Buchbeiträge - Auf stillem Pfad

Die Vier Edlen Wahrheiten und der Achtfache Pfad -

Die Integration ethischen Handelns in den buddhistischen Weg der Befreiung

 

Höre auf, Böses zu tun,
Wende dich dem Guten zu,
Läutere Herz und Geist:
Dies ist die Lehre des Buddha.

Der Buddha; Dhammapada, Vers 183
Übersetzung: Munish B. Schiekel

 

Andere mögen Lebendes töten, wir wollen nicht töten;
andere mögen stehlen, wir wollen nichts nehmen, was uns nicht gegeben wird;
andere mögen ausschweifend leben, wir wollen keusch leben;
andere mögen lügen, wir wollen die Wahrheit sagen;
andere mögen verleumden, wir wollen es nicht tun;
andere mögen schimpfen, wir wollen höflich sein;
andere mögen schwatzen, wir wollen nicht schwatzen;
andere mögen habsüchtig sein, wir wollen bescheiden sein;
andere mögen boshaft sein, wir wollen gütig sein;
andere mögen falsche Ansichten haben, wir wollen rechte Einsicht haben.

Der Buddha; Majjhima Nikaya 8
Übersetzung: Kurt Schmidt 

 

Was der Buddha lehrt

Der Buddha als herausragender Heilslehrer charakterisiert die Menschen als Wesen, die ohne Ausnahme Unannehmlichkeit, Schmerz und Unglück vermeiden möchten und Glück, Zufriedenheit und Wohl suchen. Was immer sie tun und lassen, ordnet sich diesen beiden Zielen unter.

Diese Tatsache spiegelt sich überall in den Lehren des Buddha wider. Seine wesentlichen Aussagen über die Lebenswirklichkeit und über die spirituelle Praxis sind in vier Kernsätzen, den „Vier Edlen Wahrheiten", zusammengefasst. Sie behandeln die Realität des Leidens (dukkha), seine Ursachen (samudaya), die Möglichkeit seiner Beendigung (nirodha) sowie das dafür geeignete praktische Vorgehen (magga). Alle Einzelfragen und Detailaussagen des Erwachten ordnen sich hier ein.

Die erste Wahrheit, die Wahrheit vom Leiden, beschreibt ungeschminkt und desillusionierend die existenzielle Grundbefindlichkeit des Menschen. Dukkha ist die allgemeinste Erfahrung, die wir machen können. Dabei handelt es sich jedoch nicht allein oder in erster Linie um negative Gefühle und Empfindungen, sondern um ein universelles Merkmal aller Daseinsphänomene.

Näher betrachtet lassen sich drei grundlegende Ausdrucksformen von dukkha ausmachen. Da ist zunächst die Leidhaftigkeit des Schmerzes, des Unwohlseins, der schlimmen Erlebnisse im engeren Sinn. Tatsache ist, wir können uns nicht dauerhaft und vollständig vor unangenehmen und quälenden Erfahrungen schützen. Wir werden krank, erleiden Verluste und sehen uns Sorge, Angst und Verzweiflung gegenüber. Dazu kommt zweitens die Leidhaftigkeit der ständigen Bewegtheit und Unruhe des Lebens, die von Mühe, Belastung und Anstrengung, Stress und Hektik. Was uns fehlt, ist äußerer und innerer Frieden. Wir müssen stets aktiv sein, um unser Leben zu fristen und voranzukommen, nie sind wir wirklich am Ziel. Die Leidhaftigkeit der Vergänglichkeit und der Unbeständigkeit steht an dritter Stelle. Sie reicht am weitesten. Alles Gewordene muss vergehen, alle Dinge sind zeitlich, jede Erscheinung schwindet irgendwann. Selbst die erhabensten und glücklichsten Daseinszustände erweisen sich letztlich als unzulänglich, weil sie wandelbar sind.

Der buddhistische Leidensbegriff geht damit weit über das gewöhnliche, enge Verständnis hinaus. Er umfasst neben allen Arten des manifesten Leidens jegliche Form von Unvollkommenheit und Unzulänglichkeit. Was nicht ideal ist, ist dukkha. Und kein Ding der Welt und keine Situation im Leben ist ideal.

Die Zweite Wahrheit des Buddha gibt Antwort auf die Frage, woher dukkha kommt und warum es sich trotz all unserer Bemühungen fortsetzt und oft sogar noch vermehrt. Als Gründe nennt der Buddha Begehren (tanha) und Unwissenheit (avijja). Wo Habenwollen oder Seinwollen und Irrtum vorhanden sind, ist dukkha unausweichlich. So lange wir an (unrealistischen) Wünschen und (illusionären) Vorstellungen festhalten, bleiben wir dem Leiden ausgeliefert. Wir leben in trügerischen Erwartungen und nähren die falsche Hoffnung, vollkommene Erfüllung in einer unvollkommenen Welt finden zu können.

Die Dritte Wahrheit ergibt sich unmittelbar aus der zweiten und stellt ihre folgerichtige Umkehrung dar. Sie zeigt die befreienden Alternativen. Wir sind nämlich der beschriebenen unzulänglichen Situation nicht hilflos ausgeliefert. Abhängigkeit, Unfreiheit und Mangel können aufgehoben werden. Glück, innerer Frieden und Sicherheit sind keine leeren Begriffe. Nach dem vorher Gesagten gilt: Wenn alles Wollen und Beabsichtigen, Verlangen und Anhaften endet, muss dukkha ebenfalls aufhören. Wenn vollkommenes Wissen an die Stelle von Orientierungslosigkeit tritt, Realitätssinn an die Stelle von Illusion, verschwindet Leiden gänzlich.

Die Vierte Wahrheit des Buddha schließlich beinhaltet die spirituelle Praxis, die aus all diesen Einsichten hervorgeht. Sie umfasst als Konsequenz der bisherigen Betrachtungen eine Vielzahl von Handlungsempfehlungen auf unterschiedlichen Ebenen. Die buddhistische Tradition nennt diesen methodischen Teil der Lehren den „Edlen Achtfachen Pfad". Ihn muss man kennen, aber mehr noch gehen. Zu ihm gehören acht aufeinander aufbauende und sich aufeinander beziehende Aspekte (1-8) mit drei Schwerpunkten: Wissen, Meditation und ethisches Handeln.

Wissen ist die Fähigkeit, die Realität zu sehen und zu verstehen, wie sie tatsächlich ist. Der Buddha lehrt, Illusionen, Fehleinschätzungen und fixe Ideen zu überwinden und die befreiende Wahrheit intuitiv zu erfassen. Das erste Element der spirituellen Praxis ist daher das Bemühen um eine angemessene Vorstellung von der Wirklichkeit, um ein realitätsnahes Weltbild, um die richtige Anschauung. (1) Das mag zunächst nur ein anderes intellektuelles Verständnis der Realität bedeuten. Mit zunehmender Praxis aber folgt diesem auch die unmittelbare und zweifelsfreie direkte Einsicht in die Natur der Dinge. Ganz eng verbunden mit einer neuen Sichtweise ist eine veränderte Lebenseinstellung. Aus dem, was ich (jetzt anders) kenne und schätze, geht eine neue innere Haltung hervor. Die Ausrichtung meines Denkens und Wollens wandelt sich. (2)

Meditation ist ein Weg der systematischen Schulung des Geistes. Sie zielt auf die volle Entfaltung unserer inneren Potentiale und Kräfte. Meditation ist geeignet, den Geist stiller und harmonischer zu machen. Das hat zur Folge, dass er einerseits empfänglicher für Einsicht und Erkenntnis wird und andererseits ruhiger und zufriedener. Zu diesem Praxisfeld gehören drei Bereiche.

Immer wieder Mut und Energie für die eigene Wandlung aufzubringen, ist unerlässlich. Es gilt, das Beste aus sich und seinen Fähigkeiten machen, alte Fehler und Schwächen abzulegen, Neues hinzuzulernen und ungekannte Stärken und Qualitäten zu gewinnen. (6) Den Geist schulen heißt ihn klarer, achtsamer und wacher zu machen. Bewusstheit hinsichtlich des eigenen Denkens und Handels und volles Gewahrsein der Realität von Moment zu Moment ist eine wichtige Aufgabe der spirituellen Praxis. (7) Endlich zielt Meditation auf die innere Harmonisierung. Sie kann Herz und Geist sammeln und konzentrieren. Sie verleiht ihm Stabilität, Sicherheit und Frieden. Zerstreutheit und Unruhe, Unentschlossenheit und Sorge hören auf. (8)

Der dritte Schwerpunkt der buddhistischen Praxis ist im Zusammenhang mit dem gestellten Thema der zentrale: ethisches Verhalten. Er umfasst unsere nach außen, auf die (belebte) Welt gerichtete Aktivität. Was ist der richtiger Umgang mit anderen Menschen, mit Dingen und Situationen? Welche Regeln gibt es dafür? Welche Maßstäbe gelten, wenn wir sprechen (3), körperlich agieren (4) oder unser tägliches Leben organisieren und gestalten? (5)

Grundelemente buddhistischer Ethik

Der Leitgedanke der buddhistischen Ethik lässt sich kurz und einprägsam mit wenigen Zeilen aus der kanonischen Verssammlung des Dhammapada charakterisieren. Bezogen auf alle drei Formen unserer Aktivitäten - Denken, Reden und Handeln - rät der Text, „das Schlechte zu lassen", „sich dem Positiven hinzuwenden" und „Herz und Geist zu reinigen". (Dhammapada, Vers 183)

Was nun soll man aus buddhistischer Sicht besser nicht tun?

Jemanden töten. Das Leben und die Gesundheit anderer bleiben vielmehr unangetastet. Dabei hat diese Regel nicht nur menschliches Leben im Auge, sondern Leben überhaupt.

Sich etwas unberechtigt nehmen oder auf inakzeptable Weise aneignen. Der Besitz anderer ist also tabu. Die Devise lautet: kein Diebstahl, keine Unterschlagung, kein Betrug, kein ausbeuterisches Verhalten usw.

Sich auf unrechtmäßige sexuelle Handlungen einlassen. Bestehende Beziehungen zwischen Mann und Frau sind zu respektieren. Kein Verhalten darf darauf abzielen, sie zu beeinträchtigen oder gar zu zerstören. Die Würde des anderen wird gewahrt, er oder sie wird stets als Mensch und Partner betrachtet und geachtet. Vergewaltigung, Verführung, Erniedrigung, Herrschaftsansprüche und Gewaltakte verbieten sich.

Lügen. Lügen sind wissentlich falsche und täuschende Aussagen zum eigenen Nutzen und zum Schaden des Angesprochenen. Sie sind die gröbste Missachtung der Wahrheit. Wer diese jedoch respektiert, wird niemanden mit Worten irre leiten, betrügen und so Einsicht und Wissen verhindern.

Alkohol oder Drogen konsumieren. Die Klarheit des eigenen Bewusstseins und Denkens darf nicht beeinträchtigt werden. Um sein wichtigstes Gut, seine geistigen Fähigkeiten, nicht zu gefährden oder zunichte zu machen, verzichtet man besser darauf, berauschende und bewusstseinstrübende Mittel zu gebrauchen.

Die skizzierten fünf Verhaltensregeln (panca sila) empfehlen, auf eine Handlung zu verzichten, wenn sie die eigenen Interessen gewaltsam und auf Kosten anderer durchsetzen will. Buddhistische Ethik fragt aber genauso: Was soll man tun? Die Antwort gründet auf der selben Haltung. Denken, Reden und Handeln sind unter moralischen Gesichtspunkten einwandfrei, wenn sie (langfristig gesehen und auf das Ganze bezogen) wohltuend, befreiend, leidmindernd, heilsam sind und das gemeinsame Anliegen im Auge haben. Nicht in die Interessensphäre der Mitmenschen einzudringen und sie ungerechtfertigt zu beeinträchtigen ist die eine Seite der Medaille, ihn oder sie bewusst zu unterstützen und gezielt zu fördern, die andere. Entsprechend gilt der positive Ausdruck der fünf sila:

Das erste sila will Leben schonen und schützen, Entwicklung und Wachstum eines jeden fördern. Wer es befolgt, will seinen Beitrag für gute Lebensbedingungen und uneingeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten aller leisten.

Wo andere materielle Dinge raffen und festhalten, heißt es stattdessen Großzügigkeit und Freigebigkeit zu zeigen und weitherzig zu sein. Eine solche Haltung lässt den anderen an dem eigenen Besitz teilhaben. Geld, Vermögen und Chancen werden geteilt.

In den Beziehungen zwischen Mann und Frau kommt es darauf an, ein verlässlicher und rücksichtsvoller Partner zu sein. Zur Sexualität gehören Vertrauen, gegenseitiges Wohlwollen und Solidarität.

Die Empfehlung des Buddha hinsichtlich der Sprache und der zwischenmenschlichen Kommunikation lautet: sich der Wirklichkeit verpflichtet fühlen, ehrlich und glaubwürdig sein. Die Dinge beim richtigen Namen nennen, in seiner Ausdrucksweise genau sein, sich für die Wahrheit einsetzen.

Die Formulierung der fünften Grundregel fordert uns jetzt auf: Sorgt dafür, dass euer Geist frei und verständig wird. Nehmt die eigene innere Entwicklung ernst, bringt die meditative Schulung voran. Werdet achtsamer, offener, konzentrierter und gesammelter.

Die skizzierten Regeln gehören zum Kernbestand der buddhistischen Ethik. Sie einzuhalten ist eine Minimalanforderung an alle, die sich als Buddhistinnen und Buddhisten empfinden. Dabei liegt der Akzent (zunächst) auf dem, was bei unserem Tun und Lassen unmittelbar wahrnehmbar und sichtbar ist. Doch zeigt sich bei näheren Hinsehen schnell, dass die fünf sila ungleich anspruchsvoller sind und viel weiter führen, als es zunächst den Anschein haben mag.

Dass der Buddha ein genialer Pädagoge war, erweist sich nicht zuletzt daran, wie er seinen Zeitgenossen das Thema Ethik zugänglich machte und verschiedene Verstehenshorizonte ansprach und erreichte. Wo es angebracht war, wiesen seine Erklärungen und Empfehlungen für die Praxis bald über nur äußere Verhaltensweisen hinaus. Sie bezogen „Herz" und „Kopf" ein.

Eine weitere klassische Darstellung ethischer Maximen neben den fünf sila sind die zehn kammapatha. Das sind zehn Kategorien von negativen oder positiven Handlungen, die je nach dem entweder ins Elend führen oder aus ihm heraus. Was das Töten, Stehlen, sexuelles Fehlverhalten und Lügen angeht, decken sich die Ratschläge im Wesentlichen mit dem schon Gesagten. Einige vertiefende Momente bezüglich des Umgangs mit Sprache aber sind bemerkenswert. Sie haben ihre besondere Berechtigung, weil wir in aller Regel zu wenig beachten, dass Reden ein wirksames, ja machtvolles Instrument darstellt, das wie alles Nutzen bringen und Schaden anrichten kann. Buddhistische Ethik legt deshalb großen Wert auf den richtigen Gebrauch von Worten. Sie betont nicht nur die Notwendigkeit, bei der Wahrheit zu bleiben, die zweifelsohne einen hohen Wert besitzt, aber keineswegs einen absoluten. Zur „Rechten Rede" gehören deshalb drei weitere Elemente.

Mit Worten kann man Streit hervorrufen, Misstrauen und Zwietracht säen oder Zusammengehörigkeit und wechselseitiges Verständnis aufbauen. Mit verbalen Mitteln kann man Unstimmigkeit, Spaltung und Trennung verursachen oder Einklang, Verbundenheit und Zusammenarbeit. Das jeweils Letztere zählt.

Selbst wenn man die Wahrheit ausspricht, kann das ungehobelt, polternd und laut, schimpfend und schreiend geschehen. Aber genauso gut höflich, freundlich und ruhig. Es kommt nicht allein auf den Inhalt des Gesagten an, sondern ebenfalls auf die Ausdrucksweise, die unangenehme oder wohltuende Form der Kommunikation.

Die dritte von dem Erwachten genannte Alternative bezieht sich wieder mehr auf den Inhalt der Sprache. Dreht es sich um oberflächliche Unterhaltung, um Smalltalk und dummes Gerede oder um Gespräche über tiefe und existentielle Themen? Kreisen wir um Banalitäten und vordergründige Dinge oder beschäftigen wir uns mit solchen, die den Horizont erweitern?

Ist der menschliche Umgang mit Sprache oft wenig überlegt und diszipliniert, geradezu fahrlässig erscheint nicht selten der Umgang mit den eigenen Gedanken. Die meisten Menschen sind einem naiven Glauben an die Folgenlosigkeit des Denkens verfallen. Es scheint wegen seiner flüchtigen Art keine oder kaum Spuren zu hinterlassen. Aus buddhistischer Sicht ist das ein fataler Irrtum. Gerade aus dem Denken geht letztlich alle Wirklichkeit hervor. Denken ist der unmittelbare Ausgangspunkt für das Sprechen und das körperliche Agieren. Gedanken formen unseren Willen, sie prägen unseren Charakter, unser Ich, unsere Gewohnheiten und letztlich alle unsere Erlebnisse. Buddhistische Ethik schließt daher auch Verantwortung für die eigenen Gedanken ein. Wer diese „Kopfarbeit" ernst nehmen, ihr feste Maßstäbe setzen und ihr klare Grenzen setzen will, kann sich an drei Leitlinien orientieren.

In jedem Fall abträglich ist die Fixierung des Geistes auf das gerade in unserer Zeit dominierende unkritische und naive Sein- und Habenwollen. Eine unangemessen starke materielle Interessiertheit ist fehl am Platz, blinde Genusssucht widerspricht jeder spirituellen Einstellung.

Ebenso sollten wir rücksichtslose, boshafte, gehässige und feindselige Absichten und Ideen erkennen. Es ist nur gut, ihnen keine Nahrung zu geben und sie so schnell wie möglich fallen zu lassen. Wir sollten dem eingefleischten Egotrip nicht folgen und stattdessen mehr auf Wohlwollen, Freundlichkeit, Mitempfinden, Respekt und Zuneigung bauen.

Falsche Ansichten über die Daseinswirklichkeit zu haben und stur an ihnen festzuhalten, kann ebenfalls nicht förderlich sein. Der Buddha legt jedem nahe, alle irrtümlichen und vorurteilsbeladenen Vorstellungen, Ideen und Theorien abzulegen. Um Wissen geht es, um geistige Klarheit, um die tiefere Dimension des Lebens, die in unserem Denken präsent sein muss.

Charakteristika buddhistischer Ethik

Nach dieser kurzen Betrachtung der zehn kammapatha (siehe dazu die 8. Rede des Buddha aus der Mittleren Sammlung/Majjhima-Nikaya des Palikanon) sollen einige Sätze zur Charakterisierung der buddhistischen Ethik insgesamt folgen. Zunächst ist festzuhalten: Ethik ist ein unverzichtbarer Bestandteil der buddhistischen Spiritualität. Sie ist Fundament und zentraler Bestandteil der Übungspraxis. Ethik zielt auf äußeres Verhalten, aber stets im Kontext mit den entsprechenden inneren Haltungen, Einstellungen und Motiven. Sie umgreift alle Lebensäußerungen des Menschen, sein Denken, Reden und Handeln. Sie gilt für Beruf und Lebenserwerb, in der Freizeit und für alle zwischenmenschlichen Beziehungen.

Die beschriebenen Standards für unser Tun und Lassen sind Ratschläge, Empfehlungen Hinweise. Sie verstehen sich nicht als Gebote oder Verbote, Befehle oder Anweisungen. Es hat keinen Zweck, ihnen unter Zwang und Drohung oder aus Angst zu folgen. Bedeutung gewinnen sie aus der Einsicht in ihre Richtigkeit und Wichtigkeit. Ihre Basis ist das Wissen, dass das eigene Wohlergehen nur im Gleichklang mit anderen und nicht ohne sie und schon gar nicht gegen sie verwirklicht werden kann. Buddhistische Ethik zielt auf Gegenseitigkeit und Interessenausgleich. Man mag sie zunächst aus Vertrauen akzeptieren, doch sie ist erst dann in uns verankert, wenn sich ihre Wirkung in der eigenen Erfahrung bestätigt. Schließlich sind die Verhaltensregeln eine freiwillige Selbstverpflichtung vor allem zur Übung und Vervollkommnung. Sie unterfordern uns nicht, weil wir uns Mühe geben müssen, wenn aus guten Vorsätzen praktisches Handeln werden soll. Sie stellen aber auch keine Überforderung dar, weil niemand verlangt, bereits alles zu wissen und zu können.

Auch wenn die fünf sila und die zehn kammapatha nahelegen, auf manche Dinge zu verzichten und bestimmte Handlungen zu unterlassen, bedeuten sie (letztlich) keine Einschränkung. Bezogen auf das lohnende Ziel, unangenehme und schmerzliche Ereignisse zu vermindern und mehr Glück und Zufriedenheit zu empfinden, sind sie vielmehr ein bewährtes und effizientes Mittel. In verschiedenen Zusammenhängen.

Ethisches Handeln macht das menschliche Zusammenleben harmonischer. Es mindert äußere Konflikte und fördert ein friedliches Zusammenleben. Ethik ist das Fundament einer solidarischen Gesellschaft. In der heutigen Zeit kann man - vielleicht etwas zugespitzt - formulieren: Ohne Ethik hat die Menschheit keine Überlebenschance. Die persönlichen Lebensabläufe gestalten sich weniger problembeladen und entspannter. Ethik trägt zu einem ausgeglicheneren und befriedigenderen Dasein des Einzelnen bei. Ein unbeschwerter Alltag und ein erfülltes Leben sind ohne moralische Basis nicht denkbar. Energie für die entscheidenden Dinge des Lebens werden freigesetzt.

Im Buddhismus gilt Ethik als unverzichtbare Voraussetzung für jedes Weiterkommen auf dem spirituellen Weg und letztlich für das Ende von dukkha. Fortgeschrittene meditative Praxis ohne sie ist ausgeschlossen. Eine moralisch fundierte Geisteshaltung und eine an ethischen Maßstäben ausgerichtete Lebensführung befrieden und harmonisieren den eigenen Geist. Sie ermöglichen innere Ausgeglichenheit und Stille. Nur das führt zu der notwendigen vollen Einsichtsfähigkeit und Klarheit. Ohne ethische Grundlage bleibt das höchste spirituelle Ziel, bleiben Befreiung und Erleuchtung, dauerhaftes Glück und innerer Frieden unerreichbar.

Ethik und Erziehung

Wie gesagt: Die fünf sila und die anderen Grundsätze verstehen sich nicht als Gebote oder göttliche Weisungen, sie sind Selbstverpflichtung und Übung. Sie richten sich auf die Wandlung der eigenen Persönlichkeit, auf Kultivierung und Vervollkommnung. Damit kommt der Dimension des Lernens und der Erziehung eine zentrale Rolle zu. Tatsächlich kann man die buddhistische spirituelle Praxis als einen Weg der (Selbst-)Erziehung verstehen und den „Achtfachen Pfad" als ein „achtstufiges Trainingsprogramm". Der Buddha lehrt, dass wir alle ein ungeahntes Potential zu Wachstum und Veränderung in uns tragen. Wir können nicht alles, aber wir können alles lernen. Wir sind fähig zur Befreiung und zur Erleuchtung. Und wir beginnen damit, diese Möglichkeiten in uns wahrzunehmen und zu entfalten, wenn wir Moral und Ethik zu einem zentralen Anliegen machen.

Auf der intellektuellen Ebene geht es zunächst schlicht darum zu wissen, was man am besten tut und lässt und warum. Ein solches Wissen beinhaltet die ethischen Normen und anerkannten Werte, die uns geläufig sein müssen. Aus buddhistischer Sicht ist aber essentiell, sie zu begründen und ihre Bedeutung und ihren außerordentlichen emanzipatorischen Charakter zu vermitteln. Die bloße Vertrautheit mit „richtig" und „falsch" auf der verbalen und der rationalen Ebene genügt freilich nicht. Daher lehrt der Buddha eine Vielzahl von Methoden der Verinnerlichung, der praxisbezogenen Reflexion und der Identifikation. Ethische Standards müssen zu einem selbstverständlichen Grundmuster unseres Denkens und Fühlens werden.

Ein weiterer Schritt ist, vorhandenes Wissen eng mit dem Alltags zu verbinden. Angemessenes Handeln will eingeübt sein, und als inakzeptabel erkannte Gewohnheiten verschwinden nicht von heute auf morgen. Hier ist vor allem die systematische Schulung der Selbstbeobachtung und der Achtsamkeit hilfreich.

In der konkreten Situation muss ich das Richtige und Falsche unterscheiden können. Mein Geist muss die anerkannten Maßstäbe auch parat haben und erinnern können. Das betrifft zuerst die eigenen Ziele und Motive: Was habe ich vor? Stimmen meine (gegenwärtigen) Absichten mit meinen (besten) Überzeugungen überein? Sind die ins Auge gefassten Mittel geeignet oder widersprechen sie meinen Prinzipien? Das Gleiche gilt für meine tatsächlichen Handlungen im jeweiligen Moment. Was tue ich gerade? Lässt sich das mit den von mir gutgeheißenen Maßstäben vereinbaren? Und schließlich: Zu welchem Urteil komme ich im Rückblick? Was habe ich getan? Kann ich mich guten Gewissens daran erinnern oder kommen mir nachträglich Bedenken und Skrupel?

Der Buddha verfolgte hinsichtlich unserer Selbsterziehung eine Langzeitstrategie. So wichtig der gegenwärtige Augenblick ist: Ich kann jetzt das Bestmögliche tun, aber ich kann nicht alles Nötige tun. Ein Schritt in die richtige Richtung ist ein guter Schritt, doch er darf nicht der einzige bleiben. Nur Wiederholung und Konsequenz helfen. Gerade bei Fehlschlägen und mangelndem „Erfolg" ist es sinnvoll, das nicht zu vergessen. Wer kennt nicht den Widerstreit, wenn man etwas „eigentlich" weiß und „eigentlich" will, es am Ende aber dennoch nicht tut. Ausdauer und Geduld mit sich selbst sind gute Antworten darauf.

Der sicherste und überzeugendste Ansporn jedoch, den Weg der Selbsterziehung weiter zu verfolgen, kommt aus der unmittelbaren Wahrnehmung der positiven Folgen ethischen Verhaltens. Dafür müssen wir sensibler werden. Wer nicht nur unablässig seine Pläne und das äußere Kalkül seines Tuns im Auge hat, sondern alle konkreten Auswirkungen dessen, was er sagt und macht, kann eine verblüffende Entdeckung machen. Er wird entdecken, dass ethisches Handeln - von den materiellen und sozialen Folgen abgesehen - auch innere Genugtuung, Freude und Zufriedenheit mit sich bringt. Die wachsame Beobachtung der eigenen inneren Befindlichkeit lässt eine zunehmende Unbeschwertheit und Leichtigkeit fühlen. Bewusste oder unbewusste Selbstvorwürfe und Schuldgefühle, die uns anderenfalls stets begleiten, fallen nach und nach weg. Frühere Zweifel werden weniger, eine merkliche Unbefangenheit im Umgang mit anderen Menschen stellt sich ein.

Eine solche Selbsterziehung mit der veränderten Erfahrung des Einzelnen birgt zugleich die Chance, dass Ethik wieder ein stärker beachteter gesellschaftlicher Faktor wird. Sie vermittelt die überzeugende Einsicht in die Wichtigkeit und Richtigkeit des Anliegens von Moral. Sie beinhaltet die unmittelbare Bestätigung des äußeren und inneren Gewinns, den Moral stiftet. Und sie stärkt das Vertrauen in die Wandelbarkeit des Menschen durch eigenes Erleben.

 



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