Buchbeiträge - Auf stillem Pfad

Buddha spricht Deutsch

Buddhismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz


Lebt man in einer der großen deutschen Städte, darf man sicher sein: Irgendwann und irgendwo findet heute eine buddhistische Veranstaltung statt. Man kann einen Vortrag hören, an einem Gesprächs- oder Studienkreis teilnehmen, in einer Meditationsrunde sitzen oder eine künstlerische Darbietung genießen. Noch vor zwei oder drei Jahrzehnten sah das völlig anders aus. Buddhismus? Das hatte etwas mit Asien zu, aber nichts mit westlichen Menschen. Das kannte man allenfalls aus den Medien oder von Reisen. Mittlerweile jedoch haben die Lehren des Buddha auch in Europa eine Heimat gefunden, und immer mehr Menschen bekennen sich zu dem buddhadharma, machen die Wahrheiten des Erwachten zu ihren eigenen und orientieren sich an ihnen in ihrem Alltag.
Wie viele Anhängerinnen und Anhänger es in Deutschland genau sind, lässt sich nur schätzen. Die Zahl 150.000 bis 200.000 ist ein brauchbarer Anhaltspunkt. Allerdings gehören dazu auch solche Buddhistinnen und Buddhisten, die aus Asien nach Deutschland gekommen sind (das ist wohl die Mehrzahl), und alle, die diese Weltanschauung in einem weiteren Sinn sympathisch finden und sich ihr nahe fühlen. Derzeit lassen sich rund 500 Adressen aus allen Teilen der Bundesrepublik ausmachen, hinter denen kleine und mehr private Gruppen, aber auch große Gemeinschaften mit mehreren Tausend Mitgliedern und einer breiteren öffentlichen Wirkung stehen. Viele von ihnen haben eigene Zentren, kleinere klösterliche Anlagen oder Seminarhäuser geschaffen, in denen ein reges Gemeinschaftsleben stattfindet.
Ähnlich wie in Deutschland gestaltet sich der Buddhismus in Österreich und der Schweiz . Auch hier findet sich das breite Spektrum buddhistischer Traditionen. Meditation und Lehrdarlegungen werden in privaten Studienkreisen, Ortsgruppen oder in stattlichen Seminarhäusern und buddhistischen Klöstern angeboten und durchgeführt. In Großstädten wie Wien, Zürich oder Genf sind die unterschiedlichen Traditionen aus Südasien, aus Tibet, Japan oder Korea einander Nachbar, und vereinzelt werden auch gemeinsam Feste und Veranstaltungen begangen. In Österreich finden sich um die 16.000 Buddhistinnen und Buddhisten, darunter etwa 5.000 Buddhisten aus Ländern Asiens. In der Schweiz liegt die Zahl etwas höher, ca. 20.000 bis 25.000 fühlen sich den jeweiligen buddhistischen Traditionen zugehörig. Buddhisten und Buddhistinnen aus Asien stellen mit etwa 20.000 Personen vier Fünftel aller Buddhisten dar, am stärksten vertreten sind thailändische und vietnamesische Buddhisten. Mehr als 2.000 tibetische Buddhisten leben in der Schweiz. Sie kamen schon in den sechziger Jahren und mit ihnen tibetische Lamas, die die einstigen Flüchtlinge religiös und kulturell betreuen. Während es in der Schweiz um die 100 buddhistische Gruppen und Zentren gibt, sind es Österreich um die 50. Ohnehin besteht ein zunehmend reger werdender Austausch zwischen Buddhisten Österreichs, Deutschlands und der Schweiz, d.h. zu Wochenendseminaren, den 'Retreats', oder zu Vorträgen bedeutender buddhistischer Lehrer überquert man leicht einmal die Grenze ins deutschsprachige Nachbarland.
Buddhismus im deutschsprachigen Raum wie allgemein im Westen bedeutet aber nicht zuletzt eine intensive geistige Auseinandersetzung mit dieser östlichen Weisheitslehre. Der Buchmarkt ist längst unübersehbar geworden. Neben den Übersetzungen grundlegender Quellentexte findet sich eine breit gefächerte Sekundärliteratur. Buddhistische Filme, CDs und Kassetten neben allerlei Devotionalien und Praxiszubehör sind ebenso selbstverständlich im Handel wie buddhistische Kunst und kunsthandwerkliche Gegenstände. Und, nicht zu vergessen: Viele bedeutende asiatische Lehrerinnen und Lehrer leben inzwischen hier oder sind regelmäßig als Lehrer zu Gast. Sie repräsentieren und vermitteln den dharma auf direkte und authentische Weise und ermöglichen einen unmittelbaren Zugang „vor Ort".

Wegbereiter

Man könnte glauben, dass der Buddhismus im deutschsprachigen Raum eher eine junge Erscheinung ist. Tatsächlich ist er erst in den letzten Jahren verstärkt in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit getreten. Die herausragende Persönlichkeit des Dalai Lama hat erheblich dazu beigetragen, daneben der Ferntourismus und das wachsende Interesse der Medien. Doch bekennen sich in Deutschland schon fast ein Jahrhundert lang Frauen und Männer zu dieser Form der Spiritualität. Und die „exotischen Ausnahmeerscheinungen" von damals sind im Laufe der Jahrzehnte schon fast zur Normalität geworden.
1903 war es der aus Wiesbaden stammende F. A. Gueth, der als erster Deutscher in Burma in den Orden eintrat und sich als Nyanatiloka Mahathera international einen Namen machte. Seine mutige Pioniertat erleichterte es anderen ungemein, ebenfalls den Schritt in die „Hauslosigkeit" zu gehen. Und seine Schriften waren Generationen ein erster verlässlicher Wegweiser. Im August desselben Jahres hob der Indologe Karl Seidenstücker den „Buddhistischen Missionsverein" aus der Taufe und gründete in Leipzig den ersten buddhistischen Verein Deutschlands. Schon Ausgangs des 19. Jahrhunderts hatte der Wiener Buddhist und Indologe Karl Eugen Neumann damit begonnen, zentrale Teile des Palikanons ins Deutsche zu übersetzen und uns die Reden des Buddha in unserer Muttersprache zugänglich zu machen. Ein weiterer Meilenstein war der Bau des imponierenden Buddhistischen Hauses in Berlin Frohnau 1924 durch Paul Dahlke. Es ist inzwischen eine denkmalgeschützte Sehenswürdigkeit und noch immer ein Symbol für den geistigen Aufbruch der Zwischenkriegszeit.
In der Schweiz kamen erste bleibende buddhistische Aktivitäten erst mit dem Wirken Max Ladners in den vierziger Jahren zustande. Der Versuch des zuvorgenannten Nyanatiloka, 1910/1911 in der Südschweiz ein buddhistisches Kloster ins Leben zu rufen, war an der mangelnden Unterstützung und der "unsagbaren Kälte", wie der buddhistische Mönch in seinem Tagebuch festhielt, gescheitert. Die Züricher Gruppe um Ladner während der 1940er und 1950er blieb jedoch klein. Gleiches trifft auf die erste österreich-buddhistische Gruppe 1947 in Wien zu. Erst ab den ausgehenden sechziger Jahren kam es in der Schweiz, ebenso in Deutschland und Österreich, zu einem merklichen Aufschwung buddhistischer Aktivitäten.

Motive

Für manche Zeitgenossen scheint der Buddhismus kaum mehr als eine interessante Modeerscheinung zu sein. Es ist „in", den Dalai Lama zu bewundern, sich um Achtsamkeit und Gelassenheit im Alltag zu bemühen oder über Gewaltlosigkeit zu philosophieren. Meditieren ist angesagt, ebenso der Trip nach Asien oder die Buddhastatue im Wohnzimmer. Bei sehr vielen Menschen steckt indessen weit mehr dahinter, ihre Motive reichen über das Bunt-Folkloristische und die Beeinflussung durch den flüchtigen Zeitgeist hinaus.
Das Bedürfnis, mit den Tiefendimensionen der Wirklichkeit wieder (mehr) in Kontakt zu kommen, bewegt bewusst oder unbewusst immer mehr Frauen und Männer. Die scheinbare Erfolgsgeschichte unserer Nachkriegsgesellschaft auf dem materiellen Sektor ist für sie doch nicht so überzeugend, wie sie lange glauben mochten. Besitz und Konsum alleine bedeuten eben nicht alles. Auch das dritte Auto bringt keine Erfüllung, und selbst mehrere Lebensversicherungen sind keine Lösung für die Angst vor Alter, Krankheit und Tod. Keine technische Erfindung bringt die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, und naturwissenschaftliche Entdeckungen vermitteln keine Einsicht in Richtig und Falsch, Wert und Unwert. Spiritualität gewinnt wieder an Bedeutung, weil wir merken: Es gibt eine andere und wichtigere Seite unseres Daseins.
Doch wer kann auf das Bedürfnis nach Tiefe und existenzieller Verankerung zufriedenstellend eingehen? Nicht wenige sind von den angestammten und etablierten Religionen enttäuscht. Sie trauen ihnen nicht mehr zu, die richtigen Antworten zu besitzen oder sie auf zeitgemäße Weise zu vermitteln. Sie erkennen den Führungsanspruch der christlichen Kirchen nicht länger an und vermissen wirksame spirituelle Hilfen. In dieser Situation erscheint ihnen der Buddhismus als eine nahe liegende Alternative, der aus verschiedenen Gründen an Attraktivität gewinnt.
Die Weisheitslehren des Buddha verstanden und verstehen sich als ein Angebot. Wer es annehmen möchte, ist willkommen, wer jedoch einen anderen (spirituellen) Weg wählt, wird nicht daran gehindert oder deshalb gering geschätzt oder gar verfolgt. Die Lehren und die Praxis selbst sind es, die überzeugen und ihren Wert für den Alltag erweisen wollen. Mission (in ihrem negativen Sinn) kennt der Buddhismus nicht, und es geht ihm nicht darum, sich als organisierte Religion zu verbreiten, die eigene Anhängerschaft zu vermehren oder Einfluss und Macht auszuüben. Das jedenfalls war die dezidierte Haltung des Buddha selbst, und tatsächlich gibt es im Vergleich mit anderen Religionen nicht allzu viele und nicht sehr dunkle Flecken in der Geschichte des Buddhismus.

Dreiklang

Einige weitere Grundzüge des Buddhismus stärken dessen Wertschätzung gerade in unserer Zeit. Dazu gehört, dass er den Menschen in seiner Ganzheit und alle seine Lebensäußerungen im Auge hat. In einer Welt der Spezialisierung, der Fragmentierung von Wissen und Können ist die buddhistische Spiritualität auf Integration ausgelegt. Sie ist ein harmonischer Dreiklang von Weisheit, Ethik und Meditation.
Weisheit betrifft unseren Geist. Sie bedeutet die Fähigkeit, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind - ohne Verzerrungen, ohne Schleier und Vorurteile. Der Buddha will das Leben und dessen Gesetzmäßigkeit zeigen. Er selbst ist derjenige, der aus den Träumen des Lebens zur Wirklichkeit erwacht ist. Er zeigt, wie sehr wir alle illusionären Vorstellungen verfallen und schmerzlichen Irrtümern erlegen sind. Wir klammern uns an unseren Besitz und suchen Sicherheit in materiellen Gegenständen, und doch ist alles unbeständig und wandelbar. Wir sind vernarrt in unser Ego und merken nichts von seiner Abhängigkeit und Zerbrechlichkeit. Wir setzen auf sinnliche Freuden und Erlebnisse und übersehen deren letztendliche Unzulänglichkeit. Weisheit heißt die wahre Natur des Geistes und der Dinge kennen.
Neben einer realitätsgetreuen Sicht interessiert den modernen Menschen, wie er seine existenziellen Probleme angehen und seinen Alltag praktisch in den Griff bekommen kann. Während dem Westen in den vergangenen Jahrzehnten ethische Maßstäbe und moralisches Handeln weitgehend verloren gegangen sind, lehrt der Buddha beide wieder als unschätzbare Werte zu erkennen. Seine konsequenten Anleitungen zu heilsamem Denken, Reden und Handeln geben dem Leben nicht nur eine verläßliche Richtschnur, sie zeigen auch, wie durch sie das Leben einfacher, zufriedenstellender und erfüllter wird. Dabei geht es nicht allein um äußerliches Verhalten und formale Regeln, sondern um eine entsprechende innere Haltung. In einer Gesellschaft der Konkurrenz, des Gegeneinanders, der Kälte und der Vereinzelung ermöglichen sie ein Zusammenleben in Solidarität, Gemeinschaft und Geborgenheit. Buddhistische Ethik basiert auf nichts anderem als auf praktiziertem universellem Wohlwollen.
Schließlich sucht der westliche Mensch des 21sten Jahrhunderts einen gangbaren Weg, um sich selbst besser erfahren und mit sich besser umgehen zu können. Er spürt eine weitreichende Entfremdung seiner eigenen Person gegenüber; seine Innenwelt ist ihm eine unbekannte und fast unheimliche Größe. Die uralte buddhistische Tradition der Geistesschulung mit ihren differenzierten und ausgefeilten Methoden erweist sich deshalb noch immer als hoch aktuell. Die Meditation öffnet einen vielleicht verschütteten oder bislang unbekannten Weg zu uns selbst. Sie vermag den Geist stiller und klarer zu machen, und versetzt ihn so in die Lage, subtilere Ebenen der Wirklichkeit unmittelbar zu erfahren. Meditation bringt uns (wieder) mit den verborgenen Seiten unseres Fühlens und Wollens in Kontakt, mit denen wir dann auch souverän umgehen können.

Wissenschaftlichkeit

Menschen, die es gewohnt sind, ihren Intellekt zu gebrauchen, schätzen die Rationalität des Buddhismus. Die Lehren des Erwachten sind undogmatisch, und ihre Inhalte stehen nicht im Widerspruch zu unserer Vernunft. Wer sich dem Buddhismus zuwendet, soll keine anderen, fremdartigen Glaubenssätze verinnerlichen, sondern den eigenen Verstand benutzen und den dharma in seiner Daseinswirklichkeit wieder erkennen. Der Anspruch des Buddha jedenfalls lautet: Ich lehre nur das, was ich selbst als richtig erkannt habe. Meine Aussagen beruhen nicht auf Spekulation und Mutmaßung, sie sind der Wirklichkeit abgelesen, die ich systematisch untersucht und vollständig durchschaut habe. Und jeder hat prinzipiell das Potenzial, zu denselben Einsichten zu gelangen. Mehr als die von anderen gehörte oder die angelesene Weisheit zählt also die eigene Erfahrung.
So gesehen lässt sich der Buddhismus mit gutem Recht als Wissenschaft bezeichnen. Das setzt ihn allerdings nicht in einen Gegensatz zu dem Anspruch, auch eine „Religion" zu sein, die uns auf einer existenziellen Ebene mit einer anderen, höheren und nicht immer unmittelbar einsehbaren Realität in Verbindung bringt. Um sich ihr zu öffnen, sind ebenso Vertrauen (Glaube) und Hingabe nötig.

Dialog

Der Buddhismus im deutschsprachigen Raum ist in vielerlei Hinsicht auf Dialog angelegt. Etwas überspitzt formuliert: Gerade die Buddhistinnen und Buddhisten selbst sind auf Gespräch und Austausch angewiesen. Und zwar vor allem auf den Austausch untereinander. Das ist der Tatsache zu verdanken, dass bei uns - im Gegensatz zu den meisten buddhistischen Ländern Asiens - eine Vielzahl unterschiedlicher Formen und Traditionen des Buddhismus nebeneinander bestehen. Theravada-Buddhisten sind hier ebenso zu Hause wie die Anhänger des japanischen oder koreanischen Zen, Freunde des tibetischen Buddhismus ebenso wie Shinbuddhisten oder eine Reihe von Gruppierungen mit schulübergreifenden und „modernen" Ansätzen. Und diese Mannigfaltigkeit nimmt weiter zu.
Was Buddhismus „eigentlich" ist und wie Anschauung und Praxis dieser Religion in Europa und in diesem neuen Jahrtausend auszusehen haben, ist also keineswegs so selbstverständlich, wie das in den Ursprungsländern meistens der Fall war. Buddhismus mit einem europäischen Profil muss erst entstehen, und das ist nur über einen langen und intensiven Dialog möglich. Der muss Klarheit schaffen, was zum zeitlosen und festen Kernbestand des dharma gehört und damit für alle Gültigkeit hat und was „nur" kulturelle Einkleidung und historisch bedingte Form ist und verändert werden kann. Dieser Anpassungsprozess wird voraussichtlich viele Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauern - wie übrigens seinerzeit in den asiatischen Ländern auch, die den dharma aus Indien übernahmen.
Die Rahmenbedingungen dafür sind gut. In Deutschland wurde mit der Gründung der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) im Jahr 1955 eine geeignete Plattform für den notwendigen Erfahrungsaustausch geschaffen. In der DBU sind alle wichtigen Schulen und Traditionen vertreten, die sich 1988 ein gemeinsames Bekenntnis gegeben haben und an gemeinsamen Themen und Projekten arbeiten. Die schulübergreifende Zeitschrift „Lotusblätter" (seit 1987) ist ein weiteres wichtiges Forum.

In Österreich ist es ähnlich - und auch wieder anders. Die 1947 ins Leben gerufene Buddhistische Gesellschaft (BG) Wien war lange Zeit die einzige buddhistische Anlaufstelle. Beinahe überraschend wurde der aus den Kreisen der BG Wien entstandenen Österreichischen Buddhistischen (ÖB) Religionsgemeinschaft, die als Dachverband der bestehenden buddhistischen Gruppen fungiert, auf Antrag die staatliche Anerkennung zugebilligt. Unter anderem beinhaltet diese staatliche Zuerkennung, dass Buddhismus nun an den Schulen als eigenständiges Lehrfach unterrichet werden darf und buddhistische Geistliche den Geistlichen anderer religiöser Traditionen gleichgestellt sind. Seit 1991 erstellt die ÖB Religionsgemeinschaft die schulübergreifende Zeitschrift "Ursache & Wirkung"; ähnlich wie die "Lotusblätter" kommen die unterschiedlichen buddhistischen Traditionen zu Wort und die Zeitschrift fungiert als wichtiges Medium des Dialogs untereinander.
In der Schweiz besteht zwar seit 1976 eine vergleichbare Dachorganisation buddhistischer Gruppen, die Schweizerische Buddhistische Union. Aktivitäten und Dialogformen zwischen den einzelnen Traditionen sind jedoch weit weniger vorhanden als in Österreich und Deutschland. Entsprechend gibt es keine schulübergreifende Zeitschrift, auch wenn seit Mitte der neunziger Jahren die Schweizerische Buddhistische Union darum bemüht ist, durch gemeinsam begangene Feste und Veranstaltungen die Bereitschaft zum Miteinander zu wecken und zu stärken.
Dialog heißt natürlich mehr. In einem christlich geprägten Umfeld steht der Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern des Christentum aus verständlichen Gründen ganz oben auf der Tagesordnung, wenngleich die Begegnungen noch zahlreicher werden müssen. Da der Buddhismus gerne die Gemeinsamkeiten aller Religionen betont und den spirituellen Reichtum anderer Traditionen schätzt, sind solche Kontakte von Offenheit und Wohlwollen geprägt. Dialog heißt jedoch nicht Nivellierung und Verwischung durchaus unterschiedlicher Positionen. Der Buddhismus sieht sich genauso in seiner Besonderheit und Einmaligkeit wie das Judentum, das Christentum oder der Islam.
Ebenfalls erst ganz am Beginn steht der notwendige Brückenschlag des Buddhismus zur Wissenschaft. Doch zeichnen sich schon jetzt einige Bereiche ab, in denen eine Kooperation für beide Seiten sehr fruchtbar sein kann. Besonders in der Psychologie und der Medizin, aber auch in der Physik oder der Erziehung gibt es eine ganze Reihe beiderseits interessierender Ansätze. Das betrifft theoretische Fragen wie praktische Aufgaben.

Westliches Gesicht

Wenn der Buddhismus ein westliches Gesicht haben soll, wird er sich von seinen traditionellen asiatischen Vorbildern in mancherlei Hinsicht unterscheiden. Wenige Beispiele sollen das erläutern.
In seiner über 2500-jährigen Geschichte war der buddhistische Orden nahezu alleiniger Träger und Bewahrer des dharma. Die Mönche (weit weniger die Nonnen) studierten die Lehren und gaben sie weiter. Sie widmeten sich der meditativen Praxis und prägten auf vielerlei Weise die kulturelle und soziale Identität der Gesellschaft. Im deutschsprachigen Bereich wie im Westen generell haben sich die Akzente an diesem Punkt merklich verschoben. Hier sind es aufgrund der sozialen und gesellschaftlichen Gegebenheiten auch Anhängerinnen und Anhänger mit Familie und in bürgerlichen Berufen, die wichtige Aufgaben übernommen haben. Ihnen kommt bei vielen organisatorischen Angelegenheiten bereits eine dominierende Rolle zu, und mehr als ihre Schwestern und Brüder in Thailand, in Tibet, Japan usw. widmen sie sich der Meditation, treiben intensive Studien und übernehmen teilweise die Rolle der Lehrenden. Ob die geringe Präsenz von gut ausgebildeten und sich ganz dem dharma widmenden Ordinierten auf Dauer gut ist, wird indessen häufig und ernsthaft in Frage gestellt.
Eine weitere Gewichtsverlagerung betrifft die Rolle der Geschlechter. Wenngleich dem Buddha selbst Frauenfeindlichkeit berechtigterweise nicht nachgesagt werden kann und die ursprünglichen Lehren keine diskriminierend gemeinten Elemente enthalten, waren und sind buddhistisch geprägte Gesellschaften dennoch weitgehend patriarchalisch geprägt. Diese Tatsache wird sich hierzulande stark relativieren. Buddhistische Frauen sind nicht länger bereit, in der zweiten Reihe zu stehen und sich ihren männlichen Kollegen in wichtigen Belangen unterzuordnen. Im Gegenteil, eine zukunftsweisende Entwicklung scheint nur denkbar, wenn es gelingt, dem großen Potenzial weiblicher Spiritualität mehr Aufmerksamkeit zu schenken und die besonderen Erfahrungen und Fähigkeiten von Frauen angemessen zu nutzen. Wichtige Schritte in diese Richtung sind längst getan, und viele Frauen haben sich bereits als Lehrerinnen, Autorinnen und Organisatorinnen hervor getan.
Buddhistische Spiritualität vereinigt zwei Aspekte: die eigene Vervollkommnung und die solidarische Hinwendung dem anderen gegenüber. Persönliches spirituelles Wachstum und soziales Engagement schließen sich daher nicht aus, stille Meditation oder innere Abgeschiedenheit und tatkräftiges Handeln sind keine Gegensätze. Dennoch haben es Buddhistinnen und Buddhisten in ihrer langen Tradition nicht selten versäumt, ihre hohen ethischen Ansprüche auch in gesellschaftlich erkennbares Handeln umzusetzen. Erst in jüngster Zeit lernen sie es (wieder), und ihre Neubesinnung hat vor einigen Jahren die internationale Bewegung des „Engagierten Buddhismus" hervor gebracht. Sein Anliegen hat auch bei uns seine Berechtigung und seinen Niederschlag gefunden. Die heutige buddhistische Praxis versteht sich nicht individualistisch oder gar egozentriert, sondern bezieht die öffentliche Dimension ein.
So richtet sich der Einsatz von Buddhistinnen und Buddhisten verstärkt dem Aufbau einer solidarischen Gesellschaft, in der das Prinzip des umfassenden Wohlwollens und der solidarischen Hinwendung zum anderen seinen Ausdruck finden kann. Sie plädieren ebenfalls für einen rücksichtsvollen und nachhaltigen Umgang mit der Natur, die sie nicht als Objekt hemmungsloser Ausbeutung betrachten, sondern als wertvolles und schützenswertes Gut. Das schließt die Tiere übrigens ein, die für sie nicht in erster Linie Wirtschaftsgüter sind, sondern fühlende Wesen. Schließlich sei das entschiedene Friedensengagement genannt, das von der immer gegebenen Möglichkeit des Ausgleichs und der gewaltlosen Konfliktbewältigung ausgeht. Internationale Anerkennung dafür hat der Dalai Lama 1989 mit der Verleihung des Friedensnobelpreises erhalten.

Perspektiven

Eine zusammenfassende Charakterisierung des Buddhismus im deutschsprachigen Bereich bedarf einer differenzierten Betrachtung. Sicher kann man sagen, dass der Buddhismus inzwischen eine zwar recht kleine, aber zunehmend beachtete Größe geworden ist. Doch hat er mehr als nur ein Gesicht.
In der Öffentlichkeit und von den Medien am meisten wahrgenommen wird seine eher „folkloristische" Facette. Rote Roben, farbenprächtige Tempel und Rituale machen ihn zu einem interessanten und faszinierenden Thema, besonders für die Medien. Eine andere, aber kaum gewürdigte Seite betrifft die sehr traditionelle Ausübung buddhistischer Spiritualität durch die vielen Tausend asiatischen Flüchtlinge (die meisten davon kamen aus Vietnam), Geschäftsleute, Studenten oder die, die mit einer oder einem Deutschen, Österreicher/in oder Schweizer/in verheiratet sind. Buddhismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz bedeutet für sie ein Stück importierte Heimat und sorgsam gehegte Identität.
Die dritte Variante hat mit Menschen zu tun, die hier geboren und in einem christlich geprägten Umfeld groß wurden und bewusst dieser neuen Religion beigetreten sind. Als Bekennende und Praktizierende haben sie keine leichte Aufgabe vor sich. Für sie gilt es, mit einer fremden und zugleich anspruchsvollen Lehre vertraut zu werden und eine Lebenseinstellung abzulegen, die ihnen bisher ganz selbstverständlich war. Im Großen und Ganzen betrachtet ist diesbezüglich kaum mehr als ein viel versprechender Anfang gemacht. Der Buddhismus als gelebte Weisheitslehre muss in seiner Breite und Tiefe erst noch erarbeitet werden. Auch wenn das intellektuelle Verständnis und das Wissen in den letzten Jahren sehr zugenommen haben, stehen die „Verwirklichung" und die Verankerung des dharma im Tagtäglichen und in unserem kulturellen Umfeld noch weitgehend aus.
Ob die damit verbundenen Herausforderungen bestanden werden, hängt von zwei Faktoren ab: Zum einen müssen Buddhistinnen und Buddhisten im Westen der Gefahr begegnen, dem dharma unbewusst eine christliche oder abendländisch-aufklärerische Färbung zu geben und ihn damit zu verfälschen. Sie müssen sich die authentischen Lehren des Buddha und deren ganz eigene Sichtweise der Realität umfassend und gewissenhaft aneignen. Das geht nur, indem sie sich immer wieder auf deren originäre Quellen beziehen und engen Kontakt zu der lebendigen Tradition halten. Doch genauso müssen sie die historisch entstandenen Ausprägungen buddhistischer Anschauung und Praxis von der buddhistischen Spiritualität als solcher unterscheiden lernen. Eine unkritische und unveränderte Übernahme asiatischer Gepflogenheiten allein wird den Erfordernissen im Westen nicht gerecht.

Ergänzungen für Österreich und die Schweiz: Martin Baumann




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