Buchbeiträge - Auf stillem Pfad

Buddhisten beten nicht! - Oder doch?

Beten Buddhisten? Nein!

Auch wenn der Buddhismus mit Recht als eine Religion bezeichnet werden kann, so kennt er doch keinen Schöpfergott. Alle Erscheinungen der Welt, einschließlich der Menschen und Tiere, werden nicht der Schöpfung einer übermenschlichen Wesenheit zugeschrieben, sondern einer universellen Daseinsgesetzlichkeit von Ursache und Wirkung. Glück und Leid, ja das gesamte Erleben ist abhängig vom Tun und Lassen der Wesen. Ihr Denken, Reden und Handeln schafft die Realität, in der sie sich vorfinden (Karma). Das stellt die Menschen in die Verantwortung für sich, die anderen und die Welt.

Deshalb macht es für Buddhisten keinen Sinn, mit einem (personal verstandenen) Gott - ihrem Schöpfer oder Vater oder Herrn - in Kontakt zu treten, ihn um Rat, Kraft oder Zuspruch zu bitten. Sie erwarten nicht, dass Gott ihnen hilft, ihre Lebenssituation zu verändern und zu meistern. Sie bitten ihn nicht um Beistand, Einsicht oder Mut. Buddhisten beten nicht.

Auf der anderen Seite anerkennen auch Buddhisten ein „höchstes Wesen": den Buddha, den aus dem Daseinstraum Erwachten. Er ist für sie die verkörperte Wahrheit, inspirierendes Vorbild und unübertroffener Lehrer. Ihm gegenüber drücken sie ihr volles Vertrauen, ihre Dankbarkeit und Verehrung aus. Zu ihm nehmen sie ihre „Zuflucht", seinem Weg der Befreiung von allem Leiden (Nirvana) folgen sie. Wenn sich Buddhisten für sich oder öffentlich zu dem Buddha bekennen, sind ihre stillen oder gesprochenen Worte keine „Gebete". Sie „rezitieren" vielmehr dazu geeigneten Texte.

Verehrungsformel (Pali und Deutsch)
Namo Buddhaya - Verehrung sei dem Buddha.
Namo Dhammaya - Verehrung sei der Lehre.
Namo Sanghaya - Verehrung sei der Gemeinschaft.

Zufluchtnahme
Buddham saranam gacchami. - Ich nehme Zuflucht zum Buddha.
Dhammam saranam gacchami. - Ich nehme Zuflucht zum Dhamma.
Sangham saranam gacchami. - Ich nehme Zuflucht zum Sangha.
Dutiyampi Buddham saranam gacchami. - Zum zweiten Mal nehme ich Zuflucht zum Buddha.
Dutiyampi Dhammam saranam gacchami. -Zum zweiten Mal nehme ich Zuflucht zum Dhamma.
Dutiyampi Sangham saranam gacchami. - Zum zweiten Mal nehme ich Zuflucht zum Sangha.
Tatiyampi Buddham saranam gacchami. - Zum dritten Mal nehme ich Zuflucht zum Buddha.
Tatiyampi Dhammam saranam gacchami. - Zum dritten Mal nehme ich Zuflucht zum Dhamma.
Tatiyampi Sangham saranam gacchami. - Zum dritten Mal nehme ich Zuflucht zum Sangha.

(Khuddaka Patha)

Beten Buddhisten? Ja!

Dennoch findet man immer wieder in buddhistischen Texten unseres Sprachraumes die Aussage, dass Buddhisten „beten". Manche Formen ihrer spirituellen Praxis mögen von außen betrachtet auch so aussehen, als ob hier das gleiche geschieht wie im christlichen Kontext oder bei anderen Gottesreligionen. Und doch geht es um etwas anderes: nämlich um einen Dialog, eine Zwiesprache in und mit „sich", um einen inneren Vorgang.

Er dient im Wesentlichen zwei eng miteinander verbundenen Zielen: Geist und Gemüt klar und ruhig werden zu lassen sowie seine eigene Motivation und Haltung zu reinigen.

  • Eine Buddhistin oder ein Buddhist wird versuchen, sich wichtige Einsichten und Erfahrungen (immer wieder) vor Augen zu führen und zu verinnerlichen. Sie werden ihm so Leitbild und sichere Orientierung für seinen Alltag.
  • „Beten" im buddhistischen Sinn kann daneben auch das Bemühen um eine heilsamere Einstellung gegenüber dem Leben und den Mitmenschen sein. Es zielt dann auf die Veränderung der eigenen Absichten, Wünsche und Motive. Sie sollen weniger egozentriert, weniger vordergründig und banal, dafür rücksichtsvoller, gütiger und mitempfindender sein.

Diese Praxis der „Meditation" oder „Besinnung" oder „Kontemplation" ist eine Voraussetzung, um das höchste und letzte Ziel auf dem spirituellen Weg zu erlangen.

Lebenstatsachen

Fünf Tatsachen sollte jeder öfters bei sich erwägen, sei es Mann oder Frau, ein im Haus Lebender oder Hausloser: ‚Dem Altern bin ich unterworfen, kann dem Alter nicht entgehen. Der Krankheit bin ich unterworfen, kann der Krankheit nicht entgehen. Dem Sterben bin ich unterworfen, kann dem Sterben nicht entgehen. Von allem Lieben und Angenehmen muss ich scheiden und mich trennen. Eigner und Erbe meiner Taten bin ich, meinen Taten entsprossen, mit ihnen verknüpft, habe sie zur Zuflucht und die guten und bösen Taten, die ich tue, werde ich zum Erbe haben.'
(Der Buddha: Anguttara Nikaya 5,57)

Sich selbst zum Beispiel nehmen

Ich möchte am Leben bleiben und nicht sterben, ich suche Wohl und meide Schmerz. Wenn mich nun jemand, der ich doch am Leben bleiben und nicht sterben möchte, der ich Wohl suche und Schmerz meide, des Lebens berauben würde, so wäre mir das (höchst) unerwünscht und unangenehm. Und wenn ich nun einen anderen, der ebenfalls am Leben bleiben und nicht sterben möchte, der Wohl sucht und Schmerz meidet, des Lebens berauben würde, dann wäre das jenem (höchst) unerwünscht und unangenehm. Wenn mir eine Sache unerwünscht und unangenehm ist, dann ist sie es dem anderen genauso. Wenn mir eine Sache unerwünscht und unangenehm ist, wie könnte ich sie dann einem anderen aufbürden? (Entsprechend zu Stehlen, sexuellem Fehlverhalten, Lüge, Berauschung)
(Der Buddha: Samyutta Nikaya 55,7)

Beten Buddhisten? Ja!

Auch in einem weiteren und nach westlichem Verständnis wörtlich(er)en Sinn kann man sagen, dass (manche) Buddhisten beten. Die buddhistische Lehre kennt nämlich durchaus übermenschliche Wesen, Gottheiten, Schutzgeister als „jenseitige", nicht unmittelbar sichtbare personale Realität. An sie kann sich der Anhänger wenden, um Schutz, Unterstützung und Rat zu erbitten. Insbesondere mit bestimmten Schutztexten (paritta) werden wohlmeinende Gottheiten gebeten, die Welt zu beschirmen und Gefahren oder Unheil von dem Einzelnen abzuwenden.

Man kann davon ausgehen, dass die meisten gläubigen Menschen in den buddhistischen Ländern dieser Form der „volksbuddhistischen" Religiosität nahe stehen und sie praktizieren - meist ohne weiter gehende religiöse Absichten. So kann man Buddhisten durchaus in den Tempeln und Pagoden darum bitten hören, dass die Tochter das Examen bestehen, der Sohn einen guten Arbeitsplatz finden und man selbst von Krankheit befreit werden möge. Im Laufe der Zeit wurde auch der Buddha selbst immer mehr „vergöttlicht" und zu einem Wesen uminterpretiert, das der eigenen Wunscherfüllung dienlich sein kann und an den man deshalb vertrauensvoll wendet.

Der Buddha hat solche Praktiken der Anrufung höherer Wesen nicht generell verworfen, aber mit Nachdruck auf ihre Vordergründigkeit und Vorläufigkeit hingewiesen. Beten in diesem Sinn mag wohl helfen, bestimmte Lebens- oder Krisensituationen besser zu bewältigen, aber nicht, um völlige und dauerhafte Leidfreiheit, das eigentliche Ziel der Buddhisten, zu erreichen.

Nach buddhistischer Auffassung gehören „göttliche Wesen" anderen, für uns transzendenten Dimensionen des Daseins an und haben zum Teil weit über das Menschliche hinausgehende Fähigkeiten und Qualitäten. Dennoch sind sie unvollkommen und erlösungsbedürftig. Und schließlich darf nicht vergessen werden, dass auch solche Gottheiten letztlich nicht anderes als die Widerspiegelung der eigenen Herzensqualitäten und der eigenen Handlungen sind und keine „objektiven" Realitäten.

Schutz

Der Buddhabotschaft und der Welt sei Wohlgedeih stets beschieden,
die Buddhabotschaft und die Welt mögen die Götter stets schützen!
Glücklich mögen alle sein, zusammen mit ihren Gefolgen,
unbeschwert, frohgemut samt allen Anverwandten.
Schutz mögen sie erlangen ...

(Mahaparittanidana)

Glück

Alles Glück sei euch beschieden,
schützen mögen euch die Götter,
bei dem Machtglanz aller Buddhas
möget ihr stets glücklich sein!

(Pubbanha Sutta)

Sind gemeinsame Gebete möglich?

Die Ausgestaltung gemeinsamer Feiern, Veranstaltungen und „Gebete" von Buddhisten und Nicht-Buddhisten hängt nach dem oben Gesagten sehr von den konkreten Gegebenheiten und den beteiligten Personen ab. Die Art und Tiefe ihres Verständnisses der eigenen Religion und ihre spirituelle Praxis sind ausschlaggebend. Je mehr sie in der Lage sind, Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen zu sehen und anzuerkennen, um so leichter kann es zur Zusammenarbeit kommen.

Die Basis dafür ist gegeben, weil alle Religionen Wege zu mehr Glück und Erfüllung, Frieden und Harmonie zeigen wollen. Ethisches Verhalten und allgemein menschliche Haltungen wie Freundlichkeit und Mitempfinden, Offenheit und Ehrlichkeit, Achtsamkeit und Einsicht sind Beispiele. Von daher spricht nichts dagegen, wenn Menschen unterschiedlicher Religion in einem bestimmten Kontext auch zusammen praktizieren.

Aber Vorsicht: Das Wort gemeinsam kann Unterschiedliches ausdrücken und entsprechend wird die Eingangsfrage unterschiedlich zu beantworten sein.Gemeinsam könnte bedeuten, zur selben Zeit, am selben Ort und aus dem selben Anlass den selben Text mit derselben Verständnis zu sprechen. Das wird in den meisten Fällen nicht möglich sein. Kein Buddhist könnte mit Überzeugung das Vaterunser sagen, und keine Christ wäre in der Lage, ernsthaft die buddhistische Zufluchtsformel zu rezitieren. Nicht anders verhält es sich mit den Bekenntnissen aus den anderen Traditionen.

Und doch kann ich mir vorstellen, dass es Texte gibt, die von allen Beteiligten gemeinsam gesprochen werden können, weil deren Inhalt und Intention von allen Beteiligten geteilt werden.

  • Das könnten Wünsche und der Ausdruck von generellem Wohlwollen sein, die in allen Religionen ihren Platz haben.
  • Es könnte sich außerdem um die Formulierung universeller ethischer Grundüberzeugungen handeln.
  • Schließlich könnte die Absicht bekundet werden, die eigenen, noch vorhandenen unguten Haltungen und Handlungen aufzugeben und positive Eigenschaften in sich mehr Raum zu geben.

Daraus ergibt sich natürlich die Aufgabe, in Länge und Gehalt geeignete Texte zu finden oder gemeinsam zu erarbeiten. Vielleicht steuern alle an einer interreligiösen Feier Beteiligten treffende Worte aus ihren jeweiligen kanonischen Schriften bei. Oder es entstehen neue und eigene situationsbezogene Formulierungen. 

Mögen alle Wesen glücklich sein

Was an Lebewesen es auch geben mag,
Beweglich oder fest an einem Ort, sie allesamt,
Ob von langem oder großem Wuchs,
Von mittlerer, von kleinerer Statur, ob zart, ob grob,
Ob sichtbar oder unsichtbar,
Sie mögen ferne sich befinden oder nah,
Geboren schon oder nach Geburt erst strebend,
Alle Wesen - alle mögen glücklich sein.

(Der Buddha: Suttanipata 146/147)

Wir nicht

Andere mögen jemanden schädigen oder verletzen, wir wollen hier dem festen Vorsatz folgen, niemanden zu schädigen oder zu verletzen.

Andere mögen töten, wir wollen uns des Tötens enthalten. Andere mögen Nicht-Gegebenes an sich bringen, wir wollen uns des Nehmens von Nicht-Gegebenem enthalten. Andere mögen sexuelles Fehlverhalten begehen, wir wollen rein leben. Andere mögen lügen, wir wollen uns der Lüge enthalten. Andere mögen Zwietracht säen, wir wollen uns entzweiender Worte enthalten. Andere mögen harte Rede führen, wir wollen uns harter Rede enthalten. Andere mögen oberflächlich daherreden, wir wollen uns des oberflächlichen Geredes enthalten. Andere mögen habgierig sein, wir wollen nicht habgierig sein. Andere mögen böswillig sein, wir wollen guten Willens sein. Andere mögen falsche Ansichten hegen, wir wollen richtige Ansichten hegen.

(Der Buddha: Majjhima Nikaya 8)

Gemeinsam könnte natürlich auch heißen, dass zur selben Zeit, am selben Ort und aus dem selben Anlass jeder für sich seiner persönlichen Form der spirituellen Praxis folgt. Warum sollte nicht ein Muslim zu Allah beten, während im selben Moment ein katholischer, orthodoxer oder evangelischer Christ, ein Jude oder ein Bahá'ì neben ihm es in seinen Worten und auf seine Weise ebenfalls tut. Und der Buddhist rezitiert Verse des Erwachten.

Zusammen und doch autonom

Wenn gemeinschaftliche Auftritte verschiedener Religionen auf dieser Basis erfolgen, erfüllen sie ihren Zweck, ohne dass sich deren Vertreter verbiegen oder „theologische" Konflikte entstehen müssen. Das Gemeinsame liegt in der übereinstimmenden Motivation der Beteiligten, ein Grundanliegen jeder Religion öffentlich sichtbar zu machen: das Bemühen, das Zusammen der Menschen friedlicher, harmonischer und erfüllender zu gestalten und den Einzelnen dazu in die Lage zu versetzen, etwas dazu beizutragen. Und da es über die Religionsgrenzen hinweg geschieht, wird der entstehende Nutzen noch größer sein: die Religionen und ihr Umgang miteinander sind dann selbst ein gutes Beispiel.

Gleichzeitig bleibt die Autonomie des jeweiligen Anhängers einer religiösen Tradition bzw. einer Religionsgemeinschaft gewahrt. Niemand sieht sich gezwungen, Abstriche von seinen Kernüberzeugungen oder Glaubensinhalten zu machen. Die Religionen werden nicht zu der oft befürchteten indifferenten Mixtur verrührt, einen spirituellen Einheitsbrei braucht es nicht zu geben. Im Gegenteil: Gerade die Vorbereitung einer Feier, an der mehrere Beteiligte mit ganz unterschiedlichen Überzeugungen mitwirken, animiert, das Verbindende herauszuarbeiten und sich das jeweils Besondere und Einmalige immer wieder bewusst zu machen.

Übereinstimmung

Wobei man unter den Weisen in der Welt übereinstimmt: ‚Das gibt es nicht', davon sage auch ich: ‚Das gibt es nicht.' Wobei man unter den Weisen in der Welt übereinstimmt: ‚Das gibt es', davon sage auch ich: ‚Das gibt es.'
(Der Buddha: Samyutta Nikaya 22,94)

Der richtige Maßstab

„Wessen Lehre, ehrwürdiger Ananda, ist wohl gut verkündet? Wer in dieser Welt wandelt auf rechtem Pfade? Wer in dieser Welt sind die Gesegneten?" ...

„Die zur Überwindung von Gier, Hass und Verblendung die Lehre weisen, deren Lehre ist gut verkündet. Die zur Überwindung von Gier, Hass und Verblendung wandeln, sie wandeln in dieser Welt auf rechtem Pfade ... In denen Gier, Hass und Verblendung aufgehoben sind, mit der Wurzel zerstört, wie eine Fächerpalme dem Boden entrissen, vernichtet, dem Neuentstehen nicht mehr ausgesetzt, solche sind Gesegnete in der Welt."
(Anguttara Nikaya 3,73)




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