Zeitschriftenartikel

Ein Intensivkurs für Abhayo

Buddhas Ethik der Sprache


Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist - warum eigentlich nicht? Oder ist es vielleicht doch besser, wenigstens einige Grundregeln zu beachten, wenn wir etwas sagen? Ich möchte heute ein Gespräch zwischen dem Buddha und einem jungen Mann nachzeichnen, der in Sachen „Rechte Rede" einigen Nachholbedarf hat und einen, bei dieser Gelegenheit Intensivkurs über die Grundzüge einer buddhistischen Ethik der Sprache bekommt. (Mittlere Sammlung 58).

Die Falle

Die feine Art ist es sicher nicht, jemanden dermaßen in Verlegenheit zu bringen und in die Enge zu treiben, mit einer Fangfrage, aus der er sich nicht herauswinden kann, ganz gleich mit welcher Antwort.

Aber genau das hat Abhayo vor, ein ehrgeiziger junger Mann aus bestem Hause. Und er hat sich ausgerechnet den Buddha als sein Opfer ausgesucht. Eigentlich ist die Idee gar nicht von ihm. Abhayo ist Anhänger der Jainas, einer der vielen konkurrierenden Religionen also, die es zu Zeiten des Erwachten in Indien gab, und er hat sich von seinem Lehrer Nigantho Nathaputto anstiften lassen. „Du kannst dir Ruhm und Ansehen erwerben, wenn du den Buddha aufs Glatteis führst", diesen Floh hat er Abhayo ins Ohr gesetzt, auch wenn seine Ausdrucksweise etwas feiner gewesen ist. Und wie er es anstellen soll, hat er ihm gleich mit auf den Weg gegeben: „Frage den Buddha doch einfach, ob er manchmal auch Dinge sagt, die seinen Zuhörern ganz und gar nicht gefallen, die sie ärgern oder die ihnen sogar weh tun. Antwortet er mit Ja, dann unterscheidet diesen allseits gerühmten Lehrer doch eigentlich nichts von seinen Zeitgenossen, von gewöhnlichen Menschen, die ihre Zunge nicht recht im Zaum halten. Antwortet er dagegen mit Nein, dann hältst du ihm gleich vor, was er vor nicht allzu langer Zeit gegenüber seinem Vetter Devadatto auf ziemlich drastische Weise geäußert hat: nämlich dass er ihn für völlig verdorben und unrettbar verloren hält. Und das war doch wohl alles andere als angenehm für Devadatto. Wie die Antwort also auch ausfällt, du stehst jedenfalls gut da."

Das klingt in Abhayos Ohren verführerisch genug, und schnell stimmt er dem recht hinterlistigen Vorschlag zu. Heute ist es aber schon zu spät, um ein solches Gespräch zu führen, denkt er sich. Er beschließt daher, den Erwachten zu sich zum Essen einzuladen und bei dieser Gelegenheit seine Attacke zu reiten.

Angenehm oder unangenehm

Bald ist der nächste Tag gekommen, und es ist Essenszeit. Der Buddha erscheint bei seinem Gastgeber und wird von ihm auch bestens bedient. Abhayo lässt es an nichts fehlen und bedient den Erwachten persönlich mit ausgesuchten Speisen und Getränken. Nach dem Mahl kommt es zum Gespräch, und der Gastgeber kann es kaum erwarten, seine so klug ausgedachte Frage zu stellen: „Kann es sein, dass der Erhabene gelegentlich anderen Menschen etwas sagt, das ihnen unangenehm ist, ja sie schmerzlich berührt?" „Das ist nicht der entscheidende Punkt", entgegnet der Buddha lapidar.

Mit diesem einen Satz schon ist Abhayos Strategie völlig in sich zusammengebrochen, kleinlaut gesteht er die ganze Geschichte und wer hinter ihr steckt. Der Buddha wäre indessen nicht der Buddha, würde er viel Aufhebens wegen eines solchen Spielchens machen. Er nutzt vielmehr die Offenheit der Situation, um zu erklären, um was es bei der menschlichen Kommunikation tatsächlich geht und welche Maßstäbe dabei ausschlaggebend sind.

Die ganze Zeit schon sitzt ein kleiner Junge auf dem Schoß Abhayos. Der Erwachte sieht ihn und fragt: „Was würdest du, Abhayo, unternehmen, wenn dieses Kleinkind da ein Holzstück oder eine Scherbe in den Mund steckte?" „Ich würde sie ihm wegnehmen. Und wenn das nicht so einfach ginge, würde ich mit der einen Hand seinen Kopf halten und mit der anderen das spitze Ding aus seinem Mund entfernen. Selbst auf die Gefahr hin, dass ich dem Jungen dabei weh tun müsste. Ganz einfach, weil ich Mitempfinden mit ihm habe und ihn vor größerem Schaden bewahren möchte."

Damit hat Abhayo einen wichtigen Punkt selbst formuliert. Es kommt nicht zuallererst darauf an, ob mich (Taten oder) Worte im Moment angenehm oder unangenehm berühren. Wohl aber, welche Absicht hinter ihnen steckt und ob sie zu meinem tatsächlichen Wohl beitragen oder es verhindern. Eine berechtigte Kritik oder der Vorschlag eines Freundes gehen mir vielleicht gegen den Strich, wenn ich sie mir anhören muss. Mein Ego fühlt sich möglicherweise angekratzt und meine Selbstgefälligkeit ist in Frage gestellt, aber unter dem Strich hilft ein guter Rat.

Damit wir uns nicht missverstehen: Der Buddha hat sehr wohl dafür plädiert, Unterhaltungen nicht roh, unhöflich und verletzend zu führen oder hart und ruppig zu sein. Er hat keineswegs empfohlen, nach Herzenslust zu schimpfen, zu poltern oder jemanden anzuschreien, sondern sich unmissverständlich für moderate, sachliche und freundliche Ausdrucksformen ausgesprochen. Aber die momentan wohltuende Wirkung von Worten stellt keinen absoluten Wert dar.

Nichts als die reine Wahrheit?

Natürlich, fällt uns jetzt wahrscheinlich ein, das liegt doch auf der Hand. Selbstverständlich wird der Buddha Abhayo nahe legen, bei der Wahrheit zu bleiben und wissentlich nichts Falsches zu sagen. Das ist doch wohl der Knackpunkt, wenn es um den richtigen Umgang mit Sprache geht. Mit dieser Vermutung sind wir auf einer richtigen Spur. Wie sich im weiteren Verlauf der Unterredung des Erwachten mit Abhayo ergibt, gehören Ehrlichkeit und Verlässlichkeit zweifellos zu den Fundamenten eines humanen und vernünftigen Umgangs miteinander. Wo sie fehlen, ist die allgemeine Lebensqualität beträchtlich eingeschränkt. Und sie brauchen nicht einmal besonders religiös fundiert zu sein. Lügen, Verdrehungen und bewusste Falschaussagen werden im Christentum ebenso verurteilt wie in anderen Religionen und humanistisch-ethischen Weltanschauungen. Aus gutem Grund. Lügen haben tatsächlich kurze Beine, so lautet eine nüchterne und universell gültige Menschheitserfahrung, die der Buddha bestätigt.

Und doch ist auch jetzt ein genauerer Blick angebracht. Sich einfach ohne Wenn und Aber an die Wahrheit zu halten - genügt das schon? Wahrheit ist ein hohes Gut, aber nicht immer und unter allen Umständen. Auch sie hat manche Haken und Ösen. Wie oft wird sie benutzt, um Menschen zu entzweien und gegeneinander aufzuhetzen. „Weißt du eigentlich, was der oder die über dich gesagt hat? Nein, dann höre einmal genau zu." Was in dieser Szene an Äußerungen folgt, kann wortwörtlich den Tatsachen entsprechen, ohne dass das Geringste hinzugefügt oder weggelassen wurde, die reine Wahrheit also. Und dennoch dienen sie negativen, egoistischen Zwecken und sorgen für Unheil. Vielleicht will ich jemandem eins auswischen oder heimzahlen. Vielleicht macht es mir einfach nur Spaß, Unruhe zu stiften und Zwietracht zu säen. Um mein Ziel zu erreichen, kann ich auch in diesen Fällen durchaus die Wahrheit sagen, aber ich missbrauche sie.

Und schließlich: die wertvollsten Mitteilungen und tiefsten Wahrheiten bleiben ohne jede Wirkung, wenn die Empfängerseite nicht bereit oder nicht fähig ist, sie aufzunehmen. Elterliche Gardinenpredigten gehen regelmäßig ins Leere, auch wenn sie noch so begründet und gut gemeint sind, weil die Kinder in solchen Situationen einfach dicht machen. Die tiefsten spirituellen Belehrungen verhallen, wenn sie an dem Fassungsvermögen der Zuhörer und an deren tatsächlichen Interessen vorbeigehen. Der Buddha weiß sehr genau, wovon er spricht, wenn er Abhayo im Laufe ihrer Unterhaltung darauf hinweist, bei allem, was wir sagen, die richtige Zeit und die passende Gelegenheit zu ermessen.

Heilsames

Eines Tages ist der Buddha mit einigen seiner Mönche in einem kleinen Wäldchen unterwegs. Er bückt sich, hebt ein paar Blätter auf, die am Boden verstreut liegen, und hält sie seinen Schülern entgegen. „Was meint ihr, ist wohl mehr? Die wenigen Blätter, die ich hier in der Hand halte, oder all die an den Ästen und Zweigen der zahllosen Bäume um uns herum?" Niemand muss lange nachdenken: „Kaum nennenswert ist die Zahl der Blätter in deiner Hand, gemessen an der ungeheuren Menge Laub in diesem Wald", entgegnet man ihm unisono. „Und genau so verhält es sich mit dem, was ich euch lehre, im Vergleich zu dem, was ich für mich behalte, weil es nicht zum Heil taugt", erwidert der Buddha daraufhin. (aus der Gruppierten Sammlung 56,31)

Das ist bezeichnend für jemanden, der als allwissend gilt, dessen Geist das Leben in allen seinen Facetten durchdrungen und die Daseinswirklichkeit bis auf den Grund durchleuchtet hat. Welches Wissen ist in einem Buddha präsent, wie weit gespannt der Bogen seiner Kenntnisse, wie umfassend sein Erfahrungshorizont! Und dennoch legt er sich eine strenge Disziplin auf, wenn es darum geht, davon etwas mitzuteilen. Der Grund ist nicht Desinteresse an seinen Zeitgenossen, die ihn oft genug vergeblich nach diesem und jenem fragten. Auch nicht die Absicht, vermeintliches Herrschaftswissen für sich zu behalten.
Der Erwachte ist sich der außerordentlichen Gewichtigkeit der Sprache und des Sprechens bewusst. Nie will er seine Worte für etwas Zweit- oder Drittrangiges verschwenden. Nie zur bloßen Unterhaltung oder Zerstreuung gebrauchen und schon gar nicht, um jemanden zu verletzen oder sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen. Wenn er etwas Wahres sagt, und nur den Tatsachen Entsprechendes kommt aus seinem Mund, hat er die Befreiung der Menschen von Unzufriedenheit und Unvollkommenheit im Auge.

Die Begegnung Abhayos mit dem Erwachten hat nicht lange gedauert, und trotzdem ist ihre Wirkung nachhaltig. In diesem Intensivkurs in Sachen „Rechte Rede" sind ihm die Grundzüge einer buddhistischen Ethik der Sprache deutlich genug geworden. Sprache ist ein hohes Gut, ohne sie wäre die zwischenmenschliche Kommunikation nur sehr eingeschränkt möglich. Im positiven wie im negativen Sinn. Dass Worte wahr sind, ist wichtig, aber nicht alles entscheidend. Der springende Punkt ist, dass sie - bezogen auf unser langfristiges, dauerhaftes, endgültiges Wohl - orientierend und hilfreich sind. Und dass der, der etwas zu uns sagt, es gut mit uns meint und es aus Mitempfinden und zum richtigen Zeitpunkt sagt. Ob das Gesagte uns in der jeweiligen Situation wohl tut oder eher die Laune verdirbt, ist dabei nebensächlich.

Nach einem Vortrag im NDR Info: Aus der Sendereihe Religionsgemeinschaften - Buddhisten, am Sonntag, 05.07.2009, 07.15 bis 07.30 Uhr; gelesen von Kornelia Paltins

 

 



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