Buchbeiträge - Auf stillem Pfad

Der Buddha und Frau Holle

Alfred Weil


Märchen vermitteln uns die Wirklichkeit auf eine bildhafte, symbolische und verdichtete Weise. In ihnen steckt sehr viel mehr an tiefer Weisheit, als wir - gerade als Erwachsene - oft meinen. Und vieles von diesen Einsichten ist allgemein menschlich und nicht kultur- oder zeitspezifisch. Ich möchte deshalb ein Experiment machen und ein ebenso bekanntes wie beliebtes Märchen der Gebrüder Grimm mit „buddhistischen Augen" lesen: Frau Holle. Lassen Sie mich den Text der Erzählung in Erinnerung rufen und ihn mit einigen wenigen Gedanken kommentieren.

Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig und die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche, faule viel lieber, weil sie ihre rechte Tochter war. Die andere musste alle Arbeit tun und das Aschenputtel im Hause sein.

Schon die Brahmanen im alten Indien glaubten an die Bedeutung der „rechten Geburt", und sie behaupteten, der Wert eines Menschen bestimme sich vor allem durch seine familiäre Herkunft. Und das ist eine erste wichtige Korrektur der damals gängigen Anschauung, die der Buddha formulierte: „Nicht durch Geburt ist man ein Verworfener, nicht durch Geburt ist man Brahmane, sondern durch die Tat, durch die gute oder schlechte Tat." (Sutta Nipata 142) Die eigenen Handlungen sind es, die den Rang des Menschen bestimmen (karma). Die ethische Qualität seines Tuns und Lassens ist maßgebend für seine Größe.

Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang.

Was hier über das Wesen des menschlichen Daseins angedeutet wird, hat der Buddha immer wieder mit kräftigen Farben herausgestrichen: Es gibt kein Leben ohne Leiderfahrung. Man holt sich ‚blutige Finger', ob man will oder nicht. Der Buddha nennt diese Tatsache ‚dukkha', die Leidhaftigkeit des Daseins, die sich allerdings mit sehr verschiedenen Gesichtern zeigen kann. Als offensichtlicher physischer Schmerz natürlich wie bei Alter, Krankheit und Tod. Im Gemüt bei Verlust und Trauer, unangenehmen Erlebnissen und Entbehrung. Letztlich meint dukkha aber jede Form von Unzulänglichkeit, und sei sie noch so geringfügig. Tatsächlich erleben wir niemals eine Situation, in der alles und endgültig in Ordnung, in der alles uneingeschränkt zufriedenstellend ist. Daher sind wir ständig darauf aus, einen solchen ersehnten Idealzustand zu erreichen. Wir sind stets „auf Achse", unterwegs, an und auf der „großen Straße". Wir sind bedürftige Wesen, die ihr Glück noch nicht gefunden haben und es darum unablässig anstreben. Wir gleichen dem „armen" Mädchen, das Tag für Tag spinnen und sich „bis auf das Blut" mühen muss.

Ein weiteres Thema klingt ebenfalls schon in den Anfangssätzen der Frau Holle an: die Frage nach den deutlichen Unterschieden zwischen den Menschen. Woher kommen sie? Der eine muss für sein Auskommen viel und hart rackern, der andere macht sich schöne Tage, und es geht ihm trotzdem blendend. Der eine ist besitzlos, der andere ohne Maßen wohlhabend. Im Märchen ist ein Mädchen hässlich, seine Schwester hübsch. Auch charakterliche Unterschiede treten zutage. Von den beiden Töchtern ist erste fleißig und die zweite faul. Und wir sehen uns mit sozialen Unterschieden konfrontiert: Anerkennung oder Ablehnung im zwischenmenschlichen Umgang, Statusunterschiede, viele oder wenige Einflussmöglichkeiten.

Die alten buddhistischen Texte zeigen, dass dieselben Fragen schon vor über 2.500 Jahren die Gemüter bewegten. Auch von dem Buddha wollte etwa ein Brahmane wissen:

„Was ist denn nur der Grund, was die Ursache dafür, dass bei den Menschen, den eben unter Menschen Geborenen, Erbärmlichkeit und Vorzüglichkeit zu finden sind? Denn man findet ja Menschen von langer und von kurzer Lebensdauer, schwer kranke und gesunde, hässlich und schön anzuschauende, einflusslose und mächtige, besitzlose und vermögende, solche von niedriger und von hoher Herkunft, unverständige und weise."
„Ihren Taten gehören die Wesen, sie sind Erben ihrer Taten, haben ihren Ursprung in ihnen, sind mit ihnen verbunden, sie haben ihre Taten als Rettung. Ihre Taten scheiden die Wesen, und zwar nach Erbärmlichkeit und Vorzüglichkeit."
(Majjhima Nikaya 135)

Wie diese Antwort des Erwachten im Einzelnen zu verstehen ist, werden wir bald noch näher sehen.

Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich in den Brunnen und wollte sie abwaschen. Sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Das Mädchen weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte das Unglück. Sie schalt es so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach: ‚Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hole sie auch wieder herauf.' Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was es anfangen sollte. In seiner Herzensangst sprang das Mädchen in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen. Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und wo tausend Blumen standen.

An dieser Stelle spitzt sich unsere Geschichte dramatisch zu und nimmt eine überraschende Wende. Aus einem prekären Konflikt erwächst eine völlig neue Lebenssituation. Nichts bleibt, wie es ist, alles zeigt sich im Übergang, und die erlebten Traumbilder der Existenz werden urplötzlich durch andere ersetzt. Ohne dass wir es wollen und ohne dass wir etwas dagegen tun können. Das mag bei Schicksalsschlägen so sein, nach denen unser Leben von heute auf morgen wie verwandelt ist; in den Träumen der Nacht, die uns im Handumdrehen in fremde Welten entführen, und mehr noch mit dem Tod, der uns von allem Vertrauten trennt und alle gewohnte Wahrnehmung transzendiert ...

Auf dieser Wiese ging das Mädchen nun fort und kam zu einem Backofen, der war voll Brot. Das Brot aber rief: ‚Ach, zieh mich heraus, zieh mich heraus, sonst verbrenne ich. Ich bin schon längst ausgebacken.' Da trat es hinzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voller Äpfel und rief: ‚Ach, schüttle mich, schüttle mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.' Da schüttelte es den Baum und schüttelte, bis keiner mehr oben war. Und als es sie alle auf einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es weiter.

Die wohltuenden Charaktereigenschaften des Aschenputtel leuchten in dieser Szene auf. Aus buddhistischer Sicht offenbaren sich zwei wunderbare Geisteshaltungen: metta und karuna. Metta meint die Entdeckung des anderen. Metta haben heißt sehen, dass um mich Mitwesen mit ihren Gefühlen und Anliegen sind, die wie ich auch leben und glücklich sein wollen. Ihnen wende ich mich mit Freundlichkeit und Wohlwollen zu. Karuna reicht noch weiter, es drückt das Mitempfinden dem Nächsten gegenüber aus, den ich in seinem Leiden und in seiner Bedrängnis sehe. Ich habe den Wunsch und finde die Kraft, ihm in seiner Not beizustehen.

Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau hervor. Weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau rief ihm nach: ‚Was fürchtest du dich, liebes Kind, bleib bei mir. Wenn du alle Arbeiten im Hause ordentlich tun willst, so soll es dir wohl ergehen, du musst nur Acht geben, dass mein Bett gut gemacht ist und es fleißig ausgeschüttelt wird, dass die Federn fliegen. Dann schneit es in der Welt. Ich bin die Frau Holle.'

Die buddhistische Parallele? Der Erwachte sagt bei vielen Gelegenheiten, dass das, was uns der (erste) Augenschein über die Dinge oder die Menschen verrät, meist nicht viel mit der Realität zu tun hat. Oft verbirgt sich die Wirklichkeit geradezu hinter dem, was uns Augen und Ohren vermitteln. Was sieht das Mädchen? Ein kleines, unscheinbares Haus, eine alte, garstige Frau mit großen Zähnen, die fast schon gefährlich aussehen. Spontan gewinnt sie keineswegs Zutrauen und möchte am liebsten so schnell wie möglich von diesem Ort verschwinden. Doch sie bleibt.

Die Gegebenheiten um uns, so der Buddha, sollten wir nicht einfach nach ihrem äußeren Anschein beurteilen. Tatsächlich ist diese abstoßende Alte die ‚Frau Holle', die den Menschen ‚hold', also ihnen wohl gesonnen ist. Unsere unmittelbare sinnliche Wahrnehmung zeigt ein verzerrtes und irreführendes Bild der Wirklichkeit. Das ist moha, Verblendung. Wir sind getäuscht, weil wir eine ‚rosa Brille' unserer Vorlieben aufhaben und die Dinge deshalb angenehm und verlockend erscheinen. Oder auf unserer Nase sitzt die dunkle Brille der Ablehnung, durch die uns gewohnheitsmäßig alles grau und unattraktiv vorkommt.

Weil die Alte ihr nun so zusprach, fasste sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr Bett auch immer gewaltig auf, so dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen, und dafür hatte es ein gutes Leben bei ihr; kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.

Was mag es aus buddhistischer Sicht heißen, wenn das Aschenputtel nun doch ganz anders reagiert, als ihr ursprünglich zumute war? Die Szene zeigt eine weitere positive Herzensqualität, die insbesondere für ein spirituell orientiertes Leben bedeutsam ist. Der Buddha nennt diese Eigenschaft saddha, Vertrauen oder Offenheit. Eine solche Haltung ermöglicht, sich einer Realität zu öffnen, die wir (zunächst) nicht mit eigenen Augen sehen, von deren Existenz wir vielleicht aber schon eine mehr oder weniger deutliche Ahnung haben.

Und noch etwas veranschaulicht uns das Verhalten des Mädchens: viriya, die Tatkraft. Das Aschenputtel packt die Dinge an, sie zaudert nicht, das Richtige und Notwendige zu tun. Instinktiv ist ihr klar, dass sie den Anforderungen des Leben entsprechen und aktiv sein muss.

Einsatz verändert die Welt, er schafft eine neue und - mit Weisheit gepaart - auch eine bessere Situation. Im Hier und Jetzt oder in einer anderen, künftigen, jenseitigen Welt. In der bildhaften Sprache des Märchens fliegen die Schneeflocken und die Bettfedern „unten auf der Erde", und zugleich gibt es für das arme Kind mit einemmal „Gesottenes und Gebratenes".

Nun war es eine Zeitlang bei der Frau Holle, da war es traurig und wusste anfangs selbst nicht, was ihm fehlte. Endlich merkte es, dass es Heimweh war. Obgleich es ihm hier viel tausend Mal besser ging als zu Hause, so hatte es doch Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: ‚Ich habe den Jammer nach Hause bekommen. Und wenn es mir hier auch noch so gut geht, so kann ich nicht länger bleiben, ich muss wieder zu den Meinigen.' Die Frau Holle sagte: ‚Es gefällt mir, dass du wieder nach Hause verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinauf bringen.'

Wo ich bin, kann und will ich nicht auf Dauer bleiben. Ich möchte weg, wenngleich ich nicht immer genau weiß, wohin. Ein Prozent wenigstens scheint immer zum vollendeten Glück zu fehlen. Uns geht es gut bei der Frau Holle, aber wir haben dennoch Heimweh. Wir sind noch nicht wirklich angekommen und müssen weiterwandern.

Hier beschränkt sich die buddhistische Perspektive jedoch nicht auf dieses eine Leben. Sie betont, dass die Wesen nicht nur einmal leben, sondern dass sie geboren werden, altern und sterben, um wiedergeboren zu werden, erneut zu altern und zu sterben. Die Existenz der Wesen ist eine ununterbrochene Wanderung, ein anfangloser Weg durch das Dasein (samsara) - immer auf der Suche nach Erfüllung und Frieden.

So nahm darauf die Frau Holle das Kind bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunter stand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, so dass es über und über davon bedeckt war. ‚Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist', sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule zurück, die ihm in den Brunnen gefallen war.

Eine Wegstrecke ist zu Ende, eine neue beginnt und mit ihr eine neue Qualität des Daseins. Aber: So neu ist die gar nicht, weil sie in vielerlei Hinsicht der Vergangenheit entspricht. Das buddhistische Bild des Lebensrades veranschaulicht das gut. Man geht nach vorne und kehrt so auch gleichzeitig zurück. Man wandert, aber entlang eines Weges, der einen irgendwann wieder an die Stätten seines früheren Wirkens führt. So ergeht es auch dem Aschenputtel, es ist wieder da und es erntet die Früchte seiner inneren Helligkeit und seines einstigen rechten Tuns (karma). Mit Gold überhäuft, wird das Aschenputtel zuerst vom Hahn auf dem Brunnen begrüßt:

‚Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.' Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt war, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Am Anfang unseres Märchens war das Mädchen nicht gelitten, nun ist es willkommen, weil es goldglänzend daherkommt. Was sich nicht geändert hat: das materielle und vordergründige Interesse der Mutter. In ihr dominieren weiter Verlangen, Habenwollen, das Begehren nach Sinnesdingen und nach leiblichem Wohl (kama). Sehen, was vor Augen liegt und zu seiner Befriedigung nach den verlockenden Dingen greifen, das drückt sich in der Stiefmutter aus. Haben statt Sein, Oberfläche statt Tiefe. Innere Werte und Qualitäten zählen nicht.

Das Mädchen erzählte nun alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der anderen, hässlichen und faulen Tochter gern dasselbe Glück verschaffen. Sie musste sich an den Brunnen setzen und spinnen, und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in den Finger und stieß sich die Hand in die Dornenhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein. Sie kam ebenfalls auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: ‚Zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenne ich, ich bin schon längst ausgebacken.' Die Faule antwortete: ‚Da hätte ich Lust, mich schmutzig zu machen' und ging fort. Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: ‚Ach schüttle mich, schüttle mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.' Sie antwortete: ‚Du kommst mir recht, da könnte mir einer auf den Kopf fallen' und ging weiter.

Hier gilt das Wort: Dasselbe ist nicht dasselbe. Ganz ähnlich wie ihre Schwester macht sich das zweite Mädchen auf den Weg, nun jedoch in der Absicht, ohne sonderliche Mühe die erwarteten Schätze zu heben. Sie setzt sich an die Straße, beginnt zu spinnen, sticht sich absichtlich in den Finger, springt in den Brunnen ... Anders als die Goldmarie bestimmen eigensüchtige, egoistische Interessen das Geschehen. Ichbezogene Wünsche werden groß geschrieben. Dass das Brot zu verbrennen droht, wird ebenso ungerührt zur Kenntnis genommen wie die Tatsache, dass die Äpfel vom Baum herabgeholt werden müssen. Keinerlei Mitempfinden regt sich, die ‚gute Tat' bleibt aus.

Als sie nun vor das Haus der Frau Holle kam, fürchtete sie sich nicht. Sie verdingte sich gleich. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde. Am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, und am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie es sich gebührte und schüttelte es nicht, dass die Federn flogen.

Wir werden an eine tiefe Wahrheit erinnert. Das an den Taten Sichtbare ist nicht ausschlaggebend. Was zählt, sind die Motive eines Menschen, seine Emotionen, die in ihm wirkenden geistigen und seelischen Kräfte. „Die Absicht bezeichne ich als die Tat", so der Buddha knapp und bündig. (Anguttara Nikaya 6,63)

Tatsächlich können wir auf Dauer nur so leben, wie es unseren inneren Antrieben entspricht. Die faule Tochter hält sich wohl vor Augen: ‚Ich muss fleißig sein und tun, was die Frau Holle von mir verlangt.' Aber dieser Vorsatz ist aufgesetzt, in Wirklichkeit ist sie desinteressiert und auf ganz andere Dinge aus. Sie kann nicht über ihren Schatten springen, ihr tatsächlicher Charakter kommt bald zum Vorschein.

Das Tun und Lassen eines Menschen erwächst nach buddhistischer Auffassung aus seinem ‚Herzen'. (Majjhima Nikaya 78) Reden und Handeln entsprechen der Qualität seiner Gemütskräfte. Habenwollen und Ungeduld, Nachlässigkeit und Unehrlichkeit - sie eben geben in der zweiten Hälfte des Märchens den Ton an. Und sie lassen für die schlechte Schwester entsprechend bittere Früchte reifen. Die äußere Welt ist ein Spiegel. In ihm zeigen sich die eigenen vergangenen Taten - helle oder dunkle, liebevolle oder egozentrierte, heilsame oder unheilsame. Was die beiden Schwestern erleben, ist lediglich die Wiederkehr ihrer früheren Handlungen. Die Frau Holle hat nicht die Wahl, Gold oder Pech regnen zu lassen.

Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen. Die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor; als sie aber darunter stand, da ward anstatt des Goldes ein großer Kessel Pech ausgeschüttet. ‚Das ist zur Belohnung deiner Dienste', sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu. Da kam die Faule heim, und sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen rief, als er sie sah: ‚Kikeriki: Unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.' Das Pech blieb aber fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.

 



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