Zeitschriftenartikel

Operation gelungen - Patient tot?

Risiko Säkularer Buddhismus

von Alfred Weil

Die Forderung nach einem modernen und weltzugewandten Buddhismus steht im Raum. Was steckt dahinter? Der Autor untersucht, ob so die Lehren des Erwachten zeitgemäß umgesetzt werden oder am Ende eher auf der Strecke bleiben.

Die Frage ist berechtigt, welches Gesicht der Buddhismus in unserem Jahrhundert zeigen sollte beziehungsweise was seine Lehren „eigentlich" beinhalten. In diesem Zusammenhang taucht immer häufiger die Forderung nach einem „Säkularen Buddhismus" auf, also nach einer „weltlich" ausgerichteten Form. Mit ihr ist der Anspruch verbunden, den Buddhadhamma zeitgemäß zu verstehen und ihn von kulturellem, mythologischem und traditionsbedingtem Ballast zu befreien.

Dem möchte ich im Folgenden - mit zwei Einschränkungen - nachgehen: Zum einen kann ich wegen des zur Verfügung stehenden Raumes nur zwei zentrale Aspekte ansprechen. Zum anderen kenne ich nicht alle buddhistischen Schulen gut genug, um ihre besonderen Sichtweisen angemessen zu berücksichtigen. Für mich persönlich sind die Lehrreden des Buddha aus dem Palikanon als die ältesten überlieferten Darlegungen des Erwachten maßgebend.

 

Säkular - transzendent

Man mag den Eindruck haben, dass der Buddhismus eigentlich eine Mönchsreligion ist oder wenigstens war. Diese Einschätzung ist nicht richtig. Der Buddha selbst hat schon kurz nach seinem Erwachen über seine Absicht gesprochen, vier Gemeinschaften ins Leben zu rufen: die der Mönche, die der Nonnen, die der Laienanhänger und die der Laienanhängerinnen. Das ist auch geschehen.

Tatsächlich war schon in der Frühzeit - wie heute nicht anders - die große Mehrzahl der Anhänger des Buddha Laien. Also Frauen und Männer, die Familien gründeten, einem Beruf nachgingen und vor allem die vielfältigen Freuden des Lebens genießen wollten. Manche von ihnen betonten sogar ausdrücklich, dass der Verzicht auf Sinnesvergnügen ihnen „wie ein Abgrund" vorkam (Anguttara Nikaya 9,41), aber sie suchten Rat bei dem Erwachten. Sie wollten wissen: Was müssen wir tun, damit es uns in diesem Leben gut geht? Andere bekannten sich nicht weniger zur ihren weltlichen Interessen, wollten diese aber auch über ihren Tod hinaus gewahrt wissen (Samyutta Nikaya 55,7). Sie strebten „himmlisches Dasein" an.

Im Vergleich dazu entschlossen sich nur wenige, einen weitaus anspruchsvolleren spirituellen Weg zu verfolgen. Ihr Ziel war, möglichst bald über jedes sinnliche Verlangen hinauszuwachsen und aus einer inneren Fülle heraus zu leben. Für sie war das Wohl eines klaren Geistes und eines reinen und friedvollen Herzens bedeutsamer als gutes Essen, sexuelle Befriedigung, Unterhaltung und Besitz. Mehr noch, sie wollten frei sein von jeder Form von Unzulänglichkeit. Sie wollten eine Antwort auf die Frage: Wie kann ich den Kreislauf von Geborenwerden, Altern und Sterben ein für alle Mal beenden?

Der Buddha nahm alle diese Anliegen ernst und belehrte seine Anhängerinnen und Anhänger ihren Sorgen und ihrem jeweiligen Verständnisvermögen entsprechend. Für unsere Frage heißt das: Der Buddhismus (wenn wir von einem „Ismus" reden wollen) war schon immer „in der Welt zuhause" und kümmerte sich um die deren Belange. Es ist geradezu verblüffend, wie konkret die Hinweise des Buddha manchmal waren, die den menschlichen Alltag reibungsloser gestalten sollen. Sie reichten bis hin zu der Empfehlung, Verlorengegangenes zu suchen oder etwas, das entzwei gegangen ist, zu reparieren. Ganz abgesehen davon, dass er fachliche Fähigkeit, Aufmerksamkeit und Fleiß im Beruf für überaus förderlich hielt. Seinen Ordensmitgliedern gab er sogar detaillierte Anweisungen, wie Zähne zu putzen, Betten zu zimmern oder Latrinen zu bauen sind.

Kein Zweifel: Die Lehren des Buddha sind in Teilen säkular und waren es schon immer. Doch muss ein entscheidender Nachsatz folgen: aber eben nicht nur! Den Spannungsbogen zwischen Weltbewährung und Weltüberwindung, in dem sich alle großen Religionen bewegen, finden wir hier ebenso. Beides gehört zu ihm: vorläufige und letztgültige Aussagen, Hilfen für den Moment und das Überzeitliche.

Besonders deutlich wird das, wenn der Buddha seine Wahrheiten und die dazu gehörende Praxis als eine konsequente Stufenfolge charakterisiert. Fünf aufeinander aufbauende Aspekte beschreiben nämlich seinen spirituellen Weg, wenn man so will, von den ersten zaghaften Schritten bis zum endgültigen Überschreiten der Ziellinie (Majjhima Nikaya 56 u.a.).

Belehrungen über das Heilsame des Gebens und der Großherzigkeit stehen immer am Anfang. Es folgen Ratschläge, sein Leben konsequent nach ethischen Grundsätzen auszurichten bzw. stets so zu handeln, dass das eigene Wohlergehen nicht auf Kosten und zu Lasten anderer angestrebt wird. Beide Handlungsfelder bieten schon Lern- und Übungsstoff für ein ganzes Leben, und deshalb belässt es der Buddha bei vielen seiner Zuhörer dabei. Eine solche Dharmapraxis zielt darauf, das Zusammenleben der Menschen harmonischer und erfüllender zu gestalten. Es geht um das Dasein hier und jetzt, es soll besser und schöner werden - für einen selbst und für alle anderen.Schon der nächste Schritt geht darüber hinaus. Wenn der Erwachte bei seinen Zuhörern ein weitergehendes Interesse oder ein Gespür für solche Dinge wahrnahm, die gerade nicht vor Augen liegen, eröffnete er neue Perspektiven. Er sprach über das Karmagesetz beziehungsweise über die Möglichkeiten über- und untermenschlicher Existenz. Er erklärte, dass unser gesamtes Erleben von unserem Denken, Reden und Handeln abhängig ist und dass dieser Zusammenhang von Ursache und Wirkung weit über diese jetzige Lebensperiode hinausreicht. Was wir säen, ernten wir - vielleicht im nächsten Moment, vielleicht im nächsten Leben oder irgendwann viel später.

Spätestens mit dem Thema „Fortexistenz" und „Jenseits" ist die Dimension des Transzendenten berührt. In den Blick kommen Dinge, die nicht zu unserer gewohnten Erfahrungswelt gehören und zu denen unsere persönliche Erfahrung (meist noch) keinen Zugang hat. Das bedeutet aber nicht, dass all das jenseits von Erfahrung überhaupt liegt, wie zahllose vergleichbare Berichte aus allen Kulturen und allen Zeiten bezeugen.

Aber der Buddha ist mit seinen Darlegungen noch nicht zu Ende. Der nun folgende Schritt führt - bezogen auf unser Alltagsbewusstsein - zu einem noch ferneren Erfahrungshorizont: dem ohne sinnliches Erleben überhaupt. Zu einem Zustand jenseits von Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, der aber dennoch mit klarer Bewusstheit und mit einem erhabenen inneren Wohl einhergeht, das über alle sinnlichen Freuden hinausreicht. Dass hier der Allerweltsverstand in Schwierigkeiten kommt und sich unser Geist weit recken muss, um diese Realität zu erfassen, brauche ich nicht besonders zu betonen.

Doch erst auf dieser Basis gab der Buddha „die Darlegung jener Lehre, die den Erwachten eigentümlich ist", also seine eigentliche und einzigartige Lehre vom Erwachen. Es sind die Vier Heilenden Wahrheiten von dukkha, von seinen Ursachen, von seiner Überwindung und von dem Weg dahin (Majjhima Nikaya 56). Wobei Erwachen heißt, alles Entstandene, Bedingte und Zusammengesetzte als wandelbar, unzulänglich und substanzlos zu erkennen und davon vollkommen frei zu werden.

 

Vertrauen - Wissen

So jedenfalls stellt sich in groben Umrissen das Bild dar, wenn wir Buddha Śākyamuni selbst nach den Inhalten, dem Aufbau und der letztlichen Essenz seiner Lehren befragen. Sie beginnen bei dem unmittelbar Menschlichen und Lebensnahen (dem Säkularen) und behandeln Gegebenheiten, die jenseits des sinnlich Wahrnehmbaren und am Ende sogar jenseits alles Denkbaren liegen - das Transzendente.

Der Säkulare Buddhismus nun (ich muss bei meiner Darstellung notgedrungen verallgemeinern) kann mit vielem davon nichts anfangen. Alles „Jenseitige" ist ihm fremd, er stellt die Realität des Transzendenten nachdrücklich in Frage. Über- und untermenschliches Dasein, Fortexistenz und Wiedergeburt, das Wirken von Karma über den Tod hinaus sind irrelevant. Es ist sogar sein Hauptargument, dass diese Aussagen nicht zu einem authentischen Buddhismus gehören, sondern vorwissenschaftliche Vorstellungen, überholte kulturelle Überbleibsel oder einfach volkstümliche Phantasiegebilde darstellen. Sie mögen bestimmte soziale Funktionen übernehmen oder einfältige Gemüter besänftigen, sind aber alles in allem unrealistisch.

Die Vertreter des Säkularen Buddhismus stehen damit insofern nicht alleine, als es schon zuzeiten des Buddha Materialisten gab, für die etwa der Tod eines Menschen das Ende seiner Existenz bedeutete (Majjhima Nikaya 76). Das Leben spielt sich in der erfahrbaren physischen Umwelt ab, und nur dort, behaupteten sie, und widersprachen damit bewusst der Sichtweise des Buddha.

Die Schlüsselfrage an dieser Stelle lautet daher: Kann man über transzendente Phänomene - Karma, Fortexistenz, Non-Dualität, Nirvana - überhaupt etwas wissen oder bleiben sie eben nur Glaubenssache oder ganz und gar Unsinn?

Seit der Aufklärung sind die Menschen im Westen stolz auf ihre Erkenntnisse und ihre Erkenntnisfähigkeit. Sie bauen auf eigene und unmittelbare Erfahrung und machen sie zum gültigen Maßstab. So weit so gut, doch welche Reichweite haben menschliche Einsichten überhaupt? Und unter welchen Bedingungen kommen sie zustande?

Zu Recht räumt auch der Buddha der Erfahrung einen hohen Stellenwert ein. Für sich nimmt er mehrfach in Anspruch, dass er nur das verkündet, was er selbst erkannt und verwirklicht hat. Gerade weil das eigene Erleben eine besondere Überzeugungskraft hat, weit mehr als Wissen aus zweiter Hand, lädt der Erwachte immer wieder zum Selbersehen ein.

Aber auf dem Bein des persönlichen Wissens allein kann niemand stehen, betonte er nicht minder, man braucht ein zweites Bein: die Fähigkeit des Vertrauens. Vertrauen ist eine Herzensangelegenheit. Es ist Offenheit und innere Affinität einer unbekannten Dimension der Wirklichkeit gegenüber, eine Neigung zum Höheren und Helleren. Vertrauen ist die Ahnung, dass es noch mehr gibt als das, was man mit Händen greifen, messen und wiegen kann. Es ist damit auch die Bereitschaft verbunden, das als wahr anzunehmen, was sich in der eigenen Erfahrung (noch) nicht bestätigen lässt. Vertrauen meint konkret die intuitive feste Überzeugung, dass der Buddha ein Erwachter ist, seine Lehre die Wahrheit wiedergibt und seine Gemeinschaft eine unabdingbare Hilfe auf dem Weg darstellt.

Schon im Alltag kommen wir übrigens ohne ein großes Maß an Vertrauen nicht aus. Wir wissen nämlich weit weniger, als wir gemeinhin annehmen, und machen uns in zahllosen Fällen nie die Mühe, den Realitätsgehalt einer Sache zu überprüfen. Was haben wir etwa in der Schule über ferne Länder und Kulturen gelernt, die wie bis heute nie persönlich kennengelernt haben. Und doch halten wir sie für real. Wir sind vermutlich felsenfest davon überzeugt, dass die Erde rund ist. Haben wir es je kontrolliert? Wir können die Namen unserer Eltern nennen, aber „wissen" wir, wer unsere Mutter und unser Vater sind?

Das Beruhigende am Buddhadhamma ist, dass es bezüglich der entscheidenden Dinge auf Dauer keinen bloßen Glauben geben muss. Schon gar nicht den an Dogmen und irgendwelche bloß traditionellen Lehren. Um einen Vergleich zu geben: Man kann sich als Kind vielen Phantasien hingeben, was Erwachsensein bedeutet. Mit dem Älterwerden zeigt es sich von selbst, man kennt und weiß es dann aus eigener Anschauung. Was würden wir da von einem Menschen in ganz jungen Jahren halten, der abstreitet, dass man erwachsen werden kann? Mit dem spirituellen Weg ist es nicht anders. Wer ihn geht und lange genug geht, wird mit jeder Etappe mehr sehen, dass die Beschreibungen der großen spirituellen Lehrer, die ja nur vorangegangen sind, richtig sind.

Diesen Weg zu gehen heißt jedoch nicht, sich nur intellektuell an ihm entlang zu hangeln oder über ihn zu spekulieren. Vielmehr muss sich dieser Wandlungsprozess mit seinen drei Aspekten tatsächlich vollziehen: mit seiner klaren Um- und Neuorientierung (gehörte Weisheit), mit einem einwandfreien Verhalten (Ethik) und mit der Befreiung von allen Herzenstrübungen (Meditation). Nur unter der Bedingung eines von Verlangen, Aversion und Blindheit gereinigten Geistes zeigt sich die Realität, wie sie ist. Die Schleier, die unsere Sicht auf das Nichtsichtbare verhindern, fallen erst dann.

 

Säkularer Buddhismus

Wenn ich diese Messlatte an den Säkularen Buddhismus anlege, ergibt sich für mich das folgende Bild. Seinen Befürwortern fehlt, was im Übrigen auch die allermeisten anderen Praktizierenden nicht haben: die eigene Erfahrung, die die tieferen buddhistischen Lehren unmittelbar als wahr bestätigen. Sie verfügen aber auch nicht über das erforderliche Maß an Vertrauen in die Aussagen des Buddha, entsprechende Aussagen wenigstens vorläufig als zutreffend anzunehmen. Sie sehen in dem Buddha nicht (mehr) einen aus dem Daseinstraum Erwachten; ein Wesen, das tatsächlich zur tiefsten, vollkommenen und unverfälschten Wahrheit durchgedrungen ist und sie darlegt.

Wie das Interesse des Säkularen Buddhismus „innerweltlich" ausgerichtet ist, sind es auch die Quellen, aus denen er seine Orientierung bezieht. Zur Begründung der eigenen Auffassungen ziehen seine Vertreter nämlich regelmäßig die modernen Wissenschaften heran. Der Hirnforschung, der Psychologie, der Evolutionsforschung oder auch der Quantenphysik traut man offensichtlich mehr Einsicht zu als der buddhistischen Weisheit. Disziplinen, die indessen von Menschen getragen werden, deren Erkenntnisfähigkeit durch „Gier, Hass und Verblendung" ähnlichen Beschränkungen unterliegt wie die jedes Nicht-Erwachten.

Seltsamerweise sprechen die Vertreter des Säkularen Buddhismus aber gerne von dem heutigen Stand des „Wissens". Einmal ganz abgesehen davon, dass die Gelehrten der genannten Fachrichten bezüglich ihrer Forschungsergebnisse untereinander keineswegs einig sind: Wie sieht es denn mit der Überprüfbarkeit dieser „Fakten" aus? Die wenigsten Verfechter des Säkularen Buddhismus werden zu einer qualifizierten Untersuchung der Sachverhalte in der Lage sein, geschweige denn sie vornehmen. Was bleibt ihnen? Vertrauen! Aber statt ihr Vertrauen einem Erwachten zu schenken, setzen sie es in mehr oder weniger unvollkommene Menschen.Mein Resümee bezüglich des Säkularen Buddhismus lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:

  • Ich begrüße alle Initiativen von Buddhistinnen und Buddhisten, die Humanität, ethisches Handeln, ein besseres menschliches Miteinander und Wohl für alle anstreben. Hierin liegt ein nicht zu unterschätzender eigener Wert.

  • Es ist zu akzeptieren, wenn sich Buddhistinnen und Buddhisten in ihrem Verständnis und in ihrer Praxis auf innerweltliche Themen beschränken und hier innerlich reifen und Gutes bewirken wollen. Vor ihnen liegt ein weites Feld von hilfreichen Handlungs- und Übungsmöglichkeiten.

  • Doch ist jeder Versuch völlig unannehmbar, den Buddhadhamma insgesamt auf seine säkulare Dimension zu reduzieren oder ihn dementsprechend umzudefinieren. Ein solcher Ansatz nimmt den Lehren des Erwachten das Eigentliche und im Vergleich zu anderen spirituellen Anschauungen Einmalige. Er verbaut Menschen, die eine Ahnung von einer anderen Dimension der Realität haben, den Blick und den Weg dorthin.

 


Tibet und Buddhismus 1/2014

 



zurück zur Übersichtsseite Zeitschriftenartikel