Buchbeiträge - Auf stillem Pfad

Es bleibt nicht so!

Erinnerungen an Fritz Schäfer

Alfred Weil

„Es bleibt nicht so!" Wer kennt diesen ebenso kurzen, markanten wie wahren Satz von Fritz nicht? Wer hat diesen mahnenden Hinweis nicht immer wieder aus seinem Mund gehört? Fast kann man sagen, dass sich in diesen vier Worten all das verdichtet, was Fritz in den vielen Jahren seiner unermüdlichen Tätigkeit im Sinne des Dhamma gesagt und geschrieben hat: Nichts Gewordenes ist von Dauer; auf nichts Gestaltetes kann man sich wirklich verlassen; nichts Entstandenes ist es wert, dass man sich darauf einlässt.

Ob wir allerdings Lehren daraus ziehen, steht auf einem ganz anderen Blatt. Auch wenn wir es „wissen", kommt dieses Wissen doch nicht immer zum Zug. Da suggerieren die Menschen und Dinge um uns herum durch ihre gewohnte Präsenz unterschwellig doch so etwas wie Beständigkeit. Bis zu dem Zeitpunkt, wo sie eben dann doch verschwinden. Und so ging es mir in einem gewissen Sinn mit Fritz. Nach seinem Tod (aber auch schon vorher) habe ich mich oft genug gefragt: Warum hast du nicht öfter und intensiver aus dieser Quelle des Wissens und der Erfahrung geschöpft!? Daran ist im Nachhinein nichts mehr zu ändern, aber trotz dieser Einschränkung waren die rund dreißig Jahre, die ich Fritz kannte und in denen es viele und recht unterschiedliche Kontakte gab, ein unschätzbarer Gewinn für mich.Wie es begann? Nun, wie es im Leben manchmal zugeht, auf unvermutete und „zufällige" Weise kreuzten sich unsere Wege. Ich hatte vor einiger Zeit begonnen, mich „Buddhist" zu nennen, als ich in einer Offenbacher Zeitung den Hinweis auf einen buddhistischen Vortrag las. Der Referent sollte ein Herr Debes sein. Diesen Namen hatte ich schon öfter gehört und mit seinem guten Klang in meinem Gedächtnis abgespeichert. Also fuhr ich zu dieser Veranstaltung und fragte den Vortragenden am Ende seiner Ausführungen: „Sind Sie ‚der‘ Herr Debes?" „Nein", war die Antwort, „aber in ein paar Wochen besuche ich ihn in Katzeneichen. Wollen Sie mitfahren?"

Ich wollte und nicht allzu lange danach saß ich neben dem Steuer meines neuen Freundes Herbert Peter Debes aus Offenbach - nicht verwandt oder verschwägert mit dem großen Pionier Paul Debes, aber seit längerem bekannt mit ihm -, um dem Buddhistischen Seminar in der Nähe von Bayreuth einen Besuch abzustatten. Dass daraus ein langfristiger Kontakt wurde, braucht nicht mehr besonders betont zu werden. Und dass damit auch Dr. Friedrich Schäfer „in meinem Wahrnehmungsbereich" auftauchte, ist jetzt keine Überraschung mehr.

Von nun an war FS (so mein persönliches Kürzel) in meinem buddhistischen Leben präsent. Als Mitstreiter des Seminars von Anfang an und später als Mitarbeiter von Wissen & Wandel war Fritz für mich im Hintergrund erkennbar, wenn er vor der Veröffentlichung einen kritischen Blick auf die kommenden Ausgaben der Zeitschrift warf. Er schrieb darin aber genauso eigene Beiträge, die mir stets sehr willkommen waren.

Auf den letzten Seminaren, die Paul Debes in einem engeren Kreis noch hielt, konnte ich bald „Herrn Dr. Schäfer" auch persönlich erleben. Als einer, der den Vorträgen zuhörte, gelegentlich selbst Fragen in den Raum stellte oder in seinen Beiträgen das gerade besprochene Thema kommentierte und mit Ergänzungen bereicherte. Ich erinnere ihn in dieser Situation als jemanden, dem das fortgesetzte Lernen und Weiterforschen ein wichtiges Anliegen blieb. Man merkte, wie sehr er Paul Debes achtete und schätzte und vor allem den Buddha als den großen Menschheitslehrer verehrte und dessen Lehren zum zweifelsfreien und gültigen Maßstab gemacht hatte.

Einen intensiveren Einfluss auf mich hatte Fritz natürlich mittels seiner Bücher, inklusive seinem mächtigen „Wälzer", an der er vierzehn Jahre geschrieben hatte: „Der Buddha sprach nicht nur für Mönche und Nonnen". In ihm hat er die ganze Breite der buddhistischen Lehren - vor allem für Hausleute - aufgearbeitet, dabei eine breite Palette Themen angesprochen und eine Vielzahl von Lehrreden des Buddha einbezogen. Diese Bücher zu lesen und immer wieder wie Nachschlagewerke und Referenzen zu nutzen, wurde für mich schnell eine Selbstverständlichkeit. Ich hatte immer das Gefühl: Da hat jemand etwas selbst tief durchdrungen, es mit seiner eigenen Lebenserfahrung verbunden und ist außerdem noch in der Lage, das anderen verständlich zu machen.

Freilich gab es auch nahe persönliche Kontakte. Der erste, der mir in Erinnerung geblieben ist, war anlässlich einer seiner Besuche bei Herbert Peter Debes in Offenbach, zu denen ich auch eingeladen war. Fritz machte sich die Mühe, seine buddhistischen Freunde gelegentlich auch zuhause zu besuchen und viele Dinge in ganz kleinem Kreise zu besprechen. „Sind Pflanzen Lebewesen", wollte ich damals von ihm wissen, das weiß ich noch ganz genau. Nicht aber, was ich als Antwort mit nach Hause genommen habe.

Fragen in Bezug auf die Lehren des Erwachten sind immer geblieben, bis heute, und so vieles konnte ich über die Jahre hinweg im persönlichen Austausch klären. Zum Glück waren Heidelberg und später auch Karlsruhe nicht sehr weit von meinem jeweiligen Wohnort entfernt. Eine bzw. eineinhalb Stunden mit dem Auto und es konnte losgehen. In seinen besten Zeiten - und die währten eigentlich recht lange - konnte ein solches Gespräch schon eine geraume Weile dauern. In einem alten Brief, den FS im Jahre 2003 an einen Dharmafreund schrieb, las ich neulich: „... und gestern ein feines sechsstündiges Lehrgespräch mit Alfred Weil liegt hinter mir..." Gespräche mit Fritz mochte ich nicht zuletzt auch deshalb, weil ich im Grunde eher redefaul bin und viel lieber zuhöre. Bei ihm genügte meist ein knappes Stichwort, und die nächste Viertelstunde war ausgefüllt. Ein überreicher Fundus an Wissen, den er sehr gerne zur Verfügung stelle, quoll über, und es war ein reines Vergnügen, einfach nur Ohr und Herz offen zu halten.

Ähnliches galt für unseren Briefwechsel. Fritz antwortete auch auf kurze Fragen mit aller Ausführlichkeit. Sein Hang nach „feinster Genauigkeit" ließ es eben nicht bei ein paar Bemerkungen oder knappen Hinweisen bewenden, sondern führte zu detailreichen Darlegungen. Sein juristisch geschulter Verstand war deutlich zu spüren. Er musste eben einen Sachverhalt von allen Seiten beleuchten, den ersten Blicken verborgene Zusammenhänge aufspüren, auch Kleinigkeiten ins Kalkül ziehen und dann seine Gedanken präzise formulieren.

Gerne denke ich an unsere gelegentliche „literarische Zusammenarbeit". Nachdem Fritz seinen „Wälzer" im Kristkeitz Verlag veröffentlicht hatte, hatten wir natürlich alle Interesse daran, dass dieses Grundlagenwerk die entsprechende Beachtung bzw. interessierte Leser fand. Als kleine Unterstützung und Dankeschön für sein Geschenk an alle Freunde des Dhamma schrieb ich eine Rezension, die 1995 in den „Lotusblättern" erschien. Das Gleiche geschah für „Die Realität nach der Lehre des Buddha", die 2007 bei Beyerlein & Steinschulte herauskam und im selben Jahr in „Buddhismus aktuell" besprochen wurde. Als ich selbst 1996 den Sammelband „Karma" veröffentlichte, war Fritz gerne mit einem Beitrag dabei: In seinem Artikel „Zwei Fragen zum Karmagesetz" erörterte er, ob man in das Karma von Mitwesen eingreifen kann und soll, und untersuchte, inwieweit es nach dem Karmagesetz Gnade geben kann. Seine Unterstützung und seinen Rat nahm ich auch bei anderen Anlässen gerne in Anspruch, etwa wenn er seinen kritischen Blick auf ein Buchmanuskript von mir warf und Verbesserungsvorschläge machte.

Es ist kein Wunder, dass unsere Begegnungen, die anfangs naturgemäß eher förmlich-höflich waren, bald einen ganz und gar freundschaftlichen Charakter annahmen. Ich freue mich sehr, dass aus Dr. Friedrich Schäfer und Dr. Alfred Weil recht bald einfach Fritz und Alfred wurden bzw. das übliche Sie einem ebenso selbstverständlichen wie wohlwollenden Du wich.

Im Rückblick fällt mir vieles ein, was ich an FS geschätzt und bewundert habe. Zunächst sicher sein umfassendes Wissen, was die Lehren des Erwachten betraf. Er hatte den Palikanon bzw. den Suttapitaka gründlich studiert. Aber nicht nur mit Hilfe der gängigen Übersetzungen. Immer eingehender hatte er sich im Laufe der Zeit mit dem Pali beschäftigt und schließlich griff er auf Lehrreden des Buddha im Original zurück, wenn er eine einschlägige Passage zitieren oder eine Sutte kommentieren wollte. Da konnte es auch schon vorkommen, dass in einem Jahr gleich mehrere Übertragungen zustande kamen, weil er eine Nuance immer noch besser herausarbeiten wollte oder noch ein geeigneteres deutsches Wort für einen Palibegriff fand. Mit seinem großen Sprachgefühl entstanden nicht nur inhaltlich zutreffende, sondern auch schön zu lesende Übersetzungen.

Es erübrigt sich fast zu sagen, dass eine angemessene Wiedergabe der Worte des Buddha in unserer eigenen Sprache nur dann gelingen kann, wenn ein Autor auch den Gegenstand, über den er schreibt, mehr als nur oberflächlich verstanden und verinnerlicht hat. In diesem Fall war das sicher der Fall. Über Jahrzehnte hinweg hat Fritz alle Facetten der Buddhalehre beleuchtet. Sie blieb ihm aber nicht ein Objekt der philosophischen Betrachtung oder des wissenschaftlichen Interesses, sondern wurde schon sehr früh zur gültigen Leitlinie. Deshalb sind Leben und Lehre in der Biografie von Fritz so eng verwoben. Was er in den Lehrreden las, fand er in den Gegebenheiten der menschlichen Existenz und im eigenen Leben wieder. Und umgekehrt, für die Fragen und Herausforderungen, die seine Erfahrungen mit sich brachten, bot die Buddhalehre eine zeitlos-gültige Erklärung und eine verlässliche Orientierung.

Mit anderen Worten: FS bearbeitete unermüdlich und gründlich die Lehrreden des Erwachten - und sie bearbeiteten ihn ebenso wirkungsvoll und nachhaltig. Wenn Fritz bisweilen von heftigen Ausbrüchen des Jähzorns in seinen jüngeren Jahren erzählte oder von einem gewissen Hang zu Überheblichkeit, wollte man das gar nicht so recht glauben. Jedenfalls passte das nicht zu dem Bild, das man jetzt von ihm hatte.

Offensichtlich hatte sich sein Verhältnis seinen Zeitgenossen gegenüber in den Jahren der Übung und der Selbsterziehung stark gewandelt. Für mich war das an einem Punkt besonders auffällig. Wenn er von anderen Menschen sprach, waren seine Formulierungen regelmäßig: „der liebe Soundso" oder „die liebe Soundso". Lange habe ich das für eine bloße Höflichkeitsformel gehalten, die er sich angeeignet hatte. Aber mit der Zeit kam ich dahinter, dass dem nicht so war. Offenbar gab es in seiner unmittelbaren und weiteren Umgebung niemanden mehr, der sich ihm gegenüber anders als „lieb" zeigte, bzw. er war nicht mehr in der Lage, seine Mitwesen anders als mit einem Blick der Freundlichkeit und des Wohlwollens wahrzunehmen. Von den einstigen Anwandlungen des Stolzes und der Selbstüberhebung ist genauso wenig geblieben. Wenn andere sich gerne als „buddhistische Lehrer" verstehen und ein entsprechendes Gehaben an den Tag legen, war das bei dem Fritz, den ich kannte, nicht zu beobachten. Niemandem würde im Zusammenhang mit ihm die Worte Guru oder Meister einfallen, die in der buddhistischen Szene gerne ausgesprochen und gerne gehört werden. Fritz verstand sich als „Mitschüler" und allenfalls als „Altgesell" ohne angemaßten Heiligenschein oder Guru-Attitüden.

An diesen Beispielen lässt sich gut nachvollziehen, dass er sich nicht damit zufrieden gab, den Buddhadhamma nur intellektuell nachzuvollziehen. Er war für ihn zugleich eine praktische Anleitung, um die eigenen Unzulänglichkeiten zu erkennen und sie so gut wie möglich abzustellen. Zweifellos sind die Lehrreden des Buddha eine unerschöpfliche Quelle der Information, doch noch mehr sind sie Anleitung zur Transformation der eigenen Persönlichkeit.
Dass nichts bleibt, davon war schon die Rede. Und davon, dass es ein gewaltiger Unterschied ist, ob man aus der Tatsache, dass man irgendwann von jemandem Abschied nehmen muss, die praktischen Konsequenzen. Habe ich persönlich die Chancen der Begegnung und des Austausches mit Fritz hinreichend genutzt? Zweifel bleiben.

Zum einen habe ich ihn in meinen recht jungen Jahren kennengelernt, und annähernd dreißig Jahre war er in meinem „buddhistischen Leben" präsent. Aber das Bewusstsein davon, dass genau das eben nicht immer währen wird, war nicht präsent und wirksam, wie es hätte sein sollen. Ich hatte wohl das Glück, ihn „gerade noch rechtzeitig" kennenzulernen, aber doch glaube ich, viele Chancen ungenutzt gelassen zu haben.

In Dicken konnte ich lediglich an zwei Sommertreffen (Mai 2000 und August 2002) teilnehmen, während ich es zu den schon lange legendär gewordenen Herbstreffen gerade ein einziges Mal - im Oktober 2004 - schaffte. Mit den Themenschwerpunkten „Die Entleertheit" und „Der Bedingungszusammenhang" hatte Fritz noch einmal zwei ebenso wichtige wie tiefgründige Lehren angepackt und die Zuhörer - wie immer mehr in den vergangenen Jahren - auf die „letzten Dinge" eingestimmt. „Endlich kannst du auch an den Herbsttreffen teilnehmen!", dachte ich damals voller Genugtuung und Freude, denn bisher waren die Plätze rar und regelmäßig schon an die älteren Freunde vergeben. Aber das war zugleich das letzte Seminar im Haus der Besinnung, und schon im nächsten Jahr mussten die einstigen Zuhörer überlegen, ob sie selbst die Tradition der Lehrreden-Treffen fortführen konnten. Fritz verzichtete nämlich nach 24 Jahren auf weitere Vorträge in der Schweiz.

Das waren sie also in aller Deutlichkeit wahrzunehmen, die Götterboten Alter und Krankheit. Ich kannte sie wohl, aber ich nahm sie dennoch nicht ernst genug. Warum sonst wurde es für mich nicht eine Selbstverständlichkeit, Fritz öfter anzurufen und ihm meine Fragen zu stellen, oder mich ins Auto zu setzen und ihn öfter zu besuchen. Was waren 70 Kilometer bis Heidelberg oder 120 bis Karlsruhe? Ich fürchte, Maro hat mich insbesondere den Götterboten Tod nicht recht sehen lassen und mich in eine trügerische Überzeugung versetzt: Fritz ist ja da. Wenn du ihn brauchst. Keine Sorge... Und so war irgendwann vorbei, was der oberflächliche Geist als selbstverständlich und von Dauer betrachtete: die Möglichkeit des freundschaftlichen Gespräches.

In den letzten Jahren hatten unsere Begegnungen nämlich einen anderen und ganz eigenen Charakter. Es war zu einer schönen Gewohnheit geworden, sich zweimal im Jahr zu sehen. Meist im Mai und im Oktober und vorwiegend in einer Dreierrunde: Fritz, Remo Beyerlein und ich trafen uns an einem Tag unter der Woche in Karlsruhe im Stift, um von dort unseren Schwarzwaldausflug zu beginnen. Über eine landschaftlich schöne Strecke ging es nicht selten zur „Roten Laache" in der Nähe von Forbach, wo wir zu Mittag aßen. Nach einem kleineren oder größeren Zusatzprogramm ging es Nachmittag wieder zurück. Gesprochen wurde dabei eher wenig, oft eher nur beiläufig, und insbesondere war es Fritz, der sich sehr zurückhielt. Keine langen Ausführungen mehr, keine Lehrgespräche im engeren Sinn, keine Erörterung von Fragen. Es ging vor allem um das harmonische Zusammensein, das gemeinsame Erleben von Landschaft und Natur und die unausgesprochene Übereinstimmung in Bezug auf die grundlegenden Wahrheiten, das Erinnern an und die Bestätigung des gemeinsamen großen Anliegens. Diese Fahrten berührte schon ein Hauch von Abschied. Sie waren sein stiller Blick auf seine früheren Wanderungen in dieser Gegend und zugleich ein Wissen, das auch das bald ein Ende haben wird.

Aber dieser Blick hatte für mich nichts von Verzichtenmüssen oder von Trauer, eher von freudiger Zustimmung und Zufriedenheit. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass Fritz ein Lächeln im Gesicht kaum mehr verließ. Er war in den letzten Jahren auf seinem Gang nach Innen angekommen. Er suchte da draußen nichts mehr und vermisste nichts mehr sonderlich. Abgesehen von den Momenten der körperlichen Anstrengung oder Beanspruchung schien er in sich zu ruhen. Sein gealterter Körper war von den zurückliegenden Schlaganfällen sehr geschwächt und kaum mehr belastbarer. Es war inzwischen eine Herausforderung für ihn geworden, in das Auto ein oder wieder auszusteigen und mit seinem Rollator mehr als nur ganz kurze Strecken zu bewältigen. Aber das war für ihn kein Grund zu klagen oder verbittert zu sein. Er beneidete auch niemanden um Jugend oder körperliche Gesundheit und Beweglichkeit, hatte er doch etwas viel Besseres. Schon gegenwärtig, was seine Heiterkeit betraf, aber sicher noch mehr, wenn es um seine Zukunft ging. Ich kenne unter Buddhisten manche Lesemeister, und Fritz war einer von ihnen. Ganz sicher war er aber auch ein Lebemeister, der in sich vieles verwirklichte, worüber er zu anderen sprach.

Mein letzter Besuch war am 29. September 2012. Meine Frau Marion und ich waren in das Wohnstift gefahren, um ihn noch einmal am Krankenbett zu sehen. Fritz war dem Pflegepersonal schon lange aufgefallen. Dessen Aufgabe ist es, die Patienten so animieren und zu mobilisieren, dass sie möglichst viel und intensiv weiter „am Leben" teilhaben können. Aber hier begegnete den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern jemand, der schon seinen Frieden geschlossen und längst keine Interesse an einem „Zurück" mehr hat. Ganz abgesehen davon, dass der neue Patient in jedem Sinn des Wortes „pflegeleicht" war. Fritz gehörte nicht zu denen, die verbittert und nörgelnd den Menschen um sich herum das Leben schwer machen. Was in dieser schwierigen Situation zu ertragen war, erduldete er klaglos und ohne inneren Widerstand, jedenfalls soweit das für Außenstehende erkennbar war. Er schien einfach nur zu warten, bis er die nächste Etappe auf seinem Weg nach oben und nach draußen antreten konnte. Bange brauchte es ihm davor nicht zu sein.

Zweieinhalb Wochen später wäre dieser Besuch nicht mehr möglich gewesen. Ein Besuch, der also ein Abschied ohne viele Worte war. Man merkte Fritz an, dass er sich über unser Kommen freute, aber auch die Anstrengung, Gäste zu haben. Mit den besten Wünschen verließen wir ihn dann.

Das letzte Kapitel: Am 27. Oktober kommt nachmittags der Offenburger Freundeskreis im Wohnstift zusammen, um in einer kleinen und würdigen Feier des Verstorbenen zu gedenken. Die Beiträge erinnern an das Leben und Wirken unseres großen „Mitschülers" und an das, was die letzten Jahrzehnte ganz im Mittelpunkt seines Interesses und seiner Tätigkeit stand: die Lehre des Erwachten. Ich fühle mich erinnert an einen Satz Anuruddhos an seine Mitmönche kurz nach Hinscheiden des Meisters vor 2.500 Jahren: „Genug, ihr Brüder, seid nicht traurig, lasset die Klage: hat denn das nicht, ihr Brüder, der Erhabene vorher schon verkündet, dass eben alles, was einem lieb und angenehm ist, verschieden werden, aus werden, anders werden muss? Woher könnte das hier, ihr Brüder, erlangt werden, dass was geboren, geworden, zusammengesetzt, dem Verfall unterworfen ist, da doch nicht verfallen sollte."


Kurzfassung in: René Meier (Hrsg.): Fritz Schäfer - „...damit ich richtig gehe..."
Bodhi-Blätter Nr. 41
Dicken 3013

 

 

 



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