Buchbeiträge - Auf stillem Pfad

Universelles Bewusstsein und nicht-messender Geist
(engl. Orig.: Universal Consciousness and Immeasurabe Mind)


Nur durch innere Wandlung
wandelt sich das Außen,
auch wenn es noch so langsam nachfolgt.
(Nyanaponika)
 


Wie oft haben wir es schon gehört, und wie oft haben wir es wieder vergessen oder erst gar nicht ernst genommen: Die Welt ist nur ein Spiegel. In ihr sehen und erleben wir, was wir einst gedacht, gesagt oder getan haben. Sie reflektiert unser früheren oder jetzigen Handlungen und Eigenschaften.

Wollen wir die Dinge zum Besseren wenden, haben wir also bei uns selbst zu beginnen. Vor allem bei unserem Geist; bei unseren Vorstellungen über das, was wir für richtig und wertvoll, für wünschenswert und glückverheißend halten. Aus unserem Denken geht alle Wirklichkeit hervor. Eine beengende, kalte und harte, wenn das Herz kleinmütig, verkrampft und abweisend ist. Eine gewährende, erfreuliche und befreiende, wenn es die Eigenschaften von Großzügigkeit, Wärme und Weite besitzt. Worauf unser Inneres wirklich aus ist, wird sich irgendwann als äußere Erscheinung manifestieren. Im Guten wie im Schlechten.

Spirituelle Traditionen wissen das, und sie verfügen über einen fast unerschöpflichen Schatz von Meditationen und Kontemplationen, die dem Denken gültige Maßstäbe setzen und ihm eine heilsame Richtung geben. Immer wieder legen diese Betrachtungen nahe, vor allem sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, die eigenen Interessen nicht so ausschließlich zu verfolgen, das eigene Ich von seinem selbst errichteten hohen Sockel zu holen - wenn nicht gar, es als eine gefährliche Illusion zu durchschauen.

Die Lehren des Buddha machen hier keine Ausnahme. Im Gegenteil, etwas zugespitzt könnte man nach ihnen formulieren: Wo ein „Ego" auf den Plan tritt, fangen die Schwierigkeiten, Sorgen und Probleme erst an. Und je mehr es für sich möchte und braucht, bekommen oder durchsetzen will, um so sicherer entstehen individuelles Leid und gesellschaftliche Konflikte.

Was Wunder, dass die spätere buddhistische Tradition - das sogenannte Mahayana - mit seinem Bodhisattva-Ideal seinen Anhängern ein außerordentlich hohes Ziel gesetzt hat: sich selbst ganz und gar zurückzustellen und erst dann die Früchte der eigenen Vervollkommnung zu genießen, wenn zuvor alle anderen empfindenden Wesen die Freiheit gefunden haben und man ihnen auf diesem Weg nach Kräften behilflich war.

Indessen ist wahrer und tiefer Altruismus keineswegs eine „Erfindung" des „Großen Fahrzeuges" des Buddhismus. Alle buddhistische Lehren zeichnen sich dadurch aus, dass universelles Wohlwollen, nicht-messende Güte und Mitempfinden, das keine Ausnahmen zulässt, eine entscheidende Rolle spielen. Wo sie nicht sind, gibt es den Buddhadharma nicht. Es geht nie um das Heil für „mich alleine".

Die folgenden - exemplarisch ausgewählten und kommentierten - Passagen aus dem Palikanon, der ältesten überlieferten Sammlung der Worte und Dialoge des Buddha belegen, wie konsequent schon der frühe Buddhismus diesen Idealen folgt und wie schlicht und eindringlich zugleich er sie formuliert.

Diese Worte des Buddha sind es wert, sie sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, sie im tiefsten Sinne zu wägen und für das eigene Leben gewichtig und wichtig zu machen. Wer sie oft und lange in Geist und Herz bewegt, wandelt sich entsprechend - und letztlich die ganze Welt. Zum Vorteil aller. Denn es stimmt tatsächlich: „Nur durch innere Wandlung wandelt sich das Außen, auch wenn es noch so langsam nachfolgt."

Mögen alle Wesen glücklich sein!

Mögen alle Wesen glücklich sein und Frieden finden!
Was es auch an lebenden Wesen gibt: ob stark oder schwach, ob groß oder klein, ob sichtbar oder unsichtbar, fern oder nah, ob geworden oder werdend - mögen sie alle glücklich sein!
(Metta-Sutta, Sutta-Nipata 1,8; Übersetzung nach Vimalo)

Sie gehören zu den in Südostasien am häufigsten zitierten Versen - die Zeilen über die Liebende Güte aus dem Metta-Sutta. Seit Jahrhunderten gelten sie als eine der schlichtesten, und doch schönsten und berührendsten Formulierungen der Botschaft des Erwachten: Mögen alle Wesen glücklich sein!

Wo empfindende Wesen leben und agieren, haben sie alle nur ein Interesse und ein tiefes Anliegen. Sie möchten Schwierigkeiten, Unglück und Schmerz vermeiden und Freude und Glück erlangen. Alles Reden und Handeln atmet nur diese Hoffnung: zu erleben, was froh und zufrieden macht, und zu vermeiden, was belastet und quält. Was immer wir darunter konkret verstehen mögen, stets geht es um die Qualität von Erfüllung, Freiheit und innerem Frieden. Und wer hätte da mehr oder weniger Recht auf sie?

Dies zu erkennen und anzuerkennen ist gleichermaßen einfach wie schwierig. Auf der intellektuellen Ebene wissen wir es vielleicht, aber in der konkreten Situation übertönen meist die eigenen kleinen oder großen Wünsche und Sehnsüchte diese Einsicht. Sie lassen uns nicht unmittelbar sehen, dass der Wunsch nach Wohl-Sein alle Wesen verbindet und sie in ihrem Streben danach eins sind. Und wie oft macht uns das in unserem Innern verspürte Verlangen glauben, dass unser privates Glück ohne die Berücksichtigung der anderen, ja sogar gegen deren Interessen durchsetzbar ist. Und wie oft handeln wir entsprechend.

Wer sich die Worte des Metta-Sutta ins Gedächtnis ruft und sie dort verankert, bewahrt sich vor dieser fatalen Verengung seines Horizontes. Der Wunsch nach Glück ist universell, und unser Wohlwollen kann ebenso unbeschränkt werden wie das eines Buddha. Wenn es das (noch) nicht ist, kann es doch dahin wachsen und irgendwann aufhören, Ausnahmen zu finden und Unterschiede zu machen - zwischen Menschen oder Tieren, zwischen Wesen, mit denen wir direkt zu tun haben, und solchen, zu denen nur mittelbarer Kontakt besteht. Ob jemand einflussreich oder unbedeutend ist, bekannt oder unbekannt, „nützlich" oder „schädlich", sympathisch oder unsympathisch usw., spielt dann keine Rolle mehr. Und ebensowenig, ob jemand bereits geboren wurde, ob er jung oder alt ist oder erst nach Geburt strebt. Mögen alle Wesen glücklich sein!

Sich selbst zum Gleichnis machen

Da führt man sich vor Augen: „Mir ist mein Leben lieb, ich möchte nicht sterben. Ich ersehne Wohl und schrecke vor Schmerz zurück. Würde mich einer des Lebens berauben, so wäre das das genaue Gegenteil von dem, was mir lieb und erwünscht wäre. Wenn aber nun ich einem anderen, dem auch sein Leben lieb ist, der ebenfalls nicht sterben will, sondern genauso Wohl ersehnt und vor Schmerz zurückschreckt, das Leben rauben würde, so wäre das das genaue Gegenteil von dem, was ihm lieb und erwünscht ist. Wie könnte ich da einem anderen das genaue Gegenteil von dem antun, was mir selber lieb und erwünscht ist?"
Wer sich das so vor Augen führt, dem liegt selbst das Umbringen von Lebendigem fern und der bringt auch andere dazu, das Töten zu lassen. Er redet der Schonung des Lebens das Wort: „Das ist die angemessene Lebensführung in Taten", darüber ist er sich endgültig und vollkommen klar geworden.
(Samyutta Nikaya 55,7; Übersetzung in Anlehnung an Debes/Anders/Hecker)

Wie weiß man, was andere Menschen bewegt? Worauf sie Wert legen und was ihnen am Herzen liegt? In aller Regel braucht man nicht lange zu grübeln oder zu fragen. Es genügt, sich zu betrachten und festzustellen, was man selbst sehr gerne oder auf gar keinen Fall erleben möchte. Wir sind betroffen und verletzt, wenn uns etwas entrissen wird, was wir lieben und wertschätzen. Und umgekehrt freuen wir uns natürlich, wenn wir das bekommen oder behalten dürfen, was das Leben schöner macht und woran das Herz hängt. Wie es mir geht, so geht es jedem. Und wer sich als Beispiel sieht, weiß unmittelbar und mit großer Überzeugungskraft, was zu tun und zu lassen ist.

Wie oft sehen wir das „Du" deutlich vor uns, doch wir fühlen nicht, was es empfindet. Wir sind auf sein Äußeres fixiert, aber seine Innenwelt entzieht sich dem direkten Anblick. Wir nehmen seinen Körper und seine Handlungen wahr, aber nicht direkt, was sich in Geist und Herz abspielt. Eine gangbare Brücke zur Überwindung dieser Kluft ist die Reflexion der Worte des Buddha, die er im konkreten Fall an die Bürgerinnen und Bürger des Städtchens Veludvara richtet. Schaut euch selbst an, betrachtet eure Empfindungen und Reaktionen, wenn euch etwas Unangenehmes widerfährt, rät er dort. Und führt euch die Wirkungen und Gefühle vor Augen, wenn die Menschen euch wohlwollend und zuvorkommend begegnen. In jedem von euch geschieht das Gleiche. Wer das nicht nur irgendwo in seinem Intellekt als abstraktes Wissen abgespeichert hat, sondern als lebendige Wahrheit bei sich bewahrt, wird sein Tun und Lassen unweigerlich danach richten. Wer sich selbst zum Gleichnis nimmt, kann auf Dauer anderen nicht das antun, was ihm selbst zuwider und unangenehm ist.

In dem zitierten Wort des Buddha wird zugleich das Gut genannt, das in aller Regel als das höchste und wertvollste gilt: das eigene Leben. Ich hänge am Leben und an meiner Gesundheit wie jeder Mensch und jedes fühlende Wesen. Wäre mein körperliches Dasein bedroht, müsste mich das ängstigen, und würde meine Unversehrtheit verletzt, bedeutete das für mich Schmerz und Kummer.

Die Gabe der Furchtfreiheit

Da verwirft jemand das Töten, steht ab vom Töten. Dadurch aber, dass er vom Töten absteht, gewährt er unermesslich vielen Wesen die Gabe der Furchtfreiheit, der Freiheit von Feindschaft und Bedrückung. Indem er aber unermesslich vielen Wesen die Gabe der Furchtfreiheit gibt, der Freiheit von Feindschaft und Bedrückung, wird ihm selber Freiheit von Furcht, Feindschaft und Bedrückung zuteil. Das ist die erste Gabe ...
Da verwirft jemand das Stehlen, geschlechtliche Ausschreitung, das Lügen und den Genuss von Rauschmitteln ... Das sind die anderen vier Gaben.
(Anguttara Nikaya 8,39; Übersetzung in Anlehnung an Nyanatiloka/Nyanaponika; gerafft)

Nicht zu töten bedeutet nicht bloß das Nichtbegehen einer gleichermaßen unwürdigen wie schrecklichen Tat. Im Sinne der buddhistischen Ethik heißt Nicht-Töten vor allem, sich innerlich ganz und gar von einer geistig-seelischen Haltung zu entfremden, aus der eine solche äußere Handlung erst erwachsen kann. Wenn jemand das Töten „verwirft", dann betrachtet er es nicht länger als eine annehmbare Möglichkeit des Handelns. Sie bleibt definitiv ausgeschlossen, weil sie völlig ungeeignet ist, um dem eigenen wie auch dem fremden Glück näher zu kommen.

Doch freilich besteht zwischen Nicht-Töten und Nicht-Töten ein gewaltiger Unterschied. Wer bringt schon unter gewöhnlichen Umständen jemanden um - selbst wenn Verlangen, Neid oder Ärger als denkbare Motive uns nicht fremd sind? Aber ist uns bewusst, wie sehr unser eigenes Leben generell davon abhängig ist, dass andere Wesen ihr Leben dafür lassen? Immer wieder und sogar im unspektakulären Normalfall des Alltags, weil wir essen, wohnen und uns kleiden und viele Dinge des Lebens genießen wollen? Weil die bewusste oder unmerklich stattfindende Ausweitung und Ausbeutung unseres Lebensraumes die Existenzbedingungen anderer Menschen, aber genauso von Tieren und Pflanzen zerstört? Erst wer die Übung auf sich nimmt, die Schädigung oder gar die Vernichtung von Leben zum eigenen Nutzen und Vorteil zu minimieren, wird entdecken, wie weit das Praxisfeld der „Harmlosigkeit" reicht und wie vieldimensional es ist.

Der Buddha betont: Die bewusst und mit Bestimmtheit gezogene Grenze des Nicht-Tötens und Nicht-Verletzens unter keinen Umständen zu überschreiten heißt tatsächlich ein kaum hoch genug einzuschätzendes Geschenk machen: die Gabe der Furchtfreiheit, der Freiheit von Feindschaft und Bedrückung. Im Umgang mit solchen Frauen oder Männern braucht niemand um das zu bangen, was ihm am allerliebsten ist - sein Leben und seine körperliche Unversehrtheit. Man kann sich uneingeschränkt sicher fühlen. Diese empfundene unbedingte Gefahrlosigkeit lässt tief aufatmen und entlastet über die Maßen.

Das gilt umso mehr, wo auch die vier anderen Grundregeln der buddhistischen Ethik Beachtung finden: Nichts zu nehmen, was mir nicht gegeben wurde, weil dann niemand um mich herum um sein „Mein", seinen Besitz, seine materiellen Güter usw. fürchten muss. Sich nicht zu sexuellem Fehlverhalten hinreißen lassen, denn so bleibt die Würde des tatsächlichen und möglichen Partners unangetastet und intakte Beziehungen werden nicht mutwillig zerstört. Nicht bewusst zu lügen und Unwahrheiten zu verbreiten, denn sie würden die Zuhörenden irreführen und ihnen so direkt oder indirekt Schaden zufügen. Und schließlich um eines klaren und besonnenen Geistes willen auf den Genuss von Drogen und bewusstseinstrübenden Mitteln zu verzichten; mit der Folge, dass meine und deine Interessen nicht aus Unachtsamkeit oder aus Unbeherrschtheit beeinträchtigt werden.

Warum aber verleiht diese Haltung des Nicht-Schädigens „unermesslich" vielen Wesen die Gabe der Furchtfreiheit? Ist denn die Zahl derer, mit denen ich zu tun habe, nicht doch sehr begrenzt? Sicher, wenn wir allein dieses eine Leben im Auge haben. Doch der Buddha wurde nicht müde davon zu sprechen, dass sich Leben und Erleben fortsetzen, über den Tod und über viele Tode hinaus. Wer eine ethisch geprägte Motivation mit einem entsprechenden Verhalten zum unverlierbaren Charakterzug von sich macht, schont tatsächlich unnennbar viele Wesen - all die unzähligen nämlich, die ihm im Laufe seiner unabsehbar langen Existenz noch begegnen werden.

Allverwandtschaft

Nicht leicht ist irgendein Wesen zu finden, das nicht schon irgend einmal auf dieser langen Wanderung eure Mutter gewesen wäre, oder euer Vater oder Bruder oder Schwester oder Sohn oder Tochter. Und wie ist das möglich? Unausdenkbar ist ein Anfang dieser Daseinsrunde, nicht zu entdecken ein Beginn der von Unwissenheit gehemmten und von Begehren gefesselten Wesen, die immer wieder den Samsara durcheilen, den Samsara durchwandern.
(Samyutta Nikaya 15,14-19; Übersetzung nach Nyanatiloka)
 

Die ganze, mit bloßem Denken gar nicht hinreichend zu fassende und nur gleichnishaft erahnbare Dimension des Samsara, des Daseinskreislaufes der Wesen, klingt in diesen Sätzen an. Nicht allein, dass unser Leben schon vor der so genannten Geburt bestand und sich nach dem so genannten Tod fortsetzten wird: Dieses Geborenwerden und Sterben, das Wandern von Existenz zu Existenz währt schon so lange, dass wir allen Wesen bereits begegnet sind - unter den verschiedensten Umständen und in jeder denkbaren Rolle. Jedem waren wir schon Vater und Mutter, Sohn und Tochter, Bruder und Schwester, und sie waren es uns ebenfalls. Das mag als Metapher oder wortwörtlich verstanden werden. Wie auch immer wir uns entscheiden, wo haben hier Gedanken von Getrenntsein und Fremdheit oder das Gefühl von Missachtung gar oder Feindseligkeit Bestand? Wo lassen sich da über die „zufällige" momentane Ungleichheit von Aussehen, Verhalten, sozialem Status usw. hinaus essentielle Unterschiede ausmachen?

Illusionäre Vorstellungen und unrealistische Erwartungen halten uns in diesem Kreislauf von Geborenwerden, Altern und Sterben fest. Sie verhindern, was ausnahmslos jeder braucht und sucht: Glück und inneren Frieden. Wenn das so ist, wenn alle dieselbe Unfreiheit und Ungeborgenheit erleben, wie sollte dann etwas anderes entstehen als ein Empfinden der universellen Verbundenheit und der ungeteilten Solidarität? Und wie könnte man im ständigen Anblick von Mutter und Vater, der eigenen Kinder und Geschwister etwas anderes empfinden als Wohlwollen?

Der Spiegel

„Weißt du, Rahula, wozu man einen Spiegel braucht?" „Man braucht ihn, um sich zu betrachten." „So musst du dich immer wieder betrachten, wenn du etwas tust, wenn du etwas redest, wenn du etwas denkst. Wenn du vorhast, etwas zu tun oder zu reden oder zu denken, dann musst du dich so betrachten: würde das, was ich tun oder reden oder denken will, mir schaden oder einem anderen schaden oder beiden schaden, so ist es unheilsam und leidbringend; und wenn du beim Betrachten merkst, dass es schädigen würde, dass es unheilsam und leidbringend sein würde, dann musst du es, wenn du irgend kannst, nicht tun oder reden oder denken. Wenn du aber merkst, daß es weder dir noch einem anderen noch beiden schaden würde, dann darfst du es tun oder reden oder denken."
(Majjhima Nikaya 61; Übersetzung nach Kurt Schmidt)
 

Wie oft „wissen" wir sehr wohl, was angebracht und unangemessen, was richtig und falsch ist, und dennoch sieht unser konkretes Handeln anders aus. Wir agieren nicht unserer besten Einsicht gemäß, sondern folgen gewohnheitsmäßigen Handlungsmustern und momentanen persönlichen Interessen. Klarheit und Umsicht fehlen, die uns zu wahrhaftig souverän agierenden Menschen machen könnten. Daher mahnt der Buddha in dem kurzen und aufschlussreichen Dialog mit seinem Sohn Rahula Besonnenheit und Achtsamkeit an: Wenn du etwas tun willst, prüfe zuerst, welche Folgen es hat - für dich, den anderen und für euch beide zusammen. Kommt diese Prüfung zu dem Ergebnis, dass die beabsichtigte Handlung den Betroffenen schadet, dann lass sie sein. Verfolge sie nicht weiter. Weder im Denken noch im Reden noch im Tun. Es genügt mitnichten, dass du selbst einen Vorteil aus einem Vorhaben ziehst. Es ist nur akzeptabel, wenn aus ihm für niemanden eine Beeinträchtigung erwächst bzw. wenn es für alle nutzbringend ist.

Die Schlüsselworte sind Selbstbeobachtung und Geistesgegenwart, die uns im rechten Moment die gültigen Maßstäbe ins Gedächtnis rufen, um unserem Tun Richtung und Ziel zu geben. Wachheit betrifft freilich nicht allein die vorgestellte Zukunft, das Schmieden von Plänen und das Hegen von Absichten. Sie ist nicht minder für den jetzigen Augenblick gefragt, in dem ich gerade etwas mache, sage oder überlege. Und ganz genauso geht es um den Blick zurück. Ich habe etwas gedacht, ausgesprochen oder erledigt und frage mich danach: War das gut? Für mich selbst? Für die Familie, die Nachbarn, die Gesellschaft, das Leben auf diesem Planeten überhaupt? Für alle? Oder war es das nicht? Selbst wenn ich dann nichts ungeschehen machen kann, so wird wenigstens meine geistige Orientierung korrigiert und wieder auf das Ganze ausgerichtet.

Wie eine Mutter

Niemand betrüge oder verachte einen anderen. Aus Ärger oder Übelwollen wünsche man keinem irgendwelches Unglück.
Wie eine Mutter mit ihrem Leben ihr einzig Kind beschützt und behütet, so möge man für alle Wesen und die ganze Welt ein unbegrenzt Gemüt entfalten.
(Metta-Sutta, Sutta-Nipata 1,8; Übersetzung nach Vimalo)
 

Es ist hilfreich, wenn der Verstand sagt, was gut und richtig ist, wenn das Denken Weitsicht besitzt und der Geist stets klar und wach bleibt. Doch genügt es nicht, auf den Kopf alleine zu setzen. Er braucht Unterstützung durch Gewöhnung an und Vertrautheit mit dem richtigen Tun, er bedarf auch einer emotionalen Basis. Nur wo eine starke innere Neigung zu rücksichtsvollem und wohlwollenden Handeln besteht, wird es mehr sein als ein löblicher, aber doch nur gelegentlicher erfreulicher Akt. Die Einsicht muss das Herz berühren und nachhaltig wandeln.

Der Buddha empfiehlt, in jeder Begegnung zu empfinden wie eine vorbildliche Mutter, wenn sie ihr Kind sieht. Wer eine solche Haltung einnimmt, kann mit jedem so umgehen wie mit der eigenen Tochter oder dem eigenen Sohn: mit bedingungsloser Offenheit, nicht nachlassender Freundlichkeit, mit Wärme, Herzlichkeit und Zuneigung und ohne jegliche Erwartung einer Gegenleistung. Das ist metta, liebende Güte, Menschlichkeit und Wohlwollen, die der Buddha oft in einem Atemzug mit drei anderen herausragenden Herzensqualitäten nennt: Mitempfinden (karuna), Mitfreude (mudita) und Gelassenheit (upekha).

Eine Mutter - und ein Vater natürlich genauso - wird diese Einstellung am ehesten und leichtesten bei den leiblichen Kindern und bei der eigenen Familie aufbringen können. Das ist naheliegend und verständlich, doch bleibt mehr zu tun, will man den Satz aus dem Metta-Sutta in seinen beiden Teilen ernst nehmen. Spricht doch der Erhabene davon, eine solche Haltung gegenüber allen Wesen und die ganze Welt zu entfalten und letztlich gar nicht mehr zu unterscheiden zwischen Angehörigen und Außenstehenden, zwischen Nahestehenden und Fremden, befreundeten und unbekannten Menschen. Ein solcher Geist setzt und kennt keine Grenzen mehr. Er misst nicht länger und ist selbst nicht länger messbar, es ist unbeschränkt, ungebunden, allumfassend.

Das hört sich (fast) schon übermenschlich an, und in einem gewissen Sinn ist das auch so. Sicher kennen wir die Qualitäten von metta, karuna, mudita und upekha, wir spüren sie bei uns selbst in geringerem oder größerem Umfang oder wir erleben sie im Umgang mit anderen. Aber wir haben kaum eine Ahnung, wie sehr man sie entfalten und zum bestimmenden Wesenszug machen kann. Zur Grundmelodie in uns, die keine falschen oder unpassenden Töne mehr kennt und deren Rhythmus ausschließlich diesen einen Klang trägt. In der buddhistischen Tradition wird dieser erhabene innere Zustand in seiner Vollendung ganz treffend brahmavihara genannt, „Ort Brahmas", „göttliche Wohnstätte" oder „himmlische Seinsweise". Wo Wohlwollen, Mitempfinden, Heiterkeit und Gleichmut uneingeschränkt und fortdauernd erlebt und verkörpert werden, dort ist „Himmel" tatsächlich. Er währt so lange, wie die vier nicht nachlassen, und er ist so real wie diese selbst.

 



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