Zeitschriftenartikel

Einen unermesslichen Schatz bewahren

Ein Plädoyer für die Lehren des Buddha



Vor hundert Jahren rief noch ungläubiges Staunen und Kopfschütteln hervor, was heute schon fast „normal" ist: in der westlichen Welt Buddhist oder Buddhistin zu sein. Und doch sind die Lehren des Erwachten bei uns noch nicht wirklich angekommen. Warum das aber wünschenswert ist und wo die Knackpunkte liegen, skizziert der ehemalige Vorsitzende der DBU. Sein Beitrag ist zugleich auch ein sehr persönliches Resümee.


Pioniere

Eine kleine Sensation war es, als sich der in Deutschland gebürtige und in jungen Jahren in die USA ausgewanderte Carl Theodor Strauß öffentlich zum Buddhismus bekannte. Als Teilnehmer an der historischen Tagung des Weltparlaments der Religionen 1893 in Chicago konvertierte er und ist damit möglicherweise der erste Deutsche, der sich der Lehre des Buddha zuwandte und das auf unübersehbare Weise publik machte. Im selben Jahr übertrug der Wiener Karl Eugen Neumann das Dhammapada, einen der bekanntesten Texte des buddhistischen Kanons, ins Deutsche und legte damit einen Grundstein für seine bahnbrechenden Übersetzungen. Zehn Jahre später trat Anton W. F. Gueth, der spätere Nyanatiloka, in Burma als erster Deutscher in den Orden ein, während im August - ebenfalls 1903 - der Indologe Karl Seidenstücker in Leipzig mit dem „Buddhistischen Missionsverein" die erste buddhistische Vereinigung Deutschlands ins Leben rief.

Seitdem sind gut 100 Jahre vergangen, und vieles hat sich verändert. Was damals Verwunderung, ungläubiges Staunen und nicht selten hilfloses Kopfschütteln hervorrief, ist heute schon ein ganzes Stück Normalität. Der Buddhismus ist im Westen angekommen. Von über 200.000 Buddhistinnen und Buddhisten in Deutschland ist die Rede, wenigstens, wenn man diejenigen Anhänger der Lehre des Erwachten hinzuzählt, die aus Asien zu uns gekommen sind und bei uns leben. Wie viele Gruppen und Gemeinschaften es inzwischen hierzulande gibt, kann man nur schätzen. Fast sechzig der größeren und aktivsten haben sich in der DBU zusammengeschlossen, die in diesem Jahr auf eine 50-jährige Geschichte zurückblickt.

Langzeitstudent

Gerade hatte ich ein Buch in der Hand, in dem ich immer wieder einmal nachschlage. Es ist eine Übersetzung von Lehrreden und schon ziemlich abgegriffen. Es war vor 25 Jahren der Ausgangspunkt meines „buddhistischen Studiums", und inzwischen bin ich so etwas wie ein Langzeitstudent geworden. Aber ohne das Interesse zu verlieren oder zu bummeln. Warum eigentlich? Bin ich nicht getauft und einmal Mitglied der evangelischen Kirche gewesen? Habe ich nicht sogar einige Semester Theologie studiert?

Diese Fragen kann man mit einem Satz oder mit einem ganzen Buch beantworten, aber vielleicht finde ich ja einen Mittelweg. Tatsächlich gab es für mich eine Reihe von Gründen, weshalb ich mich mit den buddhistischen Lehren angefreundet und sie zur Richtschnur meines Lebens gemacht habe. Und vielleicht gelten diese für den einen oder anderen in ganz ähnlicher Weise.

Dharma-Qualitäten

Mich hat immer interessiert, was sich hinter den Kulissen des Lebens abspielt, was „die Welt im Innersten zusammenhält". Goethe lässt Faust noch sagen, dass wir Menschen nichts wissen und auch nichts wissen können. Bei dem Buddha hatte ich da sofort einen anderen Eindruck: „Da ist einer, der sieht und aus Erfahrung spricht. Selbst wenn es um die tiefsten spirituellen Fragen geht." Religion, so will ich die Lehren des Erwachten durchaus nennen, ist also nicht allein etwas für jemanden, der glauben will. Spiritualität kann sehr wohl eine fundierte Basis in Wissen und Einsicht haben. Der Verstand muss nicht geopfert werden, sondern kann, ja muss systematisch eingesetzt werden, wo er gefragt ist. Ich denke, dass gerade dieser „wissenschaftliche Anspruch" des Buddhismus für die Menschen im Westen ein großes Plus darstellt.

Nicht weniger überzeugte mich die gewinnende Grundhaltung des Buddhismus. Die Lehren des Erwachten verstehen sich als ein Angebot. Man kann es annehmen oder nicht, so wie wir einer Einladung folgen oder an dem betreffenden Abend etwas anderes tun können. Dem Buddha ging es offensichtlich nicht darum, eine möglichst große Gefolgschaft um sich zu versammeln, Ruhm und Anerkennung zu ernten, Macht und Einfluss geltend zu machen, materielle Reichtümer anzusammeln oder jemanden für zweifelhafte Zwecke zu vereinnahmen. Er wollte den Menschen helfen und streckte seine Hand aus. Uns bleibt es überlassen, sie zu ergreifen. Tun wir es nicht, entgeht uns etwas, aber wir werden dafür nicht verurteilt oder bestraft. Weil der Dharma in diesem Sinne offen und weit ist, hat er eine Zukunft.

Buddhismus ist glücklicherweise keine einseitige Angelegenheit. Er spricht uns auf allen Ebenen an und bezieht viele Facetten des Lebens ein. Seine Lehren sind die beste Nahrung für Kopf und Herz. Unser Intellekt kommt auf seine Kosten, weil die rationale Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit möglich ist. Spiritualität ohne Wissen ist blind und letztlich ziellos. Aber auch die Kräfte unseres Gemüts sind angesprochen. Der buddhistische Weg entfaltet und kultiviert die inneren Qualitäten des Menschen und baut auf seine Hingabe, sein Wohlwollen und sein Mitgefühl.

Ein weiterer Pluspunkt: Ich bin nicht vor die Scheinalternative gestellt, entweder ein aktives oder ein kontemplatives Leben zu führen. Beide Lebensformen haben ihren eigenen Wert und sind zugleich wichtige Übungsfelder. Anderen Menschen auf eine humane und freundliche Weise zu begegnen, ist nicht nur eine Überlebensfrage unserer Gesellschaft. Ein ethisch fundiertes Handeln ist genauso eine unabdingbare Voraussetzung für geistiges Wachstum. Der Buddha hat für beides plädiert. Er sagte, welche Regeln das menschliche Zusammenleben bestimmen und heben sollten und wie wir selbst mit ihnen reifen können.

Was ich in der christlichen Kirche vermisst habe, habe ich im Buddhismus gefunden: die Möglichkeit einer systematischen Schulung des eigenen Geistes. Über 2500 Jahre ist die Praxis der Meditation lebendig geblieben. Erfahrene Lehrerinnen und Lehrer vermitteln eine Vielfalt von erprobten Methoden, den Geist stiller und klarer zu machen. Sie zeigen einen Weg nach innen und helfen, dort die Schätze zu heben, die wir allzu gerne in materiellen Dingen und sinnlichen Erlebnissen suchen. Das ist, was viele Menschen in den modernen Gesellschaften zunehmend vermissen.

Vielleicht kennen Sie das Gleichnis von der Elefantenspur. Der Elefant ist das größte Tier des Waldes, und wo er geht, hinterlässt er eine deutliche Fährte. Keine andere reicht an sie heran, und in der Spur seines mächtigen Fußes haben die Abdrücke aller anderen Tiere Platz. Das soll nicht überheblich klingen, und doch erhebt der Buddha diesen Anspruch: Es gibt Dinge, die nur von Erwachten entdeckt, verwirklicht und gelehrt werden. Sie sind in anderen Weltanschauungen nicht zu finden. Viele Religionen sprechen davon, dass Großzügigkeit und Freigebigkeit hervorragende und heilsame Eigenschaften sind. Sie raten, ein ethisch einwandfreies Leben zu führen. Einige reden von Fortexistenz und Wiedergeburt und einige erklären sogar, wie die Welt der Sinne und der Dualität gänzlich überschritten werden kann. Aber nur ein Buddha weiß um die Ich- und die Substanzlosigkeit aller Dinge und zeigt, wie wir von allem Gewordenen und Bedingten ganz frei werden.

Nicht betriebsblind

Nein, ich gehöre nicht zu denen, die nur in den schönsten Farben malen und alles uneingeschränkt gut heißen. Das wäre der Sache auch gar nicht dienlich. Hat doch der Buddha selbst empfohlen, nicht unkritisch alles zu übernehmen und für richtig zu halten, was die Tradition dafür ausgibt, irgendwelche Autoritäten verkünden oder einfach gängige Meinung ist. Selbst soll man prüfen, wie sich die Dinge verhalten, und wenn die eigene Erfahrung das bestätigt, was man von Dritten gehört hat, ist man auf gutem Weg.

An den Wahrheiten, die der Buddha mitgeteilt hat, habe ich keine Zweifel. Immer mehr stellt sich als zutreffend und nachvollziehbar heraus, was ich früher nur aus Vertrauen angenommen habe oder weil eine gewisse Plausibilität dafür sprach. Aber ich sehe inzwischen genauer hin, wie wir mit diesen Wahrheiten umgehen. Wie wir sie verstehen, sie umsetzen und praktizieren und wieweit sie bei uns schon Fuß gefasst haben. Bei einer Zwischenbilanz auf die Frage, ob und wie der Buddhismus im Westen angekommen ist, ist auf diesen Aspekt besonders zu achten.

Ich sage in diesem Zusammenhang gern: Wir sind Buddhisten und keine Buddhas. Wir sind Übende und Suchende. Gerade wir im Westen, wo es keine lange Dharma-Tradition gibt und die gängige Weltanschauung in vielen Punkten der buddhistischen Sichtweise diametral entgegensteht. Wo es nur wenige authentische Lehrerinnen und Lehrer gibt, von denen wir lernen können, und wo viele dieser Lehrer aus Asien kommen und weder mit der westlichen Mentalität noch mit unseren Lebensgewohnheiten hinreichend vertraut sind.

Sicher, buddhistische Literatur gibt es bei uns in großem Umfang, einschließlich der authentischen Quellen. In vielen Seminarhäusern werden Kurse mit einer breiten Themenvielfalt abgehalten und Studienmöglichkeiten angeboten. Zahllose Meditationskurse, Vortragsveranstaltungen und Kongresse finden regelmäßig statt, Zeitschriften, Tonträger und Internetseiten liefern ein breites Angebot.

Aber täuschen wir uns nicht, noch ist der Dharma im Westen nicht wirklich verankert. Seine Wurzeln sind zart und reichen nicht allzu tief. Zumindest, wenn wir die weitergehenden Lehren und die entsprechende Praxis im Auge haben und nicht bei allgemeinen ethischen Betrachtungen oder „meditativer Entspannung" stehen bleiben. Zwei Beispiele:

Die buddhistischen Lehren sind nur dann in einem Land wirklich zuhause, wenn auch vier Gruppen von ihren Anhängern zu finden sind: Mönche, Nonnen, Laienanhänger und Laienanhängerinnen. Ich bin überzeugt davon, dass im Westen Nichtordinierte auch künftig eine weitaus größere Rolle spielen werden, als sie es traditionell in Asien tun. Aber dennoch: Wenn es nicht Frauen und Männer gibt, die sich mit ganzem Herzen und ausschließlich der spirituellen Praxis widmen, wird diese Praxis insgesamt in diesem Land keinen Bestand haben. Das tiefe Wissen des Dharma und dessen Verwirklichung lassen sich nicht mal „so nebenbei" erschließen. Der Weg braucht Freiräume, Zeit und Energie.

In Asien heißt es gelegentlich, dass zur Dharmapraxis drei Dinge gehören: Dana - sila - samadhi. Man kann diese Worte mit Geben, ethischem Verhalten und Meditation übersetzen. Wir Westler neigen dazu, diese alte und bewährte Reihenfolge umzukehren und nicht einmal alle drei Punkte gleich wichtig zu nehmen. Wir fangen gerne mit der Meditation an, nehmen gerade noch zur Kenntnis, dass Buddhismus auch eine moralische Dimension hat, und beim Thema Gebefreudigkeit sind wir nicht selten fast taub. Das ist vielleicht etwas überpointiert, und ich will auch nicht allzu sehr verallgemeinern, aber in der Tendenz stimmt diese Aussage. Die Folgen davon sind erheblich - für das eigene Vorankommen und für Basis des Buddhismus in unserem Land insgesamt.

Fallen

Organisationen sind nötig. Der Buddha selbst hat eine solche ins Leben gerufen - den Orden der Mönche und Nonnen nämlich. Und manchmal ist man erstaunt, wie zahlreich und ins Einzelne gehend die Vorschriften und Regeln waren, die ein reibungsloses Zusammenleben in der Gemeinschaft ermöglichen sollten. Aber eines war dabei immer klar: Sie waren Mittel zum Zweck und nicht Selbstzweck. Sie dienten dazu, die bestmöglichen Bedingungen für spirituelles Wachstum zu schaffen.

Bei uns sieht das gelegentlich anders aus. Bei unserer besonderen „Gründlichkeit" verschieben sich nicht selten die Akzente. Wir sind so intensiv damit beschäftigt, die Räumlichkeiten des Zentrums in Schuss zu halten, Veranstaltung zu organisieren, Finanzpläne aufzustellen und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, dass in Vergessenheit zu geraten droht, um was es eigentlich geht. Wir übertragen unsere weltliche Geschäftigkeit in den Bereich der Spiritualität und graben ihr damit das Wasser ab. Aus dem befreienden Dharma, bei dem es um Einsicht und Wandlung des Geistes geht, machen wir einen weiteren Ismus, den es trefflich zu verwalten und zu verbreiten, zu vermarkten oder gar zu verteidigen gilt. Und ehe wir uns versehen, sind all die Egotrips und die Banalitäten des Lebens wieder da, die wir gerade loswerden wollen, weil wir nicht intensiv an uns selbst arbeiten.

Ich sage das nicht, um schwarz zu malen, sondern um unsere Aufmerksamkeit zu schärfen. So können wir Fehler vermeiden und einen unermesslichen Schatz bewahren und nutzen, von dem der Buddha gesagt hat, dass er den Menschen nicht unbegrenzt lange zur Verfügung stehen wird.




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