Zeitschriftenartikel

Sprache und Buddhismus - Gewaltfreie Kommunikation

Interview mit Bhante Sukhacitto


Seit über 20 Jahren ist er Buddhist und fast ebenso lange Mönch in der Theravada-Tradition. Persönlich und ohne zu beschönigen, berichtet Bhante Sukhacitto über seine spirituelle Praxis. Von seiner „lockeren Zunge" erzählt er, aber auch von seinem Bemühen um „gewaltfreie Kommunikation".

Der Buddha empfahl seinen Mönchen und Nonnen einmal: „Wenn ihr zusammenkommt, sollt ihr zweierlei tun - euch über die spirituellen Lehren unterhalten oder schweigen." Ist das bei euch im Kloster so? Ist das überhaupt möglich?

In intensiven Übungsphasen der Meditation wie Retreats oder wenn wir hier im Winter unsere dreimonatige Einkehrzeit haben, ist „Edles Schweigen" natürlich leicht. Wir hier im Kloster Dhammapala in der Schweiz haben mit all den Besuchern und bei Kursen oft allerhand Organisatorisches miteinander zu besprechen, und das kann dann leicht auch zeitlich einmal mehr sein, als uns lieb ist. Meine Erfahrungen auch aus anderen Klöstern und Zentren lehrten mich, dass es eine wirkliche Anstrengung braucht, spirituellen Themen mehr Gewicht im Austausch untereinander zu geben. Spezielle Treffen für Besprechungen von Lehrreden, Ordensdisziplin o.ä. sind dabei hilfreich.

Sind Politik, die neusten Filme, die Ereignisse am anderen Ende der Welt auch Themen, die euch beschäftigen?

Wir leben hier nicht weltfremd und haben Zugang zum Internet, manchmal taucht sogar eine Zeitung auf. Es kommt schon vor, dass wir über solche Themen sprechen, meist aber nicht sehr lange und ausführlich, oder wir versuchen die Verbindung zur Buddhalehre herzustellen und die tiefere Wahrheit in diesen „weltlichen Dingen" zu erkennen.

Als buddhistischer Mönch hat man doch andere Maßstäbe, was das eigene Tun und Lassen angeht. Die Messlatte liegt höher als bei Menschen, die ein ganz normales Leben führen. Wie drückt sich das im Umgang mit der Sprache aus? Worauf achtest du besonders?

Die höhere Messlatte für Mönche ist für mich natürlich eine Herausforderung. Um meine „lockere Zunge" zu zügeln, versuche ich, mehr Achtsamkeit und Geistesgegenwart bei meinen Gedanken und Absichten zu haben, bevor ich rede. Je weniger gesprochen wird, desto größer kann die Wirkung der Worte sein. Die Aussage „Stille Wasser gründen tief" spricht mich sehr an.

Ich habe nicht selten Menschen durch unvorsichtige Sprache verärgert, manchmal auch verletzt. Sehr hilfreich war es dann für mich, wenn mir Menschen ehrlich eine Rückmeldung gaben, was meine Worte in ihnen ausgelöst haben. Neben den Worten sind aber vor allem unsere Motivation und innere Haltung entscheidend sowie die Art, „wie es rüberkommt". Ich denke dabei auch an den zweiten Faktor - "rechte Absicht" - beim Edlen Achtfachen Pfad.

Wenn wir üben, egal was, geht es manchmal auch schief. Hast du Beispiele, wo du „versagt" hast und dir schnell klar war: ‚Das hätte ich jetzt besser nicht gesagt'? Vielleicht passiert das ja in bestimmten Situationen mit schöner Regelmäßigkeit?

Bei einer Lehrredenbesprechung in einer großen Gruppe von Freunden habe ich einmal in einer wirklich unangemessenen Form einen sehr respektierten Übersetzer der Lehrreden kritisiert. Nachdem es heraus war, wurde mir sofort klar, dass es falsch war. Auch die Reaktion einiger Freunde machte das unmissverständlich deutlich, denn von einem Mönch erwartet man so etwas schon gar nicht. Ich konnte das damals aber nicht sofort zugeben, wohl aufgrund von Stolz und Überheblichkeit. Ich dachte sogar, es wäre ja ganz gut, etwas Feuer in das Gespräch gebracht zu haben. Erst einige Zeit später konnte ich einigen Freunden gegenüber mein Verhalten bedauern und meine Fehler eingestehen und mich entschuldigen. An anderen Beispielen unpassender Worte würde es nicht mangeln. Meist spielte dabei neben der fehlenden Aufmerksamkeit auch mangelnde Sensibilität eine Rolle.

Als Mönch spreche ich auch über im westlichen Buddhismus und Meditationskreisen nicht gern gehörte Themen wie die Nachteile der Sinnlichkeit, unser eingeschränktes Verständnis von Geistestraining (Meditation), niedere Daseinsbereiche u.a. Ich provoziere dabei manchmal bewusst. Das kann Unbehagen auslösen, manchmal sogar wütende Reaktionen. Ich wurde hin und wieder kritisiert, den Rahmen überspannt zu haben und arrogant und belehrend zu wirken. Bei den Zuhörern schien in diesen Fällen jedenfalls von meinen - wie ich denke guten - Intentionen nichts anzukommen.

Wie gehst du damit um. Nimmst du dir einfach vor, das nächste Mal besser aufzupassen, oder hast du dem Mut zur ‚Wiedergutmachung'?

In manchen Situationen konnte ich mich direkt bei den anderen Personen entschuldigen und meine Versäumnisse eingestehen. Das kostete Überwindung, tat beiden Seiten aber meist sehr gut. Aufrichtigkeit scheint immer der beste Weg. Aus gutem Grund hat der Buddha das Erkennen und Eingestehen von Fehlverhalten als Fortschritt in der Übung hervorgehoben. Hilfreich kann auch sein, wenn ich meine Gesprächspartner vorher auf meine Art zu reden aufmerksam mache. Dann können sie sich besser auf unangenehme Themen oder Provokationen einstellen und es nicht (so) persönlich nehmen und vielleicht mehr profitieren. Dass Zuhörer unangenehm berührt sind, muss per se auch nicht falsch sein. Ich habe viel lernen können von Dingen, die ich eigentlich nicht gerne höre.

Was sagen die Ordensregeln für den Fall, dass man sich vielleicht sogar bei einer Lüge ertappt? Es gibt ja auch unterschiedliche disziplinarische Konsequenzen, wenn Regeln übertreten werden. Oder gelten die nicht für sprachliches Fehlverhalten?

Eine bewusste Lüge ist eine Art Vergehen, die wir Ordinierten einem anderen Mönch mitzuteilen haben. Im Falle einer bewussten Vorspiegelung höchster spiritueller Errungenschaften führt eine solche Lüge sogar zum Ordensausschluss. Fehlverhalten im Denken - unser Denken ist die Grundlage unserer Sprache - ist kein zu bekennendes Ordensvergehen, aber natürlich ein riesiges Übungsfeld.

Du hast dich viel mit gewaltfreier Kommunikation beschäftigt. Was hat dich an diesem Thema so interessiert?

Was wir sagen, erwächst aus unseren Gedanken, und da ist vieles alles andere als gewaltfrei: vom (groben) Be- und Verurteilen über das Vergleichen mit anderen bis zu manifester Ablehnung und Hass. Gewalt ist da ein verallgemeinerndes und starkes Wort, ihre Qualität findet nämlich bis in die subtilsten Bereiche unseres Denkens, Sprechens und Handelns hinein ihren Ausdruck. Das vermeintliche Selbst scheint nicht anders agieren zu können, solange wir in der Sinnenwelt leben.

Diese Problematik scheint vielen Menschen im Abendland vertraut zu sein. In der Kommunikation tauchen Missverständnisse, Unverständnis, Verletzungen und Enttäuschungen auf. Ich suche - im Einklang mit den mir aus Buddhas Lehren bekannten - praktische Möglichkeiten, mehr Mitgefühl und Verständnis für mich und andere zu entwickeln. Auch im Umgang mit mir selbst kann ich durchaus noch friedlicher, liebevoller, einfühlender, sanfter und weniger urteilend werden.

Wie sehen die Grundzüge gewaltfreier Kommunikation aus? Kannst du die wichtigsten Punkte nennen?

Ich versuche kurz, die von Marshall Rosenberg entwickelten vier Schritte der gewaltfreien Kommunikation (GfK) aufzuzeigen:

  1. Achtsames und einfühlsames Beobachten einer erlebten Situation ohne diese zu bewerten
  2. Bewusstes Registrieren und Betrachten der daraus entstandenen Gefühle und Emotionen
  3. Erkennen meiner Bedürfnisse in Bezug auf diese Situation
  4. Formulieren konkreter Bitten (keine Forderungen mit Erwartungen) an den anderen, um diese Bedürfnisse zu erfüllen und das Leben für alle Beteiligten angenehmer zu machen.

Wie „buddhistisch" sind diese Übungen der gewaltfreien Kommunikation?

Während es bei den ersten beiden Schritten keine Reibungsflächen für mich gibt, tauchen bei den Stichworten Bedürfnisse und Bitten schon Herausforderungen auf: Die Erfüllung von welchen Bedürfnissen fördert das Heilsame in uns? Was sind (Grund-) Bedürfnisse und welche Formen von Verlangen und Wünschen ziehen Leid nach sich? Das Bewusstwerden und die Klärung der damit verbundenen inneren Prozesse, die wir nicht selten völlig verdrängen, ermöglicht uns einen angemesseneren Umgang mit ihnen. So kann Leid bringendes Verlangen abgeschwächt oder letztlich aufgelöst werden. Qualitäten wie Zufriedenheit, Bescheidenheit, Genügsamkeit und Geduld sind uns dabei eine große Hilfe. Es geht nicht darum, andere zu unserem eigenen Vorteil zu manipulieren. Tatsächlich geht es um die Verminderung und die Aufhebung unserer Selbstbezogenheit. Das ist ein Weg zur völligen Leidfreiheit, den der Buddha uns zeigt.

Welche praktischen Lehren hast du aus diesem Interesse an gewaltfreier Kommunikation gezogen? Was hat sich in deinem Leben verändert?

Die GfK macht deutlich, dass hinter unseren Gefühlen und Emotionen erfüllte oder unerfüllte Bedürfnisse stecken. Diese Erkenntnis unterstützt unsere Eigenverantwortung für unser Erleben und befreit andere davon, für unsere Gefühle verantwortlich zu sein. Das hilft, mehr auf mein Denken, Fühlen und Sprechen zu achten und mir klar zu werden, ob ich mit meinen Gefühlen, Emotionen und Bedürfnissen und denen der anderen in Kontakt bin. Wichtig ist auch zu erkennen, welche Strategien zur Bedürfnisbefriedigung ich einsetze oder wie ich mich durch gewisse Strategien beschränke. Die GfK hilft uns, nicht nur in der Kommunikation mehr Empathie, Zufriedenheit und Glück zu erlangen, die unerlässlich sind auf dem spirituellen Weg.

Heißt gewaltfreie Kommunikation, um Himmels willen ja nichts zu sagen, was meinem Gegenüber irgendwie unangenehm ist? Ich meine, der Buddha hat seinen direkten Schülern gelegentlich ganz schön den Kopf gewaschen, wenn sie falschen Auffassungen anhingen und die auch noch verbreiteten.

Ob etwas getan bzw. ausgesprochen werden sollte oder nicht, hängt davon ab, ob sich damit das Heilsame mehrt und das Unheilsame mindert. Das ist die Richtlinie, die der Buddha gegeben hat. Selbst wenn Worte für den Empfänger unangenehm sind, können sie dennoch förderlich sein. Umgekehrt sind angenehme klingende Worte durchaus manchmal alles andere als hilfreich.

Was sagst du als buddhistischer Mönch: Kann ich mich denn in unserer Welt überhaupt behaupten, wenn ich nur zurückstecke. Muss ich nicht bestimmt und deutlich sagen, was ich denke und will, um in einer Welt der Ellenbogen nicht auf der Strecke zu bleiben?

Es braucht ein gewisses Maß an innerer Klarheit und an Wohlwollen. Deutlich und einfühlend zu sagen, was wir beobachten, fühlen und benötigen, ohne den anderen zu verurteilen, ist immer möglich. Wir werden keine „Schwämme, die alles aufsaugen", sondern können weiterhin „nein" sagen und Grenzen aufzeigen. Niemand braucht sich auf der Nase herumtanzen zu lassen.

Wo siehst du den Hauptunterschied zwischen den Menschen, die Familie haben und im Berufsleben stehen und solchen, die die Robe tragen?

Das kommt natürlich sehr auf die konkreten Lebensumstände an. Es gibt heute bei uns große Freiheiten, sich seinen Lebensstil nach den eigenen Bedürfnissen und Prioritäten einzurichten. Das Mönchstum ermöglicht, von Geld-, Berufs-, Familien- und Beziehungsproblemen frei zu sein, um sich ganz dem geistigen Weg hinzugeben. Dies ist eine unglaubliche Vereinfachung des Lebens und ein wertvolles Privileg. Wir haben aber hier im Westen kaum buddhistische Klöster mit Nonnen und Mönchen oder eine Kultur, die diesen Weg unterstützt und wertschätzt. Das Leben mancher Robenträger kann deshalb sehr geschäftig und mit viel Verantwortung verbunden sein. Da würden sich manche mehr Raum für die spirituelle Übung wünschen.

Vielleicht gelingt es mir ja, ein allzu scharfes Wort runterzuschlucken, wenn mir einer allzu dumm kommt, oder weniger heftig zu reagieren, als es gerade in mir eigentlich will. Wenn ich auf der Hut bin und mich selbst etwas beobachte, mag das gelingen. Wie aber sieht es mit meinen Gedanken aus? Mit Emotionen wie Ärger, Ablehnung, Anflüge von Feindseligkeit gar? Wie gehe ich mit ihnen um?

Das schöne Motto „erkennen, nicht tadeln, ändern" bringt es wohl auf den Punkt. Der Buddha empfiehlt zudem folgende Vorgehensweisen, um solch leidbringende Gedanken zu überwinden: Ersetzen mit heilsamen Gedanken; Betrachten des Unheils der störenden Gedanken; Ignorieren; zur Ruhe Bringen und als letzte Möglichkeit, sie zu unterdrücken (vgl.19. Lehrrede der Mittleren Sammlung). In der GfK wird von Selbstempathie gesprochen, die man sich bei solch heftigen Emotionen selber geben soll, bevor man reagiert und spricht.

Für einen Mönch sind solche Emotionen wohl gar kein Thema mehr, mit dem er sich herumschlagen muss. Oder manchmal doch?

Schön wär's. Je mehr Ernsthaftigkeit jemand an den Tag legt, um seinen Geist zu trainieren, desto feiner wird entsprechend das Empfinden gegenüber diesen Emotionen. Mir kommt es manchmal so vor, als ob sie viel stärker sind als früher. Tatsächlich aber erkenne ich ihre Ausmaße nun deutlicher.

Besaß der Buddha, das große spirituelle Vorbild, immer vollkommene Selbstbeherrschung? In seiner Ordensgemeinschaft hat sie wohl gelegentlich gefehlt. Jedenfalls heißt es in den überlieferten Texten an einer Stelle: „Es ist da unter den Kosambiyer Mönchen Zank und Streit ausgebrochen, sie hadern miteinander und scharfe Wortgefechte finden statt." (48. Rede der Mittleren Sammlung)

Auch an anderen Stellen in den Lehrreden und im Kanon der Ordensregeln tauchen Streitigkeiten auf. In Klostergemeinschaften scheinen die Schwestern und Brüder sich gegenseitig oft die größten Lehrmeister zu sein. Der Umgang mit seinen Mitmenschen bringt erstaunliche Herausforderungen mit sich, es „menschelt" nun einmal bei und zwischen uns. Seit ich fest in dieser Gemeinschaft hier lebe, habe ich im Zusammenleben vieles lernen können, was ohne meine Brüder nicht möglich gewesen wäre. Unseren Mitwesen gebührt Dank und Respekt für diese Chance zu wachsen!

Das Gespräch führte Alfred Weil 2006.

 

Anhang

Inzwischen lebt Bhante Sukhacitto im Kloster Amaravati bei London und ergänzt Folgendes:

In den letzten Jahren ist mir die Praxis des Einsichtsdialoges in Ergänzung zur GfK sehr wichtig geworden. In dieser Methode wird mit einem oder mehreren Meditationspartner(n) ein (Dhamma-) Thema im tiefen, achtsamen und mitfühlenden Zuhören und wahrhaftigen Sprechen gemeinsam ergründet (als Übung des weisen Erwägens, yoniso manasikara). Weitere Richtlinien sind ‘Innehalten', ‘Entspannen', ‘Öffnen' und ‘dem Entstehen vertrauen'. Durch die offene, geistesgegenwärtige und empathische Präsenz des anderen entstehen im tiefen Dialog (der aus einer erfrischenden Stille und Achtsamkeit entspringt) viel leichter Ursachen, die tiefe Einsichten ermöglichen. Wir alle haben unsere Erkenntnisse und wenn wir uns bemühen, diese mit anderen zu teilen, können alle Übenden leichter Weisheit entwickeln. Der Einsichtsdialog bringt den gesamten Bereich der Beziehungen mit uns selbst, anderen und ‘der Welt' ganz konkret und praktisch in unsere spirituelle (Alltags-) Übung.




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