Buchbeiträge - Auf stillem Pfad

 

Metta-Sutta – Die Rede über die Liebe

Alfred Weil

 

Wohl sei allen und Geborgenheit! Mögen alle Wesen in sich glücklich sein!

Alles, was da atmet, was da lebt – ob beweglich, festgewachsen, ausnahmslos,
gleich ob lang, ob von gewalt’gem Wuchs, mittel, klein, zart-winzig oder stark gebaut,

die da sichtbar oder unsichtbar, in der Ferne weilen oder nahe sind,
die Gebor’nen und die Keimenden: ‚Mögen alle Wesen in sich glücklich sein!‘

Achtet keinen anderen gering, und erhebt euch über keinen, gleich weshalb.
Aus Verdrossenheit und Widerwillen wünsche keiner etwas, was den andern schmerzt.

Wie die Mutter ihren eig’nen Sohn lebenslang nur immer als ihr Kind umhegt,
ebenso bei allem, was da lebt, öffne sich der Geist entfaltend, messe nicht.

Denn die Liebe zu der ganzen Welt, die kann nur ein Geist entfalten, der nicht misst:
Aufwärts, abwärts, in die Breite hin – frei von Enge, Gegnerschaft und Widerstreit.


(Der Buddha – Sutta-Nipata 145-150 – Übersetzung aus dem Pali von Fritz Schäfer)



Wenn es etwas alle Religionen Verbindendes gibt, dann ist es die Haltung des Wohlwollens allen Wesen gegenüber. Hier hat sie in der Rede über die Liebe durch den Buddha einen ebenso eindringlichen wie poetischen Ausdruck gefunden.
Die Verse rufen auf, den Blick von sich selbst auf die Mitwesen zu richten und sie in ihren Anliegen und Bedürfnissen ernst zu nehmen. Der Rat des Erwachten ist, in der Begegnung mit anderen den gewohnten egozentrierten Standpunkt aufzugeben und das Streben nach dem eigenen Glück nicht zu verabsolutieren.
Metta zu empfinden heißt anderen Wohl zu wünschen. Es soll ihnen gut gehen, ihre Wünsche und Sehnsüchte mögen sich erfüllen, sie sollen Frieden und Sicherheit finden. Vor allem in sich selbst, denn wahres Glück kann nur innen, nur im eigenen Herzen entstehen.
Die reife Haltung von Metta kennt keine Ausnahme. Sie umfasst alle, denn die Suche nach Wohl ist ja ebenfalls universell. Wo Atem ist, da wird ein Ich empfunden, das glücklich sein will. Die Größe der körperlichen Erscheinung spielt dabei keine Rolle. Möchte nicht das winzige Insekt genauso unversehrt bleiben und Glück erfahren wie wir selbst? Wahres Wohlwünschen bezieht die Wesen in der unmittelbaren Umgebung ebenso ein wie die, die weit entfernt von mir ihre Wege gehen. Es hebt auch den Unterschied zwischen innerer Nähe und Distanz auf und meint ebenso Unbekannte und Fremde, ja sogar vermeintliche Widersacher oder Feinde. Es unterscheidet nicht, ob ein Wesen schon geboren ist oder noch heranreift.
Wer Metta nicht oder wenig empfindet, kann sie entfalten. Wärme und Freundlichkeit können wachsen und reifen. Vieles im Leben bedarf des Lernens und des Übens, auch die guten Qualitäten des Herzens. Besonders wo sie spontan und ungezwungen aufkommen, wie etwa in der Eltern-Kind-Beziehung, können wir sie nähren und stärken.
So zeigt sich die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind in allen Lebenssituationen wie von selbst. Ganz gleich, wie sich das Kind verhält und welche Eigenschaften es zeigt, die Einstellung einer Mutter ihm gegenüber wird sich nicht verändern. Diese natürlich empfundene Ich-Du-Gleichheit gilt es schrittweise und ohne Begrenzungen auszudehnen: Wohl sei allen und Geborgenheit!
Wir tun deshalb gut daran, keine ungeeigneten Maßstäbe an andere anzulegen, das heißt sie nicht aus der gewohnten Ich-Perspektive zu beurteilen: ‚Was nützt oder wie schadet mir jener?‘ Unterscheidungen wie sympathisch und unsympathisch, vorteilhaft und nachteilig, angenehm und unangenehm fallen letztlich auf uns selbst zurück. Metta entsteht, wenn wir alle Wesen als Mitwanderer auf dem unebenen Weg des Lebens erkennen, als Wohl Suchende wie wir selbst es sind. Ihre Sehnsucht nach Freiheit von Schmerz und Unzulänglichkeit verbindet sie untereinander und mit uns. Wenn unser Geist nicht misst, wenn er sich frei macht von jeder Enge und Kleinlichkeit, von Feindschaft und Ablehnung, dann entsteht zwanglos der Wunsch: Mögen alle Wesen in sich glücklich sein! Und wer ihm mehr und mehr Raum gibt, kommt diesem Ziel selbst näher. Wer Liebe gibt, wird sie erleben.

Alfred Weil


In: Haußmann, Werner/Manfred Pirner (Hg.): Lieder als Lebensbegleiter. Geistliche Impulse aus Vergangenheit und Gegenwart, Berlin 2018 (EB-Verlag Dr. Brandt)

 

zurück zur Übersichtsseite Buchbeiträge



Cookies speichern Informationen lokal auf Ihrem Rechner, ohne die Verwendung kann der Funktionsumfang beeinträchtigt werden. Weitere Informationen


Annehmen