Nicht nur ein schöner Mann

Alfred Weil - Ein Portrait von Sylvia Wetzel

 


O-Töne über den hübschesten Sprecher, den die DBU je hatte: „Er ist immer cool geblieben, auch wenn die Wogen hochschlugen." „Er wirkt so nett und seriös." „Er hat wahnsinnig viel gelesen und kann sogar die Anfangsverse der Bibel auf Hebräisch rezitieren." „Ich glaube, er hat nie etwas vergessen, weil er immer alle Aufgaben in sein kleines gelbes Büchlein schrieb, und zwar mit Bleistift, nie mit Kuli." „Er war immer gesprächsbereit und hat nie jemandem die Tür zugeschlagen." „Er liest nicht nur viel, er ist auch ein vorbildlicher Meditierer. Ich glaube er sitzt tagtäglich mindestens eine Stunde." „Er kann nicht nur gut reden, er kann sogar zuhören."

Die vergangenen siebzehn Jahre haben die DBU grundlegend verändert. 1984 hatte der Generationswechsel die DBU erreicht. 1988 wurde die „neue" DBU aus der Taufe gehoben: Mit Räten und Sprecher/innen statt Präsidenten, und dem Status einer Körperschaft des Öffentlichen Rechts im Visier. Der kleine Gesprächskreis mehrheitlich älterer Theravada-Buddhisten wuchs heran zum großen Dachverband, in dem „fast" alle historisch entstandenen buddhistischen Schulen, die in Deutschland existieren, mitarbeiten. Mit Ausnahme der meisten ethnischen Gruppierungen. Doch das ist ein anderes Thema. Den größten Teil der Zeit war Alfred Weil mit dabei.

Er war der „dritte Mann" an Sylvia Wetzels Seite, nach Karl Schmied (1984-88) und Hans-Rudi Döring (1988-90). Bei den großen Strategiediskussion der „neuen" DBU Mitte der achtziger Jahre - Körperschaft Ja oder Nein, Öffentlichkeitsarbeit, Aufgaben des Rates - war Alfred mit seinen klugen und sachlichen Beiträgen und seinem gewinnenden Wesen äußerst angenehm aufgefallen und 1990 in den elfköpfigen Rat gewählt worden und war er der natürliche Kandidat für die Aufgabe des Stellvertretenden Sprechers. Nach dem Rücktritt von Sylvia Wetzel aus dem geschäftsführenden Vorstand wurde er ebenso natürlich 1993 zum Sprecher der DBU. Insgesamt 11 Jahre hat er mit Charme, Sachkenntnis und einer fast unheimlichen Ruhe unterschiedliche Meinungen und Strategien in der DBU moderiert und umsetzen helfen. „Nebenbei" hat er mit großem Engagement auch noch tatkräftig in der Redaktion der Lotusblätter für gute Qualität und effektives Arbeiten gesorgt.

Alfred ist für mich ein buddhistischer Politiker im besten Sinn. Er ist weltklug und belesen, kann strategisch denken und hat das Herz auf dem rechten Fleck. Er weiß genau, daß es keine „einzigen Lösungen" gibt und man jedes Ziel sehr unterschiedlich angehen kann, abhängig davon, welche Menschen das tun. Eine hitzige Diskussion in der Redaktion der Lotusblätter kommt mir oft in den Sinn, wenn eine Situation festgefahren ist, und jede Seite felsenfest glaubt, eindeutig Recht zu haben. „Wer hat jetzt das größere Anliegen?" war Alfreds kurze Frage, die innerhalb weniger Minuten Raum für eine Lösung schuf. Auch die größten Sturköpfe verstehen, daß emotionale Aufregung auf etwas hinweist: auf Anliegen, die uns am Herzen liegen. Diese Verbindung von strategischem Denken und Feinfühligkeit für emotionale Prozesse machten Alfred zu einem idealen Moderator am Runden Tisch der deutschen Buddhisten. Es ist leider so: Selbst buddhistische Funktionäre fällen Entscheidungen nicht immer in Ruhe und mit einem „Halblächeln", auch wenn sie das üben und sogar lehren. Die Lektüre kluger Bücher und die Teilnahme an kurzen und langen Meditationsklausuren bewirkt nun einmal nicht zwingend emotionale Ausgeglichenheit, Einfühlungsvermögen und Offenheit für andere Einstellungen. Als erfahrener „Vereinsmeier" und mit allen Wassern gewaschener Politiker wußte Alfred das und, das war das besonders Schöne daran: Er haderte nicht damit. Er nahm die Menschen mit ihren Schwächen an und setzte seine Kolleg/innen nicht mit Sprüchen von einer heilen Welt unter Druck.

Weitere Pluspunkte: Alfred war ein guter Redner, seine Vorträge waren anregend, und er wagte auch den einen oder anderen Blick über den Tellerrand seiner Lieblingsschriften und -lehrinterpretationen. Etwas ungewöhnlich für gute Redner war seine Fähigkeit zuzuhören und Fragen zu stellen. Das findet man auch (oder gerade?) unter Buddhisten selten. Zwei Kritikpunkte fallen mir nach langem Nachdenken ein: Manchmal ging mir Alfreds Langmut zu weit. Manche heute noch bestehenden Knoten im Herzen der DBU hätten vielleicht mit dem Schwert harter Worte und Entscheidungen durchgehauen werden müssen. Manche Knoten lassen sich nicht geduldig und liebenswürdig „auffieseln". Doch auch für den vielseitigen Alfred gilt wohl: Jeder kann nur die Fähigkeiten einsetzen, die er hat. Zweitens: Ich habe den starken Verdacht, er versteht die Kritik vieler Frauen an den patriarchalen Strukturen des Buddhismus letztlich nicht. Er glaubt fest daran, daß der Kern der Lehren unbeeinflusst bleibt von Ereignissen in Zeit und Raum: von sozialer Ungerechtigkeit, Machtstrukturen und geschlechtsspezifischen Rollen und Vorurteilen. Damit befindet er sich in bester Gesellschaft. Doch seine liebenswürdige und freundliche Art machten es auch bei grundsätzlichen Meinungsverschiedenheiten recht leicht, wieder ins Gespräch zu kommen. Aufgeregte Auseinandersetzungen konnte er häufig mit einer humorigen Bemerkung oder einem Witz entschärfen. Wenn sie denn verstanden wurden, was leider nicht immer der Fall war.

Ein allerletzter Pluspunkt: Alfred war bei Sitzungen und öffentlichen Veranstaltungen nicht nur (meist) eine Ohrenweide, sondern immer auch eine Augenweide, ob im Kaschmirpulli oder im T-Shirt. Er ist einfach ein gutaussehender Mann. Dank an den hübschesten Sprecher, den die DBU je hatte. Wir wünschen Alfred die lang ersehnte Muße, die er sicherlich zu nutzen weiß: Hoffentlich nicht nur mit der Lektüre erbaulicher Schriften und langen Meditationsklausuren.

Diese Zeilen haben bei dem „Betroffenen" einen Wunsch und eine Frage provoziert: den Wunsch, tatsächlich einmal so zu werden (wo es sich denn lohnt)!, und die Frage, was denn wohl erst an seinem Grab gesagt werden wird? (A.W.)



Erschienen in Lotusblätter, Nr. 3/2001



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