Zeitschriftenartikel

Das Leben des Buddha

Alfred Weil

Der größte Sohn Indiens – der Buddha – ist dem Namen nach heute sehr vielen Menschen bekannt. Mit seinem Klang verbinden sich Güte und Friedfertigkeit, Erhabenheit und Weisheit. Übereinstimmend gilt der Buddha als einer der bedeutendsten Menschheitslehrer und Heilskünder. Doch wer war dieser Buddha, der Erwachte, wie das alte indische Wort übersetzt heißt. Wann und wo lebte er? Was lehrte er, und was macht seine überragende Bedeutung aus?

Bis heute bleiben die genauen Lebensdaten des Buddha unbekannt. Doch wir können sagen, dass er etwa ein halbes Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung in Norden des indischen Subkontinents lebt und wirkt. Er entstammt dem Adelsgeschlecht der Sakyer und trägt den persönlichen Namen Siddhattha Gotama. Er genießt die Zuneigung und die Fürsorge seiner Eltern und entsprechend seiner fürstlichen Herkunft ist er jeder materiellen Sorge enthoben. Seine Ausbildung ist standesgemäß, und er pflegt Umgang mit den im besten Sinne des Wortes adeligen Menschen seiner Zeit.
Doch die Kinderjahren Siddhatthas verlaufen keineswegs ungetrübt. Sieben Tage nach der Niederkunft stirbt seine Mutter Maya, und Mahapajapati, die zweite Frau seines Vaters Suddhodana, übernimmt die Mutterrolle. Sie tut es mit aller Hingabe, doch hinterlässt die frühe Erfahrung von Sterblichkeit und Verlust ihre Spuren.

Eine legendarische Erzählung unterstreicht, dass existenzielle Fragen und Zweifel den jungen Siddhattha schon früh bewegen. Eines Tages nimmt eine bunt schimmernde Eidechse im Garten des Palastes seinen Blick gefangen. Er ist fasziniert von ihrer Schönheit und Wendigkeit, muss aber mit einem Gefühl der Beklemmung beobachten, wie sich das possierliche Tier genüsslich an zahlreichen Ameisen labt und ihnen den Tod bringt. Unverhofft muss er dann mitansehen, wie dieselbe Eidechse im Rachen einer heranschleichenden Schlange verschwindet, die kurz danach ihrerseits sich windend von einem Greifvogel davon getragen wird. Das also, sieht er bestürzt, ist die Schattenseite des Lebens: die unmittelbare Nähe zu Tod und Schmerz.

Für eine gewisse Zeit bleiben diese Erfahrungen im Hintergrund, die lockenden Erlebnisse der Jugend nehmen die Aufmerksamkeit Siddhatthas gefangen. Sein Vater unterlässt zudem nichts, um den Heranwachsenden ganz auf seine künftige Rolle am Hof vorzubereiten. Schließlich soll er ja sein Nachfolger werden und eines Tages die Herrschaft über die Sakyer antreten. Unmittelbar nach der Geburt Siddhatthas hatten weise Seher geweissagt, er werde entweder ein Weltenherrscher werden oder als Asket in die Hauslosigkeit ziehen, um das vollkommene Heil zu suchen. Für den Vater freilich kommt nur die erste Möglichkeit in Frage: eine glänzende politische Laufbahn. Und dafür tut er alles.

Doch es soll anders kommen. Der junge Siddhattha hat sich vorgenommen, einen Ausflug in den nahen Park zu machen. Doch das kleine Abenteuer endet mit einem Schock. Was ihn wie der Blitz trifft, hat er in seiner jugendlichen Verblendung noch nie bewusst wahrgenommen: einen alten Menschen. Und als ihm sein Wagenlenker bestätigt, dass alle Menschen dem Altern unterworfen sind, ist für Siddhattha nicht nur dieser Tag verdorben. „Was ist dieses Leben wert, wenn aus jungen Menschen Greise werden!?“ Doch dabei bleibt es nicht. Bei nächster Gelegenheit sieht er sich mit einem hilflosen kranken Menschen konfrontiert, der von anderen getragen und gepflegt wird, und schließlich mit einer Leiche auf dem Weg zum Verbrennungsplatz.

Damit sind die Weichen gestellt. Alle Bemühungen der Familie, den Prinzen von der Idee abzubringen, statt eines königlichen Herrschers ein spiritueller Sucher zu werden, bleiben fruchtlos. Es gelingt nicht, alle Schattenseiten des Lebens vor ihm zu verbergen. Der Versuch, ihn mit allen erdenklichen weltlichen Genüssen abzulenken, misslingt ebenso. Auch die Heirat mit der schönen und liebevollen Yasodhara und selbst die Geburt eines Sohnes können Siddhattha nicht davon abhalten, aus dem Haus in die Hauslosigkeit zu ziehen. Den Ausschlag dafür gibt eine vierte Ausfahrt, bei der er einem Pilger begegnet, der still und von innerem Frieden erfüllt des Weges geht. Er ist die verkörperte Hoffnung, dass Freiheit möglich ist. Siddhattha will, ja er muss einen Weg finden und die leidvollen Erfahrungen des Lebens ein für alle Mal überwinden. Im Weltleben ist das nicht möglich.

So verlässt Siddhattha im Alter von 29 Jahren seine Familie und sein Zuhause, um das höchste Gut zu suchen, wie die alten Texte sagen. Als Asket unterwegs, den nichts anderes als die Wahrheit und die Befreiung interessieren, sucht er zunächst die bedeutendsten spirituellen Lehrer seiner Zeit auf. Von ihnen lernt er Yoga und Meditation, er schult sein Denken und schärft seine Disziplin. Aber das ersehnte Ziel erreicht er trotz geradezu übermenschlicher Anstrengungen nicht. Er erkennt, dass auch seine Lehrer es noch nicht verwirklicht haben.

Nach manchen weiteren vergeblichen Versuchen, bei denen er viele Entbehrungen und äußerste körperlich Schmerzen auf sich nimmt, weiß er sich für einen Moment keinen Rat mehr. Da fällt ihm ein längst vergessenes Kindheitserlebnis ein: ein beseligter Zustand tiefen inneren Friedens, den er damals spontan erlebt hatte. Das ist der Weg, weiß er sofort: Es gilt, sein Herz von allen Befleckungen zu säubern. Wer ein vollkommen reines Wesen besitzt, ist heiter und gesammelt. Und wer froh und still ist, dem wird die Wahrheit unmittelbar einsehbar. Wer es schafft, Begehren und Aversion gänzlich zu überwinden, kann sich von den Fesseln des leidvollen Daseins befreien.
Diesen Weg beschreitet er nun ebenso zielsicher wie energisch, und bald ist aus Siddhattha Gotama ein Buddha geworden. Im Alter von 35 ist er aus dem Daseinstraum erwacht.

Zunächst hat er gar nicht vor zu lehren. Zu tief erscheinen ihm die erkannte Wahrheit und zu oberflächlich die nur an ihrem sinnlichen Vergnügen interessierten Menschen. Doch eine hohe Gottheit, Brahma Sahampati, bewegt ihn der Überlieferung gemäß mit eindringlichen Worten, sein Wissen doch weiterzugeben. An die, die „wenig Staub auf den Augen“ haben. Und das wird er in den nächsten 45 Jahren unermüdlich tun.
Doch wen soll er zuerst unterrichten? Gerne will er seine Einsichten in Dankbarkeit seinen beiden Hauptlehrern weitergegeben, doch die sind kurz zuvor verstorben. So entscheidet er sich, fünf frühere Mitasketen aufzusuchen. Bei Benares findet er sie und macht sie zu seinen ersten Mönchen. Nach langen Zeiten geistiger Dunkelheit sind jetzt wieder drei spirituelle Schätze in der Welt finden: der Buddha, seine Lehre und seine Gemeinschaft. Das Rad der Lehre ist wieder ins Rollen gebracht.

Was aber ist seine Botschaft? Es heißt, dass vollkommen Erwachte in der Welt erscheinen, weil dort Geburt, Alter und Tod anzutreffen sind. Da sie nun besiegt sind, kann das Streben aller Wesen nach dauerhaftem Wohl endlich Erfüllung finden. Wer Gehör leihen will, kann – entsprechend seiner Verständniskraft – die Wahrheit aufnehmen und den Weg gehen.
Den meisten Menschen zeigt der Buddha, wie ihr Leben schöner und heller, angenehmer und beglückender werden kann. Er beginnt damit, den kaum zu unterschätzenden Wert der Großzügigkeit und eines verantwortungsbewussten, ethisch einwandfreien Verhaltens zu verdeutlichen. Er weiß, dass jeder letzten Endes nur das erntet, was er sät.

Außerdem zeigt der Buddha, dass das Leben keineswegs mit dem Zerfall des Körpers endet. Es setzt sich vielmehr jenseits des Todes in einer über- oder in untermenschlichen Qualität fort. Ebenfalls dem vorangegangenen heilsamen oder unheilsamen Denken, Reden und Handeln gemäß. Wer weiter folgen will, dem weist der Buddha den Weg der Meditation und damit die Möglichkeit, unerschütterlichen Herzensfrieden zu finden.
Es sind nur wenige Zuhörer, die auch für die höchste und alles entscheidende Lehre offen sind: für die Vier Heilenden Wahrheiten. Sie helfen nicht nur, das Dasein schöner und angenehmer zu machen, sondern jeder Form von Unzulänglichkeit und Schmerz ein für alle Mal ein Ende zu machen.
Alle Erscheinungen, so der Buddha, sind wandelbar, unvollkommen und substanzlos. Bei ihnen ist kein Heil zu finden. Und dennoch geben sich die Wesen aus Unwissen und blindem Verlangen immer wieder weltlichen Dingen hin. Aber es gibt „das Ende allen Leidens“, „die todlose Stätte“, „das sichere Eiland“, das das jeder erreichen kann. Der Weg dahin ist der „Edle Achtfache Weg“ mit seinen drei Hauptetappen. Eine umfassende und realistische Sicht der Wirklichkeit jenseits aller verzerrenden persönlichen Perspektiven steht am Anfang. Weisheit begründet und trägt ein ethisch fundiertes Verhalten, denn das eigene Glück lässt sich nicht auf Kosten und zum Nachteil des anderen erlangen. Meditation schließlich heißt, Herz und Geist von unguten Eigenschaften zu reinigen und zur Stille zu finden.

„Komm und sieh‘ selbst!“ lautet daher vor rund 2500 Jahren die Einladung des Erwachten, seine Lehre kennenzulernen. Jeder kann prüfen, ob er die angebotene Hilfe annehmen möchte und den Wahrheitsgehalt des Gehörten im eigenen Leben wiederfindet.
Immer mehr Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung folgen dieser Einladung, und bald ist eine buddhistische Gemeinschaft entstanden. Mönche und Nonnen gehören ihr ebenso an wie Männer und Frauen, die ein spirituelles Leben im Rahmen von Familie und Beruf führen wollen. Die befreiende Wahrheit wird ein wertvolles Geschenk auch für die Familie des Buddha, und sein Wirken findet breite Unterstützung der damaligen Könige und Herrscher. Doch sind wahre Worte manchen auch ein Dorn im Auge, nicht jeder hört gerne, wenn Irrtum benannt und Missstände aufgedeckt werden. So werden zwar viele Brahmanen Anhänger des Erwachten, andere aber zeigen auch offene Anfeindung.

Seine letzte Regenzeit verbringt der Buddha in Vesali. Mittlerweilen ist er achtzig Jahre, sein Körper alt und gebrechlich, doch sein Geist nach wie vor klar. Sein Tod steht bevor, und es gilt noch einiges zu regeln. Seinen Anhängern gibt er letzte Belehrungen, befestigt ihr Wissen und ermutigt sie, den Weg der Befreiung weiterhin unermüdlich zu verfolgen. „Schwinden muss jede Erscheinung, ernsten Sinnes mögt ihr da kämpfen“; das ist sein letztes Wort.
Bald darauf legt der Buddha seinen letzten Körper ab. Der zeitlose, makellose, unerschütterliche und höchste Friede ist erlangt. Das Wissen davon in vielen Menschen verankert. Um seine Verbrennung kümmern sich seine Laienanhänger, die eine siebentätige aufwändige und sinnenfrohe Leichenfeier zelebrieren. Sie verbrennen den Leichnam und verteilen seine Reliquien, um die es noch ein kleines Gerangel gibt.

Wir verabschieden uns mit dem Gruß: Mögen alles Wesen glücklich sein und Frieden finden.


Nach einem Vortrag in NDR Info: Aus der Sendereihe Religionsgemeinschaften - Buddhisten, am Sonntag, 08.01.2017, 7.15 bis 7.30



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