Buchbeiträge - Auf stillem Pfad

Identität und Verständigung -

Der produktive Umgang mit verschiedenen religiösen Traditionen im Buddhismus

 

Einleitung

Das Generalthema des Kongresses ist die Zukunft der Religions- und Kulturbegegnung. Wenn man in diesem Zusammenhang die Frage nach der wahrnehmbaren Qualität solcher Begegnungen in der Vergangenheit und in der Gegenwart stellt, lassen sich drei prinzipielle Varianten unterscheiden.

Da gibt es Konkurrenz, Mißtrauen, Ablehnung, ja Feindschaft bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Leider sind diese Formen des Zusammentreffens unterschiedlicher Religionen recht häufig anzutreffen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ich will das falsches Selbstverständnis der Religionen nennen, aber auch die Versuche der Instrumentalisierung der Religionen für fremde Zwecke. Religionskonflikte sind so eher „Stellvertreter-Konflikte".

Eine zweite Variante des Verhältnisses unterschiedlicher spiritueller Traditionen zueinander ist die des Dialoges, des Austausches und der Kooperation. Leider ist diese Variante nicht in dem wünschenswerten Maß anzutreffen. Die Gründe für ein friedliches Miteinander mögen sein: die Einsicht in die vergleichbaren oder gemeinsamen (religiösen) Anliegen sowie die Erkenntnis, daß das Wohl der Menschheit, in unserer Zeit sogar ihre Überlebenschancen insgesamt auf dem Spiel stehen und Verständigung notwendig machen. Weitere Motive ist sind die Erfahrung des wechselseitigen Nutzens, der aus einem gemeinsamen Vorgehen resultiert, und schließlich die durchaus positive Rückwirkungen des Dialoges auf die beteiligten Religionen selbst.

Die dritte Möglichkeit bezeichnet eher eine Position zwischen den beiden zuvor genannten und ist für viele von uns von großer praktischer Bedeutung: Da werden sehr wohl die überreinstimmenden spirituellen Botschaften aller Religionen gesehen und anerkannt, aber trotz alledem klafft häufig ein Widerspruch zwischen dem eigenem Anspruch und der hinter diesen Ambitionen zurückbleibenden Realität. Die praktischen Bemühung gelten so der Annäherung von Ideal und Wirklichkeit.

Ich möchte im folgenden einen Beitrag zur Klärung dieses Problemfeldes aus buddhistischer Sicht beisteuern oder wenigstens ein paar Gesichtspunkte für die Debatte vorstellen. Dabei sind meine Überlegungen zugespitzt auf das Thema: „Identität und Verständigung - Der produktive Umgang mit verschiedenen religiösen Traditionen im Buddhismus".

In diesem Kontext gehe ich von zwei Annahmen aus. Meine erste These lautet: Buddhistische Identität (im Westen) setzt in ganz besonderem Maße Verständigung voraus. Und die zweite These: Buddhisten sind in besonderem Maß zum Dialog fähig und bereit.

Näheres dazu werde ich unter ebenfalls zwei Aspekten behandeln. Zum einen eher exemplarisch und praktisch, indem ich die heutige Situation der Buddhisten in Deutschland und einige sich daraus ergebenden Konsequenzen beschreibe. Zum anderen eher historisch und theoretisch, wenn ich mehr grundsätzlich die Haltung des Buddhismus anderen Religionen gegenüber darstelle.

1. Buddhismus in Deutschland

1.1 Identität und Identitätsfindung

Die Suche nach der eigenen Identität ist für Buddhistinnen und Buddhisten eine notwendige Aufgabe. Buddhisten in Deutschland sind wie im Westen überhaupt eine kleine Minderheit in einem christlich beziehungsweise naturwissenschaftlich geprägten Umfeld. Ihre Zugehörigkeit zu ihrer religiösen Tradition ergibt sich in der Regel nicht durch Geburt, nicht aus der familiären Tradition; sie ist vielmehr eine bewußte Entscheidung. Jedem stellen sich die Fragen: Warum bin ich Buddhist und nicht (selbstverständlich!?) Christ wie meine Eltern, wie vielleicht mein Lebenspartner, meine Arbeitskollegen, meine Verwandten, Bekannten und so weiter? Warum gehöre ich einer Religion an, die nicht der generellen öffentlichen Orientierung und dem vorwiegenden Grundverständnis in den staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen entspricht? Die eigene Identität ist für Buddhisten also eine Frage, die sich jedem ganz individuell stellt und beantwortet werden will, besonders dann, wenn die bisherige religiöse Identifikation als unzulänglich empfunden wurde und der Betreffende nach einer Alternative zu ihr gesucht hat.

Buddhistsein heißt zunächst Buddhist werden, heißt zu lernen und umzulernen, umzudenken, sich neu zu orientieren, einen neuen Status zu definieren. Das bedeutet natürlich, eine fremde Weltanschauung kennenzulernen und anzueignen, deren Lehrinhalte und Aussagen dem bisherigen Wissen nicht selten diametral entgegengesetzt sind. Neben dem theoretischen Rüstzeug werden andere Einstellungen und Motivationen wichtig. Die Alltagsbewältigung nimmt neue Formen an, und das Verhalten in Beruf, Familie und Freizeit wird sich anpassen müssen. Und schließlich wollen neue Formen der religiösen Praxis im engeren Sinn erlernt und eingeübt werden.

Diese individuelle Identitätsfindung setzt ganz selbstverständlich bewußte und gesuchte Verständigung mit Gleichgesinnten voraus. Mit solchen Menschen nämlich, die bei diesem Prozeß helfen und anleiten; die Vorbilder sind und Identitätsmuster anbieten. Unter Verständigung ist in diesem Zusammenhang also in erster Linie ein Prozeß des Lernens und der Weitergabe religiöser Inhalte zu verstehen.

1.2 Buddhismus? - Buddhismen?

Die skizzierte Sachlage wird dadurch noch komplizierter, daß es hierzulande „den" Buddhismus, zu dem man sich bekennen könnte, nicht gibt. Es gibt ihn nicht im Sinne einer einheitlich formulierten Lehre oder einer gleichartigen spirituellen Praxis und auch nicht als eine einheitliche Erscheinungsform. Europäische Buddhisten finden sich gewissermaßen in einem kleinen multi-buddhistischen Umfeld vor, das die gesamte Vielfalt asiatisch-buddhistischer Traditionen widerspiegelt. Die großen Schulen etwa des Theravada (Thailand, Sri Lanka, Burma, Laos, Kambodscha), des tibetischen Buddhismus (Tibet, Bhutan, Nordindien, Mongolei) oder des Zen (Japan, Korea) sind ebenso vertreten wie die buddhistischen Laienbewegungen des Nichiren und des Amidismus (zum Beispiel Japan, Taiwan). Und schließlich sind auch westlich-integrative Ansätze nennen, die der Lehre des Erwachten schon ein mehr westliches Gesicht gegeben haben.

Angesichts dieser Situation stellt sich natürlich die Frage: Wenn es diese große Vielfalt von Ausdrucksmöglichkeiten gibt - was ist dann das Charakteristische des Buddhismus? Was gehört im engeren Sinn zum Grundbestand dieser Lehre, was ist unverzichtbares Wesensmerkmal und was kulturelle und historisch bedingte Einkleidung? Wir sehen hier einen weiteren Problemkreis der buddhistischen Identitätsfindung im Westen, der ebenfalls Verständigung erfordert. Es führt kein (zukunftsweisender) Weg daran vorbei, daß die einzelnen Schulen und Traditionslinien einen inner-buddhistischen Dialog führen und gemeinsame Positionen erarbeiten. Verständigung meint nun vorrangig die gemeinsame Besinnung auf das Wesentliche.

Die genannte Herausforderung hat der organisierte Buddhismus in Deutschland schon vor vielen Jahren angenommen. In der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) hat dies eine greifbare Gestalt angenommen. Mit der Gründung eines schul- und traditionsübergreifenden Dachverbandes 1955 in Frankfurt am Main wurde die Basis für eine innerbuddhistische Ökumene geschaffen und in den vergangenen vier Jahrzehnten befestigt. Unter dem Leitgedanken „Einheit in der Vielfalt" ist inzwischen ein gemeinsames Bekenntnis entstanden, das den Konsens in den wesentlichen Punkten markiert. Dieses Bekenntnis ist eine erwähnenswerte Besonderheit der religiösen Landschaft Deutschlands. Es werden zudem gemeinsame Publikationen (die Zeitschrift Lotusblätter und Buchprojekte) herausgegeben und schulübergreifende Veranstaltungen organisiert. Alle diese Aktivitäten betonen das Einigende und Verbindende innerhalb der so differenzierten buddhistischen Bewegung. Sie wollen Klärungsprozesse und Anpassungsprozesse in Gang setzen. Sie wollen das Entstehen einer eigenständigen Form des Buddhismus fördern: eines Buddhismus mit einer westlichen Ausprägung, die nur das Ergebnis einer langen und ernsthaften Kommunikation sein kann.

1.3 Buddhismus in einem nicht-buddhistischen Umfeld

Der Buddhismus in den USA und in Europa ist eine asiatische beziehungsweise eine noch weitgehend asiatisch geprägte Religion. Eine wichtige Aufgabe wird es sein, die Lehre des Buddha für das heutige Leben bei uns fruchtbar machen, sie in die Alltagswirklichkeit der modernen, hochzivilisierten und hochtechnisierten Welt zu übertragen. Das Gelingen dieses Vorhabens setzt voraus, zwei Ebenen deutlich von einander zu unterscheiden: dharma und sasana (Pali).

Dharma ist die unverwechselbare und unaufgebbare (Kern-) Lehre des Buddha. Sie ist gewissermaßen „über-historisch. Zu ihr gehören die sogenannten „Vier Edlen Wahrheiten" (vom Leiden, von der Ursache des Leidens, vom Ende des Leidens und von dem Weg, der dahin führt), das Gesetz des „Entstehens in Abhängigkeit" (Bedingtheit alles Gewordenen) und die „Drei Daseinsmerkmale" aller Erscheinungen (Vergänglichkeit, Unvollkommenheit und Substanz- beziehungsweise Ich-Losigkeit der Dinge). Dazu gehört ebenfalls eine ganz charakteristische spirituelle Praxis mit ihren drei hauptsächlichen Aspekten Einsicht, Ethik und Meditation.

Sasana ist, wenn man so will, das systematisierte und tradierte Lehrgebäude. Es ist die kulturell geprägte, historisch gewordene und wandelbare Ausdrucks- und Überlieferungsform dieser Lehre. Es ist die „Religion" in ihrer jeweils konkreten Ausprägung mit ihren Ritualen und Zeremonien, ihren künstlerischen Darstellungsweisen, ihren sozialen und gesellschaftlichen Einflüssen sowie ihren Organisationsformen. Um es auf eine knappe Formel zu bringen: Wir müssen unterscheiden zwischen der Buddhalehre und dem Buddhismus.

Der religiöse Wahrheitsgehalt selbst ist universell und bleibt derselbe, seine Konkretisierung aber und seine Formulierung sind Aufgaben, die sich immer neu stellen. Letzteres kann sogar ganz wörtlich genommen werden. Denn tatsächlich geht es oft ganz konkret darum, für viele Aussagen des Buddha zunächst einmal die geeigneten Worte in unserer eigenen Sprache zu finden. Nicht selten versagt die deutsche Sprache vor der Komplexität des Gegenstandes und der Präzision zum Beispiel des mittelindischen Pali, das für besondere existentielle, psychologische und philosophische Sachverhalte Begriffe kennt, für die es bei uns keine Entsprechung gibt. Wenn man sich andererseits die Rolle der Sprache im (religiösen) Leben des Menschen vor Augen führt, wird ganz offensichtlich, welch intensiver Austauschprozeß stattfinden muß, um eine eigene Identität aufzubauen. Und wo Sprache und Denken und mit ihnen die gesamte Weltsicht in einem hohen Umfang christlich geprägt sind, ist es geradezu eine Überlebensnotwendigkeit, eine eigene Begrifflichkeit und eigene Bilder zu finden. Wenn ich also in diesem dritten Zusammenhang von Verständigung rede, ist das Bemühen um eine authentische Sprachfähigkeit der Buddhistinnen und Buddhisten in einem nicht-buddhistischen Umfeld angesprochen

Daneben hat sich der Buddhismus (wie alle Religionen natürlich auch) den aktuellen Herausforderungen seiner Epoche zu stellen. Ich möchte nur drei Beispiele nennen. Natürlich hat er sein Verhältnis gegenüber den Naturwissenschaften zu definieren. Er hat sich zu fragen, in welcher Beziehung wissenschaftliche und religiöse Wahrheiten zueinander stehen. Er muß sich über den Umgang mit der modernen Technik im klaren werden. Und er hat Antworten zu geben auf dringliche gesellschaftliche Themen wie soziale Gerechtigkeit, Demokratisierung von Gesellschaft und Wirtschaft, Gleichbehandlung der Frauen, Fremdenfeindlichkeit und so weiter. Verständigung muß also genauso produktiv werden bei der Erarbeitung von Positionen und Haltungen sowie bei der Festlegung von Handlungsstrategien im gesellschaftlichen Kontext.

Ich komme zu einer ersten Zusammenfassung: „Der produktive Umgang mit verschiedenen religiösen Traditionen" ist für den Buddhismus in Deutschland selbst konstitutiv und findet bereits innerbuddhistisch statt. Aus den genannten Gründen gibt es für die Identitätsfindung mehr Anlaß und Notwendigkeit zur Verständigung als bei den meisten anderen, etablierten Religionen. Offene Kommunikation und Austausch sind die notwendigen und geeigneten Mittel dafür. Schließlich: Diese Feststellungen treffen gleichermaßen für jeden einzelnen Buddhisten wie für die buddhistischen Gemeinschaften der jeweiligen Traditionen zu.

2. Buddhismus und die anderen Religionen

2.1 Religionen und Wahrheitsanspruch

Das Grundanliegen des Buddhismus und das Grundanliegen aller Religionen ähneln sich: Alle spirituellen Traditionen wollen Wege zu Glück und Vollkommenheit zeigen. Sie bemühen sich, die menschliche Sehnsucht nach unvergänglichem Frieden zu stillen. Dazu geben sie die entsprechenden Anleitungen und Belehrungen, und sie selbst möchten Vorbilder zu sein.

Der Anspruch des Buddha besteht darin, unsere Daseinswirklichkeit vollkommen durchschaut und verkündet sowie bei sich das gesamte Potential des menschliches Geistes entfaltet zu haben. Er reklamiert damit durchaus den höchsten Wahrheitsanspruch für sich. Doch will dieser Wahrheitsanspruch nicht ein alleiniger und ausschließlicher sein, er bezeichnet kein Monopol im absoluten Sinn. So erklärt der historische Buddha, Siddhartha Gautama, daß es vor ihm bereits viele erwachte Wesen gegeben hat und auch nach ihm weitere, künftige Buddhas die höchste und befreiende Wahrheit aufdecken und verkünden werden. Jeder Mensch besitzt die Fähigkeit der Erwachung, jeder kann zur höchsten Wirklichkeit durchstoßen, und immer wieder hat es im Laufe der langen Menschheitsgeschichte solche Entdecker und Verkünder gegeben. Die (historische) Person ist nicht das Entscheidende, sondern die in ihm und durch ihn repräsentierte Weisheit.

Der Buddha begrüßte deshalb jede spirituelle Lehre, die geeignet ist, Gier, Haß und Verblendung (die Leidensverursacher nämlich) zu überwinden. Er schätzte jede Anstrengung in diese Richtung. Um es aber gleich anzumerken: Damit sind die bestehenden Unterschiede zwischen den Religionen keineswegs negiert. Auch aus buddhistischer Sicht existieren sie und beziehen sich vor allem auf die - wie ich es nennen möchte - „spirituelle Reichweite" ihrer Aussagen. Tatsächlich sind die Erklärungen der existentiellen Zusammenhänge in den einzelnen Religionen manchmal mehr und manchmal weniger umfassend, und ihre praktischen Anleitungen mehr oder weniger vollständig.

Für unseren Zusammenhang ist es wissenswert, was die Absichten des Buddha waren, die seinem Handeln zugrunde lagen. Ganz sicher kann man sagen, daß er nichts für sich brauchte und wollte, daß er über das Lebensnotwendige hinaus keinerlei materielle Interessen hatte. Ruhm, Ehre, Anerkennung, Bewunderung, Lob oder persönlicher Respekt waren ohne Bedeutung für ihn. So seltsam es vielleicht klingen mag, auch die Etablierung einer (eigenen, neuen) „Religion" hatte er nicht im Auge; es ging ihm ebensowenig um die Zahl seiner Anhänger, die Größe des Ordens wie um das Wachstum einer religiösen Institution überhaupt. Das entscheidende Kriterium für sein Wirken waren das Wohl beziehungsweise die Befreiung der fühlenden Wesen von Mangel und Unzulänglichkeit. Sie in diesem Sinne zu belehren war sein einziges Motiv.

Das bedeutet aber auch, daß es für den Buddhismus aus der Perspektive des Religionsgründers keine Konkurrenzsituation im üblichen Sinn gegenüber anderen Religionen gibt. Ein unverkrampfter Umgang mit ihnen ohne eine falsche Verteidigungshaltung und ohne eine offensive Strategie wird deshalb möglich. Im Gegenteil: Das gemeinsame Anliegen der Religionen bildet eine gute Voraussetzung für Dialog und Verständigung. Wovon andere Weise sagen, das ist, davon sage auch ich, das ist, so formulierte er. (Samyutta-Nikaya 22,94)

Seine Dialogbereitschaft und seine Dialogfähigkeit hat der Buddha selbst oft genug unter Beweis gestellt. Zu seiner Zeit waren (mitunter große) öffentliche religiöse Debatten an der Tagesordnung. In ihnen maßen sich die Vertreter einzelner philosophischer oder religiöser Schulen. Derartige ‘Streitgespräche' des Buddha mit Führern und Angehörigen anderer religiöser Gemeinschaften sind zahlreich überliefert. Auffällig, aber nach dem Gesagten keinesfalls überraschend ist, daß der Buddha dabei nie die Intention verfolgte, recht zu haben, Überlegenheit zu zeigen oder einen Prestigegewinn zu erzielen. Es war nicht sein Streben, die eigene Anhängerschaft zu mehren oder gesellschaftlichen Einfluß zu gewinnen. Dagegen war das von ihm ausschließlich verfolgte Ziel, Wahrheit zu zeigen, Irrtümer und Unwissen zu beseitigen. Er wollte Lebenshilfen geben, Emanzipation ermöglichen und letztlich jegliche Unvollkommenheit überwinden.

An dieser Stelle erhebt sich erneut die Frage nach der „Identität" der buddhistischen Lehre. Geht sie bei einer solchen Haltung nicht irgendwann verloren? Verkommt der Buddhismus unter diesem Umständen nicht zu etwas völlig Undefinierbarem, werden seine Konturen nicht unscharf? Erinnern wir uns: Es geht ihm nicht um die äußeren Formen seiner Erscheinung und der Vermittlung der Lehre. Identität macht sich letztlich nicht in den systematisierten und historisch geprägten Lehrsätzen fest. Die Bewahrung der Identität des Buddhismus ergibt sich durch den bleibenden Kontakt seiner Vertreter zu den zeitlosen und universellen Wahrheiten des dharma. Sein emanzipatorischer Gehalt ist entscheidend und schützenswert, nicht der „Besitz" von Wissen und die „Verwaltung" von Pfründen und Einflußsphären. Die Identität des Buddhismus entsteht deshalb nicht durch der Abgrenzung gegenüber anderen Religionen. Im Gegenteil: Verständigung und Dialog sind geeignete Möglichkeiten der Bewahrung allgemeingültiger Einsichten und befreiender Handlungsweisen, um die es allein geht.

Dementsprechend sieht die Art und Weise der Verbreitung des Buddhadharma aus. Ein missionarischer Eifer (im unguten Sinn) ist in der buddhistischen Bewegung eher unbekannt. Die Lehre des Erwachten ist ehipassiko, sie ist „einladend". Sie fordert zum Kommen und zum Selbersehen auf, wenn Interesse und Offenheit vorhanden sind, und sie ist zu einer Kommunikation ohne Vorbedingungen bereit. Jedenfalls sind eine gewaltsame Verbreitung des dharma oder die zwangsweise Unterwerfung Andersgläubiger ausgeschlossen. Wenn immer der dharma in ein neues Land gelangte, nie stand die Ablehnung vorgefundener religiöser Werte und Vorstellungen zur Debatte, nicht die Unterdrückung überkommener Sitten und Gebräuche, statt dessen deren Integration, Überhöhung und Vervollkommnung. Historische Beispiele für die Begegnung des heimisch werdenden Buddhismus mit den angestammten Religionen gibt es viele. Zu einem regen Austausch, gegenseitiger Befruchtung und teilweiser Verschmelzung kam es beispielsweise mit dem Taoismus und dem Konfuzianismus Chinas, mit dem Shintoismus in Japan und dem schamanistischen Bön in Tibet.

2.2 Die Situation in der heutigen Gesellschaft

Ich möchte nun den Blick wieder auf die heutige Lebenssituation richten und die Frage nach Verständigung und Dialog unter dieser Perspektive erneut stellen. Wie läßt sich der interreligiöse Dialog vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Globalisierung beurteilen?

Aus buddhistischer Sicht ist ein Dialog der Religionen notwendig. Wir leben in einer kleiner werdenden Welt und mehr und mehr in multireligiösen Gesellschaften; die genannte Globalisierung unseres Lebens hat viele und enge wechselseitige Abhängigkeiten geschaffen. Die Begegnung der Kulturen und der Religionen ist unausweichlich, ein unter-sich-Sein wird künftig noch weniger möglich sein. Ein Schlaglicht auf die Situation in der Bundesrepublik Deutschland mag das erhellen: Allein die Hansestadt Hamburg ist die Heimat für mehr als 100 unterschiedliche religiöse Gemeinschaften und Gruppierungen. Die Krisenhaftigkeit der heutigen Welt verlangt ein übriges. In vielen Lebensbereichen sind auf Dauer nur noch gemeinsame Problemlösungen aussichtsreich. Aus buddhistischer Weltsicht kommt jedoch ein weiterer, spirituell bedeutsamer Punkt hinzu. Wer seine eigenen Interessen verfolgen und langfristig sichern will, der muß die Wünsche und Sehnsüchte, die Nöte und Sorgen aller in seine Überlegungen und sein Handeln einbeziehen. Das eigene Glück ist auf Dauer gar nicht auf Kosten der anderen oder gegen sie möglich. In der buddhistischen Karmalehre werden diese Zusammenhänge deutlich.

Ein Dialog ist abgesehen von seinem Nutzen für das menschliche Zusammenleben und die Gesellschaft für die Religionen selbst hilfreich. In jedem ernsthaften und vorurteilsfreien Gedankenaustausch kann man von seinen Gesprächspartnern lernen. Daraus kann auch eine gegenseitige praktische Unterstützung erwachsen, gemeinsame Projekte werden möglich, die Erfahrungen und Kräfte bündeln. Schließlich ist Dialog - wie mir scheint - auch möglich. Er ist in unserem Land inzwischen leichter geworden, weil in vielen Bereichen eine gewachsene Verständigungsbereitschaft und eine zunehmende Dialogerfahrung günstigere Vorbedingungen darstellen als noch vor nicht allzu langer Zeit.

Ein näherer Blick zeigt dabei sehr schnell, daß ein fruchtbarer Dialog auf beiden Seiten Identitäten voraussetzt. Nicht alle Religionen sind gleich und zielen auf das gleiche. Man muß diese Unterschiede kennen (oder wenigstens kennenlernen), man muß sie benennen und sie auch akzeptieren. So werden die vorhandenen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Themen und Inhalten des Dialogs. Nur wo Identifikationen sind, machen Gespräche überhaupt einen Sinn. Doch besteht ein entscheidender Lerneffekt in der Erkenntnis, daß Verständigung auch Identitäten schafft; ja in einem gewissen Sinn wird Identität sogar erst durch Dialog möglich. Nicht selten findet ein Prozeß der „Selbstfindung" geradezu im Austausch mit dem „Gegenüber" statt.

Wer mit anderen über seine Religion sprechen möchte, findet sich ermutigt, wenn nicht gar gezwungen, sich zuerst einmal selbst zu definieren und seine eigene Identität zu bestimmen. Oft macht erst der Vergleich die eigenen Positionen klar, läßt die Eigenheiten und den Wert der vertrauten Tradition deutlicher hervortreten. Ich persönlich habe beispielsweise einige Christen kennengelernt, die auf diese Weise die Botschaft der Bibel tiefer und anschaulicher verstanden haben. Ich habe es immer wieder erlebt, daß Christen nach einigen Kontakten mit der buddhistischen Spiritualität gesagt haben: „Jetzt weiß ich erst, was Jesus meinte." Und umgekehrt gilt das gleiche.

Was können beispielsweise Buddhisten von Christen lernen? Ich meine, die heilende Hinwendung zum Mitmenschen im Sinne einer gesellschaftsbezogenen Aktivität auf spirituellem Hintergrund; das heißt die Institutionalisierung und Vernetzung von Hilfen, die organisierten Formen der Unterstützung für den notleidenden Nächsten. Was können Christen von Buddhisten lernen? Ich denke an die „Wissenschaftlichkeit" von Religiosität, an die Erfahrungsbezogenheit der Religion und den gewollten Antidogmatismus. Ich denke aber auch an die Möglichkeiten der systematischen Schulung des Geistes und die dazu nötige methodische meditative Praxis.

Wie Identität durch Dialog entsteht, wird sie durch Verständigung ebenso in Frage gestellt. Ich habe mich meiner Einstellungen immer wieder zu vergewissern. Wer sich von anderen nicht fragen und herausfordern läßt, läuft Gefahr, irgendwann nur noch unverstandenen und zuletzt leeren Dogmen anzuhängen. Interreligiöser Austausch ist gut gegen unsere innere Erstarrung, sie drängt zur Selbstprüfung und unterstützt die Anpassung an veränderte Situationen - wie etwa in unserem sogenannten postmodernen Zeitalter. Ich möchte deshalb abschließend einen Vorschlag machen.

Im heutigen Europa und in Deutschland sind nicht mehr nur die sogenannten Gottesreligionen zu Hause, sondern auch traditionsreiche Formen gelebter Spiritualität ohne Gott. Der Buddhismus gehört dazu, und er ist damit ein weiterer möglicher Dialogpartner. Neue Dialogpartner bringen neue Dialoginhalte auf die Tagesordnung. Aus den genannten Gründen kann zum Beispiel der Gottesbegriff nicht (länger) der alles entscheidende Punkt sein. Ich plädiere für die Suche nach einem gemeinsamen und noch universelleren Paradigma zur Verständigung der Religionen. Ein solches bietet sich aus buddhistischer Sicht leicht an. Da die Leidenserfahrung des Menschen und seine Suche nach Glück (im spirituellen Sinn) konstitutiv für seine Existenz sind, könnten sie ein Ansatzpunkt für das Gespräch aller (!?) Religionen sein. Das wäre sicher ein schwieriges, aber lohnendes Unterfangen: Zugleich wäre es eine gute Möglichkeit zur praktischen Erprobung des Verhältnisses von Identität und Verständigung. Vor allem, wenn es gelänge, eine gemeinsame Identität aller spirituellen Traditionen zu finden.




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