Buchbeiträge - Auf stillem Pfad

Buddhistische und christliche Mystik 

Alfred Weil

Noch ein Jesus-Buch!?

Wie viele Bücher über das Leben und die Bedeutung Jesu mag es wohl geben? Ich habe gar nicht erst den Versuch unternommen, es herauszufinden. Es gibt Themen und Gestalten, die sich in ihrer Weite und Tiefe nicht ausschöpfen lassen. Zu facettenreich sind die aufkommenden Fragen, zu verschieden die Perspektiven der Betrachtung. Wer war Jesus? Ein charismatischer Mensch, ein reformerischer Visionär, ein herausragender religiöser Lehrer? War er ein Prophet, ein Heiliger, der erwartete Messias, der Christus? Muss man in ihm Gottes Sohn sehen?

Wie die Antwort ausfällt, hängt von dem Ausgangspunkt des Fragestellers selbst ab, von seinen bewussten oder unbewussten Interessen, von seiner Vorprägung und Herangehensweise. Ein Autor mit einem christlich-theologischen Hintergrund wird zu einem anderen Ergebnis kommen als ein Historiker mit einer historisch-kritischen Methode. Kirchliche Institutionen oder gläubige Christen haben ein anderes Bild als ein Religionswissenschaftler oder ein strikter Atheist. Das zutreffende Porträt kann es also nicht geben.

Wenn hier eine weitere Arbeit vorgelegt wird, hat das mehrere Gründe. Anspruchsvolle und gründliche Auseinandersetzungen mit dem Urheber der christlichen Religion aus einer dezidiert buddhistischen Perspektive gibt es kaum, aber gerade die buddhistische Sicht kann ungewohnte Aspekte und wesentliche Einsichten beitragen. Der umfassende Ansatz der von Buddha verkündeten Lehre und ihr überaus reicher Wissensschatz bezüglich geistig-seelischer Phänomene und existenzieller Tatsachen prädestinieren gerade dazu.

Ich meine nicht zuletzt das weite Feld des mystischen Erlebens, das in allen großen spirituellen Traditionen eine mehr oder weniger gewichtige Rolle spielt. Jesus selbst ist bisher nur gelegentlich als Mystiker angesehen worden. Zu Unrecht, wie der Autor des vorliegenden Werkes herausarbeitet. Sicher ist Jesus keine so hervorstechende Mystikergestalt wie etwa Meister Eckehart, Makarios der Große, Plotin oder gar der Buddha. Aber er besitzt doch manche ihrer markanten Eigenschaften, und viele Ereignisse seines Lebens werden nur vor einem solchen geistigen Hintergrund verständlich.

Ein Buch wie dieses mag auch für Buddhistinnen und Buddhisten orientierend und hilfreich sein, denn viele Menschen der westlichen Welt, die im Laufe ihres Lebens zum Buddhismus gekommen sind, tun sich schwer mit ihrer meist christlichen Vergangenheit. Sie haben sich von ihrer angestammten Religion gelöst und müssen nun ihr Verhältnis zu ihr neu definieren. Oft ist dieses Verhältnis von völliger Ablehnung geprägt. Die Kirche als Institution wird scharf kritisiert, von früher vertraute Normen und Glaubenssätze werden verworfen und weise und erhellende Worte der Bibel und ihrer Interpreten ignoriert.

Die folgende Lebensbeschreibung des Mannes aus Nazaret macht die Unterschiede zwischen seinen grundlegenden und befreienden Botschaften und einer späteren verengenden kirchlichen Dogmatik oder einer gar abweichenden Praxis erkennbar. Sie eröffnet die Möglichkeit, die von Jesus gepredigten universellen spirituellen Wahrheiten und heilsamen Wegweisungen (wieder) zu entdecken, angemessen zu würdigen und im Kontext der buddhistischen Anschauung einzuordnen.

Nicht zuletzt kann Hellmuth Heckers Arbeit einen wertvollen Beitrag zum interreligiösen Dialog leisten und den Austausch von Christen und Buddhisten fördern. Bestätigt doch seine Darstellung eine alte Einsicht: Die Nähe der Praktizierenden und Mystiker unterschiedlicher Religionen zueinander ist oft größer als die zu den Dogmatikern aus der eigenen Tradition. Ihre gemeinsamen Erfahrungen können verbinden, wo Schulmeinungen und Theorien trennen.

Mystik

Für Hellmuth Hecker ist Mystik so etwas wie die „Oberstufe aller Religionen", denn sie repräsentiert eine seltene Spitze der Bemühungen um Erkenntnis, Freiheit und Erlösung. Vieles setzt sie voraus, wenige gehen über sie hinaus.
Den religiösen Traditionen ist eine feste ethische Orientierung gemeinsam. Ihre Gründer und maßgebenden Vertreter wurden nicht müde, den Wert mitmenschlichen Verhaltens und Empfindens zu betonen. Weil die meisten Menschen „in und von der Welt" leben, bedarf es vornehmlich hier der wiederholten Hinweise und Hilfen. Kein Wunder also, dass Religionen zu Wohlwollen und Rücksicht, zu Freundlichkeit und Anteilnahme raten; dass sie dafür plädieren, ich-bezogene Denk- und Handlungsweisen zugunsten eines schonenden Miteinanders aufzugeben. Der Grund dafür ist die unmittelbare Einsicht in tiefere und dem oberflächlichen Blick verborgene existenzielle Zusammenhänge: Alle wirklich Großen dieser Welt sahen die Bedeutung eines humanen Verhaltens für das Wohlergehen aller - wie auch jedes einzelnen. Tatsächlich kann niemand auf Dauer das eigene Glück auf die Missachtung, Schädigung oder gar Vernichtung der Mitwesen gründen.

Nicht selten bleibt Religiosität allerdings auf diese Ebene des Ethischen beschränkt. Heute mehr denn je. Spiritualität begnügt sich mit der Vermittlung moralischer Werte und Einstellungen wie Großherzigkeit und Hilfsbereitschaft. Entsprechende Taten sollen die Lebensverhältnisse verbessern, was in Zeiten religiöser Aufbruchstimmung auch gelingt. Gesellschaftliche und kulturelle Blüte beweisen es immer wieder. Bei dieser starken Betonung des „Lebensnahen" gerät die „jenseitige Dimension" allzu leicht in den Hintergrund oder geht ganz verloren. Dabei sollte es doch gerade ein zentrales Anliegen von Religion sein, uns mit den Dingen bekanntzumachen, die nicht vor Augen liegen. Die nicht mit unseren groben Sinnen erfahrbar, aber dennoch wirklich sind und bedeutsamer als die materielle und geistige Realität des Hier und Jetzt. Alle Fragen des Weiterlebens nach dem Tod gehören hierher, Fragen nach überirdischem Dasein und übermenschlichem Glück.

Doch selbst damit ist die Bandbreite religiöser Erfahrung und religiöser Lehren nicht erschöpft. Sind Aussagen über „himmlische Wesen" und „himmlische Freude" so etwas wie eine naheliegende Erweiterung des profanen menschen- und geozentrierten Weltbildes, so geht die Mystik noch darüber hinaus. Ihr geht es nicht um „Weltbewährung" welcher Art auch immer, sondern vorrangig um „Weltüberwindung".Die Herkunft des Wortes Mystik ist aufschlussreich. So heißt das griechische myein so viel wie schließen oder verschließen. Und tatsächlich verschließen viele Mystiker ihren Mund, weil sie nicht in der Lage sind, von einer Wirklichkeit zu berichteten, in die sie eingetaucht und von der sie überwältigt sind. Sie finden keine Worte für das Unsagbare des von ihnen so klar und aufrüttelnd Erlebten. Doch um in diese Dimension des Daseins zu gelangen, haben sie zuvor schon ihre äußeren Sinne geschlossen, die uns ständig mit der Welt der Tausend Dinge in Kontakt bringen. Erst wenn es möglich wird, die rastlose Tätigkeit der sehsüchtigen Augen, der nach Tönen begierigen Ohren und der nach Erleben drängenden anderen Sinne zu beschwichtigen, öffnet sich ein bis dahin unbekannter Raum der Erfahrung. Nur wenn es gelingt, das nimmermüde Denken und Wollen zum Schweigen zu bringen, kommt es zu diesem Durchbruch.

Ein solcher Zustand zeigt sich aber gerade nicht als das Nichts, das der naive Alltagsverstand erwarten würde. Da ist keine graue und öde Leere jenseits der Buntheit der verlockenden und schönen Welt der Sinne. Nicht der geistige und gefühlsmäßige Tod wartet dort, sondern eine Lebendigkeit, die dem Uneingeweihten nicht einmal erahnbar ist. Der mittelalterliche christliche Mystiker Jan van Ruisbroeck hat es auf den Punkt gebracht. „Steig über die Sinne, hier lebet das Leben." Auch andere jubeln und geben ihrer Beseligung einen unmissverständlichen Ausdruck. Endlich ist das Ziel ihres oft Jahrzehnte dauernden religiösen Strebens erreicht, die ganze Fülle des Daseins entdeckt. Der Geist hat seine Heimat, das Herz seinen Frieden gefunden.Dass solche, gerade die besonders reifen Erfahrungen, wenigen Menschen vorbehalten bleiben, versteht sich von selbst. Aber es hat sie immer gegeben, diese Pioniere und Exponierten, und ihr Beispiel hat das Gesicht der religiösen Traditionen nachhaltig geprägt.

Die buddhistische Spiritualität umfasst alle die oben skizzierten Elemente des Religiösen und insbesondere das der „Weltüberwindung". Der Buddhismus kann mit Fug und Recht als eine mystische Religion gelten, und der Erwachte als Mystiker schlechthin. Wie keiner vor und nach ihm in der uns vertrauten Geschichte hat er die (menschliche) Psyche ausgelotet und eine exakte Landkarte von ihr gezeichnet. In der Meditation hat er alle Dimensionen des Erlebens erkundet und sie mit ihren Voraussetzungen und Gesetzmäßigkeiten in staunenswerter Präzision beschrieben.Damit ist schon angedeutet, dass mystisches Erleben überaus vielfältig sein kann. Es kennt Formen, in denen Stille, Abgeschiedenheit und innerer Friede ganz im Vordergrund stehen. Welt und Ich sind dann vergessen, sind wie nie gewesen - und werden auch in keiner Weise vermisst. Außen und Innen sind aufgehoben in einem unbeschreiblichen Gefühl von Freude und Seligkeit jenseits von Raum und Zeit.
Nicht immer bedeutet mystisches Erleben das Verschwinden der Dualität von Subjekt und Objekt, manchmal ist lediglich ihre Beziehung zueinander völlig gewandelt. Das gewöhnlich wahrgenommene Getrenntsein der Wesen tritt zurück. Stattdessen wird eine nie gekannte Verbundenheit und Gleichheit von Ich und Du empfunden, die sich in nicht messendem Wohlwollen, Mitempfinden, Gönnen und Gleichmut allen Wesen gegenüber ausdrückt.
Ich möchte hier noch einige der besonderen Fähigkeiten erwähnen, die bei Mystikerinnen und Mystikern aller Epochen ebenfalls beobachtet werden. Nicht zuletzt ihre Wundertätigkeit ist es nämlich, die sie von anderen abhebt und beeindruckt. Sind sie doch in der Lage, die für uns bindenden Gesetze der Materie in geringerem oder größerem Umfang außer Kraft zu setzen und die Dinge auf ungewöhnliche Weise zu handhaben. Zudem sind ihre Erkenntnisfähigkeiten gesteigert. Diesseits und Jenseits sind für sie einsehbar, Raum und Zeit relative Größen.

Der Buddha kannte alle diese Zustände und Potenziale. Mit dem Fortschreiten seiner eigenen meditativen Erfahrung entdeckte und beherrschte er sie. Für ihn sind sie aber nicht Selbstzweck, so wohltuend und erhebend sie auch erscheinen mögen. Sie sind lediglich Mittel zum Zweck. Sie bereiten Herz und Geist des Praktizierenden vor, den letzten Schritt zur endgültigen Befreiung zu tun - den des vollständigen Erwachens aus dem Daseinstraum, dem schönen und verlockenden nicht weniger wie dem schmerzhaften und bitteren. Mystische Erfahrung ist bei dem Erwachten Durchgangsstadium und Vorbereitung zur Weisheit - und wiederum das sich öffnende Tor zur endgültigen Freiheit.Was auch immer entsteht, so der Buddha, ist ausnahmslos dem Gesetz der Wandelbarkeit unterworfen. Das gilt auch für das, was wir heute gewöhnlich „Buddhismus" nennen. Seine Lehren verflachten im Laufe der Jahrhunderte, die Motive seiner Anhänger verloren den anfänglichen Ernst und die frische Begeisterung; tiefe religiöse Erfahrungen wurden seltener. Zwar wurde die buddhistische Mystik in den kanonischen Schriften sehr wohl bewahrt, doch spielte sie in der klösterlichen Praxis eine immer geringere Rolle.

Der oben skizzierte Facettenreichtum von Religiosität findet sich auch im Christentum: Es spricht von Großherzigkeit und Mitmenschlichkeit und praktiziert sie; es hat - wenn auch nicht allzu präzise - Vorstellungen von einem übermenschlichen Jenseits und es gibt Ratschläge, wie die Gläubigen dahin gelangen können. Ebenso brachte das Christentum eine bemerkenswerte Mystik hervor. Deren Anfänge und erste Blüte ab dem Ende des 3. Jahrhunderts sind mit den Wüstenvätern verbunden, die in den Einöden von Ägypten und Syrien lebten und übten. In der Ostkirche hat diese Form der spirituellen Praxis eine Fortsetzung gefunden, die große Zeit christlicher Mystik indessen war zweifellos das Mittelalter. Mit Meister Eckehart, Ruisbroeck, Seuse, Johannes vom Kreuz, Hildegard von Bingen, Theresa von Avila und vielen anderen erreichte sie eine Breite und Tiefe, die es danach auch nur annähernd nicht wieder gegeben hat. Heute ist die christliche Mystik zu einem kaum mehr beachteten Aspekt der eigenen Geschichte, ja fast zu einem vergessenen Museumsstück geworden. Die Verweltlichung christlicher Lehren, das Absterben der klösterlichen Tradition und die Profanisierung des Lebens in unserer Zeit überhaupt sind Gründe dafür.

Hecker und die Mystik

Hellmuth Hecker ist als promovierter Jurist mit dem wissenschaftlichen Denken und literarischen Arbeiten bestens vertraut. An der Hamburger Universität war er Jahrzehnte als Privatdozent für Völkerrecht und Internationales Öffentliches Recht beschäftigt. Seiner Feder entstammen rund 40 fachbezogene Bücher, von denen manche als Standardwerke gelten. Noch zahlreicher sind seine Veröffentlichungen, die er buddhistischen Themen widmete.1945 war Hecker zum Buddhismus gekommen, blieb aber noch bis 1955 Mitglied der evangelischen Kirche. In der Religion, der er ursprünglich angehörte, vermisste er früh ein überzeugendes und klares, ein widerspruchsfreies und realistisches Bild des Daseins. Zentrale existenzielle Fragen blieben ihm unbeantwortet. Das „ellenlange Sündenregister" der Kirche war ihm hinreichend bekannt und die „erschreckende Praxis kirchlicher Machtpolitik" kritisierte er ohne Umschweife. Doch konnten diese Schattenseiten seinen Blick für die überragenden Leistungen christlicher Spiritualität nicht trüben. Er selbst formulierte seine Gesamtbilanz einmal so: „Und so ist es immer wieder verwunderlich und bemerkenswert zu sehen, wie bei einem blutrünstigen, dunklen und kalten Hintergrund, wie ihn die Kirchengeschichte entrollt, doch in der abendländischen Kultur vermittels des Christentums und seiner Kunst das Beste und Höchste, das Reinste und Zarteste zu finden ist, was der Geist des Okzidents seit der Antike geschaffen hat." Es sind für ihn die christlichen „Praktiker", die trotz der „lückenhaften Theorie der Bibel" Bemerkenswertes zustande gebracht und unseren Kontinent geprägt haben. (Buddhistische Monatsblätter, Nr. 7-8/1997)
Die „mystischen Höhenflüge eines Eckehart, die mystische Innigkeit eines Seuse, die mystische Glut eines Franziskus, die mystische Psychologie eines Johannes vom Kreuz" - sie waren es, die Hellmuth Hecker mit inspiriert haben, sich lange und intensiv mit der Mystik auseinanderzusetzen und ihr Wesen zu ergründen. Seine fundierte Kenntnis der buddhistischen Lehren, wie sie im Palikanon überliefert sind, ermöglichte es ihm, die verschiedenen welttranszendierenden Erfahrungen zu verstehen und einzuordnen. Er arbeitete heraus, was davon zum menschlichen Erfahrungsschatz überhaupt gehörte und was spezifisch buddhistisch war. Seiner Art gemäß entstanden aus dieser gründlichen und weltumspannenden Spurensuche umfangreiche Studien, die aber bis heute nur zum Teil veröffentlicht wurden.

Seine „Asiatischen Mystiker" machten 1981 den Anfang. Hier macht uns der Autor mit 37 Lebensläufen aus ganz unterschiedlichen spirituellen Traditionen bekannt. Wir lernen Sufis kennen wie z. B. Byazid al-Bistami und Al-Ghasali oder prominente Hindu-Gestalten wie Ramakrishna, Vivekananda oder Ramana Maharshi. Nicht weniger namhaft sind die Vertreter aus Fernost, zu denen Laotse und Dschuangtse genauso gehören wie Bodhidharma, Hui-Neng und Huang-Po, Milarepa und Tsonkhapa. Der Band „Indische Mystiker" (1987) enthält 24 Biografien von Meistern wie Shankara, Tulsidas, Aurobindo, Satya Sai Baba u. a., und im selben Jahr erscheint eine Monografie über einen indischen Weisen des 20. Jahrhunderts, Nisargadatta Raj. Mit den „Buddhistischen Mystikern" findet 1988 diese Serie der „östlichen Mystiker" ihren Abschluss. In diesem Buch weiß Hecker über alle großen buddhistischen Traditionen Wissenswertes zu berichten und Viten aus allen historischen Epochen beizusteuern. Erwartungsgemäß beginnt seine Darstellung mit Siddhattha Gotama, dem Buddha selbst, und ersten Schülern und Schülerinnen von Rang. Zu ihnen gehören Sáriputta und Citta ebenso wie Uttará Nandámatá und Sámávati. Berücksichtigt werden freilich auch das Mahayana Indiens, das Zen in China und Japan (Dogen, Ryokwan u. a.) und das Vajrayana in Tibet (die Karmapas u. a.). Das Buch schließt mit Meistern aus Thailand des 19./20. Jahrhunderts (Mun Bhuridatto u. a.).Es ist selbstverständlich, dass das Interesse Heckers auch der Mystik Europas gilt und er die reiche christliche Tradition eingehend würdigt. Sechs (noch unveröffentlichte) Bände sind das Ergebnis dieser umfangreichen Bemühungen. Der erste macht uns vertraut mit den Wüstenvätern, den frühchristlichen Mönchen Ägyptens und Syriens, sowie den Pilgern und Eremiten der Ostkirche. Katholische Mystikerinnen und Mystiker in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und in den anderen Ländern unseres Kontinents stehen im Mittelpunkt der drei folgenden Arbeiten. Meister Eckehart, Seuse, Tauler, Johannes vom Kreuz und Theresa von Avila sind hier als besondere Lichtgestalten zu nennen. Auch Franz von Assisi, Katharina von Genua und andere finden Berücksichtigung. Die beiden letzten Bände widmen sich der evangelischen Mystik (Jakob Böhme, Gerhard Teerstegen, Emmanuel Swedenborg u. a.) beziehungsweise ziehen mit den Titel „Mystik, das wahre Leben" eine Schlussbilanz.

Jesus als Mystiker

Und wo bleibt Jesus? Hellmuth Hecker beantwortet diese Frage gleich am Anfang seiner Sammlung von Biografien christlicher Mystiker. Wie immer man die Gestalt Jesu einschätzen mag, seine Stellung zur Mystik kann nicht unbeachtet bleiben. Sie kann man aber nur richtig erfassen, wenn man das Leben Jesu nicht vornehmlich als das einer geschichtlichen Person betrachtet. Was er gelehrt und vermocht hat, ist etwas anderes und weit mehr als die historische Forschung allein zu Tage fördern kann. Das Erscheinen und Wirken Jesu ist vielmehr Verkörperung universeller Wahrheiten und Daseinsgesetze. In ihm zeigt sich eine andere als die vordergründig-menschliche Dimension der Existenz, mit der er selbst vertraut war und die er seinen Zeitgenossen nahezubringen versuchte. Und dieser Ansatz macht auch einen Vergleich mit anderen religiösen Gestalten beziehungsweise mit dem Buddha möglich.Von der inneren Entwicklung Jesu bis zu seinem öffentlichen Auftreten wissen wir nur wenig, doch an seinen Predigten und seinem Wirken lässt sich ablesen, wohin sie ihn geführt hat. Sie machte ihn zu jemandem, der seine Mitwelt in religiösen Belangen weit überragte.

Jesus zeichnete sich gegenüber den bis dahin doch weitgehend weltlich orientierten und weltgläubigen Juden dadurch aus, dass er die Schranken von Diesseits und Jenseits durchbrach. Er kannte beide Seiten des Lebens, das „irdische" und das „himmlische", die vor und die nach dem Tod. Er sah unmittelbar die Beschränktheit und Enge eines auf das Materielle fixierten Daseins. Er warnte vor der folgenschweren Weltverlorenheit der Menschen. Und er geißelte das damit nicht selten einhergehende egoistische, unmoralische und bornierte Tun und Lassen seiner Landsleute.Auch seine zahlreichen Wunder haben diese Komponente. Auf der einen Seite setzte er sie häufig und gerne ein, um aus seinem großen Erbarmen heraus notleidenden und geplagten Menschen zu helfen. Andererseits waren sie besonders geeignet, die weitverbreitete Materiegläubigkeit seiner Epoche tief zu erschüttern und seine Zuhörer zur geistigen Umkehr zu bewegen. Worte allein waren dafür oft nicht ausreichend.
In einem gewissen Sinn besaß Jesus also Macht über die Materie. Er war nicht wie gewöhnliche Menschen ihr, sondern sie ihm unterworfen. Deshalb konnte er Stürme stillen und über Wasser gehen. Er vermochte Wasser in Wein zu verwandeln sowie Brot und Fische nach Bedarf zu vermehren. Das dem Malchus mit einem Schwert abgehauene Ohr wurde wieder an seinen Ort getan und gesundete sofort. Aussätzige sahen sich von ihrer Krankheit befreit, Lahme konnten wieder gehen, Blinde wieder sehen. Die magische Macht Jesu ließ auch der verdorrte Feigenbaum erkennen, den er verflucht hatte. Oder das prall gefüllte Netz der Fischer am See Genezareth, die zuvor vergeblich auf Fang ausgefahren waren.
Dank seiner Hellsichtigkeit war Jesus in der Lage, die Gedanken seiner Jünger zu lesen und die üble Gesinnung der ihm feindlich gesonnenen Pharisäer in ihren Herzen auszumachen. Simon, den späteren Petrus, den er noch nie erblickt hatte, erkannte er bei der allerersten Begegnung.

Auch geistig verfügte Jesus den biblischen Berichten zufolge über außergewöhnliche Fähigkeiten. Zum Beispiel die der Rückerinnerung. Er sah sich in seiner himmlischen Vorexistenz mit Engeln in der Nähe Gottes, seines Vaters, der ihn mit seinem Auftrag auf die Erde sandte. Auch die Zukunft offenbarte sich in einem gewissen Umfang. So weissagte er dem jüdischen Volk eine tragische Zukunft als Vergeltung ihrer Sünden. In den Leidensverkündigungen prophezeite er das eigene Martyrium und seinen bevorstehenden Opfertod. Jesus sagte Petrus ins Gesicht, dass er ihn bald verleugnen werde. Er verkündete, dass ein Verräter unter den Jüngern sei. Er stellte seinen Jüngern in Aussicht, dass er drei Tage nach seinem Tod auferstehen und vor ihnen erscheinen werde.Mit das Wichtigste aber war, dass Jesus unmittelbare Kenntnis der entscheidenden Gesetzmäßigkeit des Daseins besaß: der von Saat und Ernte. Deshalb konnte er mit der ihm eigenen Wucht und Überzeugungskraft predigen. Mit allem Nachdruck verwies er darauf, dass jedes Tun und Lassen dorthin zurückkehrt, von wo es ausgegangen ist, zum Täter. Das Gute wie das Üble. Wer Unheil sät, wird nie Glück einfahren. Und ihm war klar, dass die Taten der Menschen wiederum ihrem guten oder schlechten Charakter, ihrem reinen oder unreinen Herzen entsprangen. Daher seine eindringliche Mahnung, das „Reich Gottes" zu erlangen - sei es schon jetzt in sich selbst im Sinne einer geläuterten Seele, sei es nach dem Tod als Weiterleben im Paradies.

Unsere materialistisch orientierte Zeit tut sich mit solchen Aussagen schwer. Sie kann sie schwerlich ernst nehmen und ignoriert sie am liebsten als unzeitgemäßen mythologischen Ballast. Oder man versucht, die geschilderten Vorkommnisse umzudeuten und so in das vorherrschende säkulare Weltbild einzupassen. Sie werden symbolisch verstanden, auf eine rein psychologische Ebene verschoben oder als lediglich pädagogisch motivierte Aussagen interpretiert.Nachdenklich sollte allerdings schon die Tatsache stimmen, dass derartige Fähigkeiten und Aktivitäten, wie sie Jesus zugeschrieben werden, später auch von vielen seiner Nachfolger berichtet werden. Zum Teil noch weitere - wie etwa Levitation oder Bilokation -, manchmal sogar ausgeprägter als bei ihrem Meister. Ja, sie gehören zur Mystik überhaupt und lassen sich in vielen Kulturen und Zeiten und in mannigfaltigen Ausprägungen nachweisen.

Ein angemessenes Verständnis dafür kann nur entwickeln, wer die Realität eben nicht als einen Komplex materieller Phänomene und von ihnen abgeleiteter geistiger Prozesse versteht. Gerade die Kernlehren des Buddha beinhalten, dass Ich-Erscheinung und Welt-Erscheinung der Ausfluss psychischer Kräfte und Dispositionen und nicht „objektive Gegebenheiten" darstellen. Die „Qualitäten des Herzens" bestimmen das Leben und äußere Erleben des Menschen. Die Welt ist der Spiegel der Seele. Ist diese rein und hell, d. h. frei von materieller Begehrlichkeit, Aversion und Rücksichtslosigkeit, zeigt sich jene entsprechend fein, friedvoll und freudvoll.Wie kein anderer hat der Buddha in seiner „existenziellen Psychologie" diesen Zusammenhang zwischen seelischen Energien und sichtbaren Erscheinungen aufgezeigt und begründet. Er hat alle Spielarten der Psyche und die Auswirkungen psychischer Aktivität geistig durchdrungen und seine Einsichten weitergegeben. Vor diesem Gesamtbild ist es auch möglich, Jesus als Mystiker zu würdigen.

Wenn man, wie Hellmuth Hecker es tut, bei den Mystikern dem griechischen Sprachgebrauch gemäß Hesychasten und Charismatiker unterscheidet, gehört Jesus zu der zweiten Gruppe. Beiden gemeinsam ist, dass sie als spirituell ausgerichtete Menschen der Welt der Tausend Dinge und Freuden nur die notwendige Beachtung schenken, ansonsten aber stark verinnerlicht leben. Auf der Basis einer streng ethisch ausgerichteten Lebensführung gelingt es ihnen, das gewöhnliche Alltagsbewusstsein zu transzendieren.Der Hesychast (hesychia im Griechischen = Ruhe, Einsamkeit, Schweigen) sucht und findet vor allem in der Abgeschiedenheit Ruhe und Stille. Ihm geht es um Herzensfrieden, der auch mit dem zeitweiligen Zurücktreten oder völligen Aufhören der sinnlichen Wahrnehmung verbunden sein kann. Ihm ist die ungeteilte beglückende Einheit des Erlebens jenseits aller weltlichen Vielfalt wichtig, die innere Schau. Im Buddhismus sind das die meditativen Zustände der Versenkungen (jhana), im Christlichen ist es das Einssein mit Gott (unio mystica). Davon kann im Zusammenhang mit dem Leben Jesu kaum die Rede sein.

Den Charismatiker (charisma im Griechischen = Gnade, Gnadengabe) zeichnet etwas anderes aus. Er erlangt eher solche übersinnlichen Fähigkeiten, wie sie bei Jesus zu finden sind. Seine vierzigtägige Zurückgezogenheit in der Wüste brachte vermutlich die in ihm vorhandenen Anlagen zum Durchbruch, die seinem nun folgenden Wirken einen unverwechselbaren Charakter gaben und von denen oben kurz die Rede war.Der Palikanon, die älteste überlieferte Sammlung der Reden des Buddha, enthält viele Belege dafür, dass die Spiritualität des Erwachten die beiden genannten Aspekte in sich vereinigte. Der Buddha erscheint dort als jemand, der alle Stufen meditativer Versenkung vollkommen beherrschte und von hier aus zu einem umfassenden Wissen kam. Seine Mystik war damit zugleich der Weg, die Scheinhaftigkeit der Realität zu durchschauen und das Tor zu einer uneingeschränkten Erkenntnis der Wirklichkeit aufzustoßen.

Dieses universelle Wissen lässt erkennen, wo aus buddhistischer Perspektive die Grenzen der Erfahrungen beziehungsweise der Lehren Jesu liegen. Sah und zeigte er deutlich die karmischen Zusammenhänge zwischen Handeln und künftigem Erleben, sparte er doch den Blick auf die Vergangenheit weitestgehend aus. In seinen Predigten finden sich keine substanziellen Hinweise auf die vorgeburtliche Existenz des Menschen und dessen „karmische Vorgeschichte", die seine jetzige Lebenssituation erklären könnten. Jesu Sicht der Realität beinhaltet nicht die kosmische Dimension der anfanglosen Wanderung der Wesen im Daseinskreislauf, von der der Buddha so oft und nachdrücklich spricht. Seine Rückerinnerung ist auf seine letzte Vorexistenz im Himmel und auf seine Sohnschaft Gottes beschränkt. Er spricht auch nicht davon, dass Gott selbst (und die Engel) der Zeit und den Gesetzen des Werdens und Vergehens unterliegen. Für Jesus erscheint Gott als ewig bestehend und allmächtig, die Welt als dessen Schöpfung.Dass es Jesus um die innere Veredlung des Menschen, um Herzensreinigung ging, geht aus seinen Worten unzweifelhaft hervor, und dass er sie selbst zu einem hohen Grad erworben hatte, ist unverkennbar. Es mögen Fragen bleiben, wie weit diese Läuterung letztlich ging. Seine überaus temperamentvollen Reden und seine unruhige Getriebenheit machen nachdenklich. Auch seine nicht seltenen Ausbrüche von Heftigkeit, etwa im Umgang mit den Geldwechslern im Tempel, oder sein Zorn angesichts der Scheinheiligkeit der Pharisäer, entsprechen nicht dem unerschütterlichen Gleichmut des Buddha. Sowenig wie die tiefe Enttäuschung und Traurigkeit Jesu hinsichtlich der Unbelehrbarkeit des jüdischen Volkes oder die zeitweise Verzagtheit angesichts seines bevorstehenden Martyriums.

Bis heute ist Jesus von Nazaret für viele Menschen ein leuchtendes Vorbild, das Ermutigung und Hoffnung gibt und der mit seiner Lehre von der hohen, allumfassenden Liebe und Brüderlichkeit aller Wesen bis heute die Religiosität in weiten Teilen der Welt bestimmt.


In: Hellmuth Hecker: Jesus als Mystiker. Eine buddhistische Perspektive, Stammbach 2014 (Beyerlein & Steinschulte)

 



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