Zeitschriftenartikel

Eine Zeit, in der sich diese Welt entfaltet

Viele der großen Mythen der Menschheit gehen der Frage nach: Wo hat diese Welt ihren Ursprung, wer oder was ist verantwortlich für ihr Entstehen und ihre Entwicklung. Meist lautet die Antwort: Gott hat Himmel und Erde geschaffen. Er ist der Schöpfer der Menschen, der Tiere, der gesamten Natur. Er bestimmt die Geschicke. Auch die buddhistische Lehre gibt Auskunft - allerdings eine ganz andere! Das Agganna-Sutta ist ein Beispiel. Es handelt von den großen kosmischen Zyklen der Weltentfaltung und der Weltvernichtung und nennt deren Gesetzmäßigkeiten.

 

... Nach Ablauf langer Zeiträume kommt irgendwann einmal die Zeit, in der diese Welt vergeht. Wenn das geschieht, dann werden die Wesen größtenteils zu Strahlenwesen. In dieser Existenzform leben sie geistförmig, ihre Nahrung ist Freude, sie strahlen in eigenem Lichte, bewegen sich in der Luft, wohnen in Glanz und Herrlichkeit, und ihr Leben hat eine sehr lange Dauer.

Dann kommt aber nach Ablauf langer Zeiträume irgendwann auch wieder einmal die Zeit, in der sich diese Welt aufs Neue entfaltet. Wenn das geschieht, dann schwinden die Wesen in der Mehrzahl aus jener Strahlenexistenz dahin und gelangen hier zu neuer Existenz. Sie bestehen noch immer aus Geist, ihre Nahrung ist Freude, sie strahlen in eigenem Lichte, bewegen sich in der Luft, wohnen in Glanz und Herrlichkeit, und ihr Leben hat eine sehr lange Dauer.

Alles ist dann Wasser und Finsternis, tiefe Finsternis. Es scheinen weder Sonne noch Mond, es leuchten weder Sterne noch Sternbilder, es gibt weder Nacht noch Tag, weder Halbmonate noch Monate, weder Jahreszeiten noch Jahre, weder Frau noch Mann. Die Wesen kennt man nur als Wesen.

Als nun für diese Wesen ein langer Zeitraum verstrichen war, da spannte sich irgendwann einmal über das Wasser eine Erdhaut, Rahm gleich. Wie auf gekochter Milch, wenn sie sich abkühlt, eine Haut entsteht, gerade so kam sie zum Vorschein. Diese Erdhaut hatte Farbe, Geruch und Geschmack. Wie wohl gelungene Schmelzbutter oder wohl gelungene frische Butter, so sah sie aus, und wie tadelloser Bienenhonig, so schmeckte sie.

Da war eines der Wesen von geschmäcklerischer Natur und dachte: „Sieh da, was mag das sein?" und kostete mit dem Finger die Rahm-Erde. Sie schmeckte ihm, und es fand Gefallen daran. Auch andere Wesen taten dann so, wie sie es von diesem einen gesehen hatten, und kosteten mit dem Finger die Rahm-Erde. Auch ihnen schmeckte sie, und auch sie fanden Gefallen daran. Da machten sich diese Wesen daran, die Rahm-Erde zu essen, indem sie mit den Händen mundgerechte Bissen daraus formten. Sobald sie das taten, erlosch ihr eigener Glanz. Als ihr Glanz erloschen war, kamen Mond und Sonne zum Vorschein. Als Sonne und Mond da waren, erschienen auch die Sterne und die Sternbilder. Danach entstand auch Nacht und Tag. Als die da waren, gab es ebenfalls Halbmonate und Monate, und als die da waren, Jahreszeiten und Jahre. Auf diese Weise hat diese Welt sich wieder entfaltet.

Jene Wesen verbrachten dann, indem sie von der Rahm-Erde aßen und davon lebten, bei dieser Nahrung eine sehr lange Zeit. Im Laufe dieser Zeit aber wurden diese Wesen körperlich immer gröber, und ihre Schönheit wandelte sich in Hässlichkeit. Einige blieben zwar noch schön, andere aber wurden hässlich. Die Schönen missachteten die Hässlichen: „Wir sind schöner als diese, sie sind hässlicher als wir." Weil sie auf ihre Schönheit eingebildet waren, ging den Hochmütigen die Rahm-Erde aus. Als sie zu Ende ging, versammelten sie sich und jammerten ...

Als jenen Wesen die Rahm-Erde ausgegangen war, entstand (aus ihr) Erd-Borke. Wie Pilze, so stemmte sie sich empor. Sie hatte Farbe, Geruch und Geschmack. Wie wohl gelungene Schmelzbutter oder wohl gelungene frische Butter, so sah sie aus. Wie tadelloser Bienenhonig, so schmeckte sie. Da begannen die Wesen die Erd-Borke zu genießen. Indem sie davon aßen und lebten, verbrachten sie bei dieser Nahrung eine sehr lange Zeit. Im Laufe dieser Zeit aber wurden diese Wesen körperlich immer gröber, und ihre Schönheit wandelte sich in Hässlichkeit. Einige blieben noch schön, andere aber wurden hässlich. Die Schönen missachteten die Hässlichen: „Wir sind schöner als diese, sie sind hässlicher als wir." Weil sie auf ihre Schönheit eingebildet waren, ging den Hochmütigen die Erd-Borke aus.

Als sie verschwunden war, kam eine bestimmte Gemüsepflanze zum Vorschein. Wie ein Kohlkopf, so wuchs sie hervor. Sie hatte Farbe, Geruch und Geschmack. Wie wohl gelungene Schmelzbutter oder wie wohl gelungene frische Butter, so sah sie aus. Wie tadelloser Bienenhonig, so schmeckte sie. Da begannen die Wesen, diese Pflanze zu genießen. Indem sie davon aßen und lebten, verbrachten sie bei dieser Nahrung eine sehr lange Zeit. Im Laufe dieser Zeit aber wurden sie körperlich immer gröber, und ihre Schönheit wandelte sich in Hässlichkeit. Einige blieben noch schön, andere aber wurden hässlich. Die Schönen missachteten die Hässlichen: „Wir sind schöner als diese, sie sind hässlicher als wir." Weil sie auf ihre Schönheit eingebildet waren, starb für die Hochmütigen diese Pflanze aus. Und als es so weit war, versammelten sie sich und jammerten ...Als jene Wesen ihre Gemüsepflanze verloren hatten, kam wild wachsender edler Reis zum Vorschein, ohne Staub und Hülsen, rein, voll Wohlgeruchs, mit hülsenlosen Körnern. Was sie davon abends zum Abendessen holten, das war am nächsten Morgen schon wieder nachgewachsen und nachgereift. Und was sie davon morgens zum Frühstück holten, das war bis zum Abend schon wieder nachgewachsen und nachgereift. Eine Schnittstelle war nicht zu bemerken. Indem sie von diesem wildwachsenden Reis aßen und davon lebten, verbrachten sie bei dieser Nahrung eine sehr lange Zeit. Im Laufe dieser Zeit aber wurden sie körperlich immer gröber, und ihre Schönheit wandelte sich in Hässlichkeit.

Und es entwickelten sich die Geschlechtsmerkmale der Frau und die des Mannes. Und die Frau betrachtete zu lange den Mann, und der Mann die Frau. Infolge davon erwachte Leidenschaft, ein starkes Verlangen entstand in ihrem Körper. Getrieben von diesem Fieber der Leidenschaft gaben sie sich dem Liebesgenuss hin ...

Damals galt der Liebesgenuss noch als etwas Unrechtes, während er heute als berechtigt anerkannt ist. Die Wesen, die sich damals dem Liebesgenuss hingaben, durften einen Monat oder zwei Monate lang nicht in das Dorf oder in die Stadt kommen. Weil aber nun damals jene Wesen bei ihrem Anstoß erregenden Tun zu sehr für sich besorgt sein mussten, verfielen sie darauf, Häuser zu bauen, um die Unschicklichkeit zu verbergen.

Da kam ein träge veranlagtes Wesen auf den Gedanken: „Ach, warum mache ich mir denn die Mühe, den Reis abends eigens für das Abendessen und morgens eigens für das Frühstück zu holen? Ich will ihn doch lieber für Abendessen und Frühstück auf einmal holen!" Und es tat so. Da kam einmal zu diesem Wesen ein anderes und sagte: „Komm, wir wollen Reis zum Essen holen gehen!" „Ist nicht mehr nötig, ich habe mir für Abendessen und Frühstück gleich auf einmal genug geholt."

Da ging dieses Wesen in der Nachahmung dessen, was es bei dem anderen gesehen hatte, noch einen Schritt weiter und holte auf einmal für zwei Tage Reis: „Das habe ich gut gemacht, werden die anderen sagen." Da kam ein anderes Wesen zu diesem und sagte: „Komm, wir wollen Reis zum Essen holen gehen!" „Ist nicht mehr nötig, ich habe mir gleich auf einmal für zwei Tage Reis geholt." Da ging dieses Individuum in der Nachahmung dessen, was es bei dem anderen gesehen hatte, noch einen Schritt weiter und holte gleich auf einmal für vier Tage Reis: „So wird man sagen, das hätte ich gut gemacht." Da kam ein anderes Wesen zu diesem und sagte: „Komm, wir wollen Reis zum Essen holen gehen!" „Ist nicht mehr nötig, ich habe mir gleich auf einmal für vier Tage Reis geholt." Da ging dieses Individuum in der Nachahmung dessen, was es bei dem anderen gesehen hatte, noch einen Schritt weiter und holte gleich auf einmal für acht Tage Reis: „So wird man sagen, das hätte ich gut gemacht." Als die Wesen sich nun aber daran gewöhnten, von dem Reis, den sie genossen, Vorräte anzulegen, da schlossen sich Reisstaub und Hülsen um das Reiskorn, und abgeschnitten wuchs der Reishalm nicht wieder nach, die Schnittstelle blieb zu sehen, und die Reisfläche stand als Stoppelfeld da.

Da versammelten sich die Wesen und jammerten: „Wehe, wie haben sich die Wesen verschlechtert! Denn ehemals waren wir Geistwesen, unsere Nahrung war Freude, wir bewegten uns in der Luft, lebten in Glanz und Herrlichkeit, und unser Leben hatte eine sehr lange Dauer. Nachdem so ein sehr langer Zeitraum verstrichen war, entstand Rahm-Erde als Haut auf dem (Ur-)Wasser. Diese hatte Farbe, Geruch und Geschmack. Und wir machten uns daran, diese Rahm-Erde zu genießen, indem wir mit den Händen mundgerechte Bissen daraus formten, doch als wir damit anfingen, erlosch unser eigener Glanz. Als unser eigener Glanz erloschen war, kamen Mond und Sonne zum Vorschein. Als Sonne und Mond da waren, erschienen auch die Sterne und die Sternbilder. Danach entstanden auch Nacht und Tag. Als die da waren, gab es auch Halbmonate und Monate, und als die da waren, auch die Jahreszeiten und Jahre. Indem wir dann von der Rahm-Erde aßen und davon lebten, verbrachten wir bei dieser Nahrung eine sehr lange Zeit. Dann aber hatte es mit der Rahm-Erde für uns ein Ende, weil böse, ungute Eigenschaften an uns zum Vorschein kamen. An Stelle der verschwundenen Rahm-Erde entstand Erd-Borke. Sie hatte Farbe, Geruch und Geschmack. Wir machten uns nun daran, die Erd-Borke zu genießen. Indem wir davon aßen und lebten, verbrachten wir bei dieser Nahrung eine sehr lange Zeit. Aber auch mit der Erd-Borke nahm es wieder ein Ende, weil sich wiederum böse, ungute Eigenschaften an uns zeigten. Als sie verschwunden war, wuchs eine bestimmte Gemüsepflanze hervor. Sie hatte Farbe, Geruch und Geschmack. Wir begannen diese Pflanze zu genießen. Indem wir davon aßen und lebten, verbrachten wir bei dieser Nahrung eine sehr lange Zeit. Aber auch diese Pflanze verschwand wieder, weil böse, ungute Eigenschaften an uns zum Durchbruch kamen. Nach dem Verschwinden dieser Pflanze ging wildwachsender edler Reis auf, ohne Staub und Hülsen, rein, voll Wohlgeruchs, mit hülsenlosen Körnern. Was wir davon abends zum Abendessen holten, war am anderen Morgen schon wieder nachgewachsen und nachgereift. Was wir morgens zum Frühstück holten, war abends schon wieder nachgewachsen und nachgereift, die Schnittstelle war gar nicht zu bemerken. Indem wir von diesem wildwachsenden Reis aßen und lebten, verbrachten wir mit dieser Nahrung eine sehr lange Zeit. Weil aber noch immer mehr böse, ungute Eigenschaften an uns zur Entfaltung kamen, schlossen sich Reisstaub und Hülsen um Reiskorn, und abgeschnitten wuchs der Reishalm nicht wieder, die Schnittstelle blieb zu sehen, und die Reisfläche stand als Stoppelfeld da.

„Nun, wir wollen jetzt (die Fläche, auf welcher der) Reis (wächst,) unter uns teilen und Grenzen festsetzen!" Da teilten sie (die Fläche, auf welcher der) Reis (wuchs,) und setzten Grenzen fest.

Da nahm ein Wesen, das von habgieriger Art war, während es seine Parzelle schonte, von der Parzelle eines anderen, ohne von diesem dazu die Erlaubnis zu haben, und aß. Sie ergriffen es und sprachen zu ihm: „Wesen, du tust Unrecht, dass Du Deine eigene Parzelle schonst und von der eines anderen nimmst, ohne von diesem die Erlaubnis zu haben. Dass du dir nicht einfallen lässt, so etwas noch einmal zu tun!" „Nein!" gelobte das Wesen den anderen Wesen. Aber noch ein zweites und drittes Mal nahm es davon ... Und die einen schlugen es mit der Faust, andere bewarfen es mit Erdklumpen, noch andere hieben es mit Knüppeln. Seitdem weiß man, was Diebstahl, Verwarnung, falsches Versprechen und Strafe ist.

Da versammelten sich die Wesen und beklagten sich: „Ach, schlimme Eigenschaften kommen an den Wesen zum Vorschein, denn wir lernen jetzt Diebstahl, Verwarnung, falsches Versprechen und Strafe kennen. Wie, wenn wir durch gemeinsamen Beschluss ein Wesen bestimmten, das jedes recht zur Rede zu stellende Wesen zur Rede stellt, jedes recht zu verwarnende Wesen verwarnt und jedes recht auszuschließende Wesen ausschließt? Wir aber wollen ihm von unserem Reis je einen Teil abtreten."

Da begaben sich die Wesen zu dem Wesen, das von ihnen das schönste, ansehnlichste, angenehmste und bedeutendste war, und forderten es auf: „Komm, übernimm es, jedes recht zur Rede zu stellende Wesen zur Rede zu stellen, jedes recht zu verwarnende zu verwarnen und jedes recht auszuschließende auszuschließen. Wir aber wollen Dir je einen Teil von unserem Reis abtreten." „Einverstanden!" erklärte dieses Wesen zustimmend jenen Wesen ...

(Auszug aus dem Agganna-Sutta - D 27 - in Anlehnung an die Übersetzung von R. Otto Franke)

 

Auf erzählerische Weise macht uns der Buddha in seiner Schilderung mit der „Entwicklungsgeschichte" des Kosmos vertraut. Seine Erklärungen unterscheiden sich wesentlich von denen der modernen Naturwissenschaften und denen theistischer Religionen. Da ist weder von einem Urknall noch von einem einmaligen göttlichen Schöpfungsakt die Rede, die das All - gleichsam aus dem Nichts - erscheinen lassen.

Kein allmächtiger Gott also schafft Himmel und Erde oder die sie bewohnenden Menschen oder Tiere. Tatsächlich gehen die unbelebte wie die belebte Natur letztlich aus geistiger Aktivität hervor. [Karma] ist die Ursache aller Phänomene - die Tat, das Wirken der Wesen. Die materielle Welt ist lediglich die Spiegelung von Denken und Wollen, in ihr manifestiert sich in Raum und Zeit, was vorher Idee und Absicht war. Dabei muss ein grober Geist auch eine grobe und handfeste Welt erleben. Ist die Bewusstseinsdynamik dagegen subtil, erzeugt sie zarte und feine Dinge.

Aber nicht nur die äußere Realität ist das Resultat karmischer Aktivität, die Lebewesen sind es in ihrer jeweiligen Art nicht weniger. Ihre körperlichen und geistigen Eigenschaften sind ebenso die Frucht ihres früheren Tuns. Seinem Zorn ständig nachgeben schafft auf Dauer einen zornigen Charakter und anhaltender Hass macht letztlich auch körperlich hässlich. Güte und Mitempfinden wirken ausgleichend und harmonisierend.

Nach den Aussagen des Buddha sind das Entstehen und Vergehen der „Welt" keine einmaligen Vorgänge. Immer und immer wieder in Laufe unausdenkbar langer Zeiträume entfaltet sich das Universum zu einer unvorstellbaren Vielgestaltigkeit, um irgendwann auch wieder in einer umfassenden Einheit aufzugehen. Nirgends spricht der Erwachte deshalb von einem absoluten Anfang und einer zielgerichteten, zu endgültiger Vollkommenheit strebenden „Evolution". Er konstatiert vielmehr zahllose Zyklen des Kommens und Gehens, des Aufstiegs und des Untergangs.

Die näher beschriebene gegenwärtige Zeit zeichnet sich durch eine wachsende Erscheinungsvielfalt und Buntheit aus. Aus der ursprünglichen Gleichförmigkeit und Einheit des Daseins ist eine unüberschaubare Mannigfaltigkeit hervor gegangen. Immer weiter breitet sich die Welt der Phänomene aus, immer differenzierter, komplexer, bewegter, ausgeformter und unüberschaubarer wird sie.

Aus einst gleichartigen Wesen sind solche mit allen erdenklichen unterschiedlichen körperlichen und geistigen Eigenschaften geworden. Schöne und weniger schöne gibt es, aktive und weniger aktive, leidenschaftliche und weniger leidenschaftliche, anmaßende und zurückhaltende, hemmungslose und zurückhaltende. Auch der Unterscheidung von Mann und Frau kommt inzwischen eine große Bedeutung zu und ebenso den längst entstandenen gesellschaftlichen Schichten.

Den Worten des Buddha können wir auch entnehmen, dass wir gegenwärtig in einer Periode des schon sehr weit fortgeschrittenen allgemeinen Niedergangs und der Verflachung leben. Aus lichtgleichen und feinstofflichen Wesen sind schon lange solche mit einem grob-materiellen Körper und einer primitiven Lebensweise geworden. Wo sie einst wie selbstverständlich Glück und Zufriedenheit in ihrem eigenen Inneren erlebten, sind sie heute vornehmlich auf äußere Objekte angewiesen und fixiert, in denen sie ihr Heil suchen. Da innerer Reichtum fehlt, sucht man ihn in der Welt der tausend Dinge.

Aber damit nicht genug. Mit der Zeit werden die einmal vorhandenen Wünsche drängender und fordernder. Die Möglichkeiten aber, sie zu erfüllen, werden im Verhältnis dazu weniger und unsicherer. Der Kluft zwischen den Bedürfnissen und ihrer Befriedigung klafft immer weiter auseinander. Der Ausweg für viele: Rücksichtslosigkeit, Heimlichkeit und sogar Diebstahl und Lüge. Ethische Maßstäbe verlieren an Bedeutung und irgendwann sind alle Mittel zur Durchsetzung der eigenen Ziele recht.

Natürlich wird den Menschen ihre eigene schmerzliche und beklemmendeLage bewußt. Sie sehen sich in ihrer unglücklichen Situation und die weitere Abwärtsentwicklung ahnen sie, doch einen Ausweg wissen sie nicht. In ihrer Ratlosigkeit bleiben nur Frustration und Gejammer. Aus Verzweiflung und Unkenntnis setzen sie den bisher eingeschlagenen falschen Weg fort.

Die Lehrrede endet mit der Beschreibung der Herausbildung der Kasten beziehungsweise der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, und sie kommt damit schon in die Nähe der menschlichen Lebensverhältnisse von heute. Doch damit ist diese „Geschichte" noch keineswegs zu Ende. Bei einer anderen Gelegenheit fährt der Buddha da fort, wo er eben endete. Er wirft einen Blick auf die ferne Zukunft und auf das Ende des gegenwärtigen Entwicklungszyklus (Cakkavatti Sutta, Dighanikaya 26). Der vorher gesagte stetige und alles in allem unaufhaltsame Abwärtstrend endet mit dem „Messerstichzeitalter". Dann wird es lediglich Wesen von äußerster Kurzlebigkeit geben, die nur noch das Gefühl von Hass und Aggression empfinden und deren Leben am Ende bloß Angst, Schmerz und Schrecken bedeutet. Eine schlimmere Lebensweise ist nicht mehr möglich. Und dann? An diesem äußersten Punkt des Niedergangs beginnt das Pendel langsam in die andere Richtung zu schwingen und der eben beschriebene Prozess nimmt eine wieder rückläufige Richtung, bis endlich aus menschlichen „Bestien" wieder „Strahlende" geworden sind ...

 

Literaturhinweis: Die beiden erwähnten Sutten liegen ebenfalls in einer Übersetzung von Karl Eugen Neumann vor und sind in dieser Fassung seit kurzem wieder zugänglich: Die Reden des Buddha. Längere Sammlung, Stammbach 1996 (Verlag Beyerlein und Steinschulte).

 

 



zurück zur Übersichtsseite Zeitschriftenartikel