das entscheidende Rätsel der Existenz zu lösen, bleibt Erwachten, bleibt Buddhas vorbehalten.

Das Verständnis des paticca samuppada ist keine Frage des Intellekts und der Kenntnis von Begriffsreihen allein. Vielmehr geht es darum, seine Richtigkeit an der Realität selbst zu messen, seine einzelnen Aspekte in unserem Leben zu entdecken und vor allem seine Einsichten wirksam werden zu lassen. Denn: Die Lehre vom Bedingten Entstehen hat wenig mit gedanklichen Spielereien und gelehrten Debatten zu tun. Sie ist der Code zu unserer endgültigen Befreiung und letztlich auch nur im Voranschreiten auf dem spirituellen Weg zu durchdringen.

Seine Ausführungen zu diesem Thema hat der Buddha mit zwei nachdrücklichen Empfehlungen versehen: es ohne Einschränkungen ernst zu nehmen und es in seiner ganzen Tiefe keinesfalls zu unterschätzen. Von der Gleichsetzung der Lehre von der Konditionalität mit dem Wesen des Dhamma und damit von ihrer herausragenden Bedeutung war schon die Rede. (Majjhima Nikaya 28) Die Warnung des Erwachten, allzu schnell zu glauben, man habe sie hinreichend verstanden, soll zum Abschluss folgen. Wieder dient eine Begebenheit aus der Zeit des Buddha zur Veranschaulichung:
Eines Tages kommt der Erwachte auf seiner Wanderschaft in das Gebiet der Kurus und macht in einem Dorf mit Namen Kammasadamma Station. Sein langjähriger Begleiter, Schüler und fürsorglicher Helfer, der ehrwürdige Ananda, ist mit ihm unterwegs. Er ist derjenige, der bei zahlreichen Unterredungen des Erwachten anwesend war und eine entsprechende Vielzahl von Belehrungen mit angehört hat. Da geht der ehrwürdige Ananda dorthin, wo sich der Erhabene gerade aufhält, begrüßt ihn ehrfürchtig, setzt sich zu ihm und sagt:
„Wunderbar, Herr, unvergleichlich, Herr, wie so sehr tief dieses Gesetz von der ursächlichen Entstehung ist und wie tief es erscheint; aber doch kommt es mir vollkommen klar vor."
„Nicht so, Ananda, nicht so, Ananda! Tief ist, Ananda, dieses Gesetz von der ursächlichen Entstehung und tief erscheint es. Infolge der Unkenntnis dieses Gesetzes, Ananda, infolge des Nichtverstehens und Nichtbegreifens ist dieses Geschlecht wirr geworden wie ein (vernachlässigtes) Gewebe und verknotet wie ein Garnknäuel und gleich dem Munja- und dem Babbajagras und kommt nicht hinaus über niedrige Daseinsform, über leidvolle Existenz, über Verdammnis, über den Kreislauf der Wiedergeburten ... 10)

Anmerkungen

1) Vgl. zu diesem Abschnitt Beyerlein, Raimund/Fritz Schäfer (Hrsg.): Der Buddha und sein Orden, Stammbach-Herrnschrot 2000 (Beyerlein & Steinschulte), S. 54 ff. und Nyanaponika Thera: Sariputta. Meister des Dhamma, in: Nyanaponika Thera/Hellmuth Hecker: Die Jünger Buddhas, Bern-München-Wien 2000, S. 37 f.

2) Samyutta Nikaya 12,15; in Debes, Paul: Meisterung der Existenz, Bindlach 1997, S. 563 ff. Vgl. dazu auch Fritz Schäfer in diesem Buch.

3) Der Sachverhalt ist an dieser Stelle etwas vereinfacht dargestellt, weil auch das „Wir" bzw. jedes „Ich" genauso „konstruiert" ist wie eine scheinbar objektive Welt in Zeit und Raum.

4) Die üblichen Übersetzungen gebrauchen hier meist den blassen und die eigentlichen Gegebenheiten eher verschleiernden Begriff Bewusstsein (vinnana). Allenfalls könnte man von Bewusstwerden oder besser von der Dynamik des Bewusstseins sprechen.

5) Majjhima Nikaya 28; vgl. Neumann, Karl Eugen: Die Reden des Buddha. Mittlere Sammlung, Herrnschrot 1995 (Beyerlein & Steinschulte)

6) Die Lehre des Bedingten Entstehens ist die zweite der „Vier Edlen Wahrheiten", die vom Ursprung beziehungsweise von der Fortsetzung des Leidens handelt. In ihr ist als Gegenstück zugleich auch die dritte Grundaussage des Buddha (über die Beendigungsmöglichkeit von dukkha) angelegt. Daher wird die Identifikation des dhamma mit dem paticca samuppada verständlich.

7) Digha Nikaya 14; in Dahlke, Paul: Digha Nikaya. Die Lange Sammlung der Lehrreden, Zehlendorf 1920, S. 128

8) Eine andere „Kurzfassung" stellt das Begriffspaar von Wahn (avijja) und Beeinflussung (asava) dar. Unwissen, Irrtum und Täuschung hinsichtlich der Realität machen den Menschen treffbar und verletzbar. Mit seiner Reaktion beeinflusst und verfestigt er seinerseits die Wahnwirklichkeit - und so fort. Der Buddha verwendet mehrere (kürzere oder längere) Begriffsreihen zur Erklärungen des Bedingten Entstehens, was zu zusätzlichen Verständnisschwierigkeiten führt. Ebenso richtig wäre die Reduzierung auf die Wechselbeziehung von Handeln und Erleben. Tatsächlich gibt es nicht anderes als Aktivität und Resultat, Energie und Erscheinung. In anderen Zusammenhängen wird als „Urbedingung" für dukkha lediglich einer der zwölf Faktoren angegeben: entweder Unwissenheit (avijja) oder Verlangen/Durst (tanha).

9) Samyutta Nikaya 12,15, a.a.O.

10) Samyutta Nikaya 12,60 in der Übersetzung von Wilhelm Geiger; in Geiger, Wilhelm/Nyanaponika Mahathera/Hellmuth Hecker: Die Reden des Buddha. Gruppierte Sammlung, Herrnschrot 1997, S. 130




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