Zeitschriftenartikel

Die Geschichte vom Gazellenkönig Nigrodha

Nacherzählt von Alfred Weil


Vor langer Zeit, als König Brahmadatta in Benares regierte, wurde der Bodhisatta - der künftige Buddha - als Gazelle wiedergeboren. Als er aus dem Mutterschoß kam, leuchtete er wie Gold, seine Augen funkelten, seine Hörner hatten die Farbe von Silber und sein Mund die roter Gewänder.

Das prächtige Tier lebte zusammen mit fünfhundert anderen Gazellen in einem großen Wald. Für alle war er der Gazellenkönig Nigrodha. Ganz in der Nähe hielt sich noch eine andere fünfhundertköpfige Gazellenherde auf, an deren Spitze der ebenfalls goldglänzende Sakha stand.

Damals war König Brahmadatta geradezu auf die Jagd versessen. An seinem Hof gab es keine Mahlzeit ohne Fleisch. Ohne jede Rücksicht rief er jeden Tag seine Untertanen zusammen, damit sie mit ihm auf die Jagd gingen. Den Leuten war das jedoch auf die Dauer zu viel und sie überlegten: „Wie wäre es, wenn wir das Wild mit besonders wohlschmeckendem Futter und klarem Wasser in den königlichen Park lockten? Dann machen wir das Tor zu, die Tiere können nicht mehr entkommen, und der König mag sich ihrer nach Lust und Laune bedienen." Bald war der Plan in die Tat umgesetzt, die beiden Herden gefangen und der Herrscher in der Stadt über die neue Situation informiert.

Der ging alsbald freudig in seinen Park und erblickte zuallererst die beiden goldfarbenen Gazellen, die er sofort unter seinen besonderen Schutz stellte. In der nächsten Zeit nun erlegte Brahmadatta entweder selbst eines der Tiere oder er beauftragte seinen Koch. Immer wieder stürzten die Gazellen in Panik davon, wenn sie einen Menschen mit Pfeil und Bogen sahen und brachten sich nicht selten böse Verletzungen bei. Manche starben sogar bei ihrer wilden Flucht.

Als der Bodhisatta davon hörte, rief er Sakha zu sich und machte ihm den folgenden Vorschlag: „Mein Lieber, wir leben in schlimmen Zeiten, die einigen unserer Schwestern und Brüder das Leben kosten, aber auch den anderen Angst und Schrecken bringen. Wie wäre es, wenn sich jeden Morgen eines von uns freiwillig zum Opfer brächte? Wer das sein wird, mag das Los bestimmen, und abwechselnd soll es eines aus deiner und aus meiner Schar sein. Der Unglückselige begibt sich an einen vereinbarten Ort und übergibt sich dem König." „So werden wir es machen", antwortete Sakha. „Wenn auch viele sterben müssen, können wir auf diese Weise doch unnötigen Schmerz vermeiden."

Nachdem auch Brahmadatta sein Einverständnis gegeben hatte, verfuhr man so, wie die beiden Gazellenkönige verabredet hatten.

Eines Tages nun traf das Los eine schwangere Gazelle aus der Herde Sakhas. Sie war über die Maßen betrübt und wandte sich traurig an Sakha: „Mein Herr, in meinem Leib wächst ein Junges heran. Wenn ich nun mein Haupt auf den Opferblock lege, werden zwei von uns sterben müssen. Lass doch für dieses Mal das Los an mir vorüber gehen. Ich bitte dich darum." Sakha aber schüttelte den Kopf: „Ich kann dir nicht helfen. Du weißt, was du zu tun hast, also gehe und erfülle deine Pflicht."

In ihrer Not ging die werdende Gazellenmutter zu dem Bodhisattva und klagte ihm ihr Leid. Der überlegte nicht lange und erwiderte: „Gehe du zurück in das Gehölz, du sollst frei sein. Ich selbst werde heute dem König als Speise dienen." Woraufhin er sich umgehend dorthin begab, wo der Koch schon wartete.

Der aber wollte seinen Augen nicht trauen. „Hat Brahmadatta dem Gazellenkönig nicht seinen Schutz angeboten? Wie kommt es denn, dass jetzt Nigrodha selbst am Opferplatz erscheint?" Schleunigst machte der Koch kehrt und berichtete dem König den merkwürdigen Vorgang. Ungläubig und kopfschüttelnd bestieg Brahmadatta darauf seinen Wagen und preschte in den nahe gelegenen Park. Er wollte sich selbst ein Bild machen.

„Lieber Nigrodha, du weißt, dass ich dir meinen persönlichen Schutz gewährt habe. Du hast den Tod nicht zu fürchten, warum also finde ich dich an dieser Stelle?" Der Bodhisatta sah ihn an und antwortete: „Brahmadatta, heute kam eine trächtige Gazelle zu mir und bat um ihres Jungen willen um Schonung. Sie sprach: ‚Lass das Los für dieses Mal an mir vorüber gehen, sonst wird es auch meine Leibesfrucht treffen.' Ich aber will nicht das Leid des Todes einem andern aufbürden, und das ist der Grund, warum ich hier warte. Ich bin gerne bereit, mein Leben für das ihre und das des Jungen hinzugeben. Tue also, was dir beliebt."

Der König hielt einen Moment inne und sagte: „Bester Gazellenkönig, am Königshof, ja in meinem ganzen Reich ist mir noch nie jemand begegnet wie du. Deine Freundlichkeit und dein Mitempfinden haben mich besiegt. Du kannst aufstehen und wieder zu deiner Herde zurückkehren. Dir und jener Muttergazelle gewähre ich die Freiheit."

„Wenn wir beide gerettet sind, was soll dann aber mit unseren Schwestern und Brüdern hier im Park geschehen, oh König?", entgegnete der Bodhisatta. „Auch den übrigen soll von nun an nichts mehr geschehen, das verspreche ich." „Und was ist mit all den anderen Gazellen in Wald und Flur?" „Sie sollen ein Leben frei vor Furcht und ohne Sorge führen", so der König. „Und die übrigen Vierfüßler, die Vögel in der Luft, die Fische im Wasser? Wie wird es ihnen ergehen." „Ganz ebenso, von mir haben sie nichts mehr zu befürchten."

Auf diese Weise erreichte der Gazellenkönig Nigrodha, dass am Königshof nie mehr gejagt und alles Leben geschont wurde. Mehr noch. Tief beeindruckt von dem Mitgefühl Nigrodhas wurde Brahmadatta auch für die Weisheit des Bodhisatta empfänglich. Und dieser riet ihm: „Wandle in Tugend, mein König. Wenn du für deine Familie und deine Untertanen ein Vorbild bist und die Regeln von Sitte und Anstand niemals übertrittst, wenn du stets friedfertig bleibst und keinem etwas zuleide tust, dann wirst du nach deinem Tod in himmlischer Welt wiedererscheinen." Mit Freude nahm der König diese Ratschläge an.

Noch für einige Zeit blieb der Bodhissatta in Brahmadattas Park, um den König weiter zu belehren, ihn zu inspirieren und ermutigen. Danach verschwand er mit seiner Herde für immer.

(Nigrodhamiga-Jataka - Jataka 12 - Die Nacherzählung ist am Ende gekürzt)

 




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