Alfred Weil

Manchmal scheint es, als kehrten wir dorthin zur?ck, wo wir noch nie zuvor waren. Als erinnerten wir uns an Worte, die uns noch keiner gesagt hat. Als f?nden wir etwas wieder, ohne es je verloren zu haben.

Unbeantwortete Fragen

Ganz im Gegensatz zu vielen meiner Schulfreunde interessierte mich nie, wie elektrische Ger?te funktionieren, was das Innenleben eines Autos ausmacht oder warum Flugzeuge nicht vom Himmel fallen. Die Fragen, die mich nicht in Ruhe lie?en, bezogen sich auf das Leben und seine verborgenen Seiten, auf das Geheimnis dieser Welt und meiner selbst. Woher kommt das alles? Warum ist es gerade so, wie es ist? Und vor allem, was bedeutet es? Verstehen, Einblick, Wissen - das waren die Leitsterne, an denen sich mein Leben schon ganz fr?h ausrichtete. Ich wollte einen ?berblick bekommen, das Ganze sehen, Zusammenh?nge begreifen.


In jungen Jahren sprach mich deshalb ein eher breites Spektrum von Themen und Wissensgebieten an: die Natur und ihre Gesetze ebenso wie Sprachen und Literatur oder die Sozial- und Geisteswissenschaften. Von Philosophie und Religion erhoffte ich mir letztendlich am meisten, ihnen traute ich die tiefsten Einsichten zu. So begann ich zun?chst mein Studium der ev. Theologie, wechselte aber aus mehreren Gr?nden dennoch bald zu P?dagogik, Psychologie und Politik.

Nie zweifelte ich daran, "im n?chsten Semester" oder "nach dem n?chsten Buch, Seminar oder Examen" der Erf?llung meiner Anliegen etwas n?her gekommen zu sein, um sie am Ende vollends zu erreichen: der Beantwortung aller Fragen beziehungsweise der L?sung aller existentiellen Probleme. Leider war das aber nicht der Fall. Im Gegenteil. Mit jeder gefundenen Antwort taten sich nur noch mehr L?cken in meinem Geist auf. Hier war offensichtlich der Schl?ssel zu der T?r ins Freie nicht zu finden.

Fremdheit

Mein intellektuelles Suchen kam indessen nicht von ungef?hr. Ihm lag eine lange, unbestimmte und unbestimmbare Fremdheit dem Leben gegen?ber zu Grunde, eine Art von existentieller Ungeborgenheit und Unzufriedenheit. Dabei hatte ich keineswegs eine ungl?ckliche Kindheit. Im Gegenteil, ich wuchs in einer intakten Familie auf und hatte alle F?rsorge und Unterst?tzung, die meinen Eltern m?glich war. Gerade, was meine Interessen und Bildungsw?nsche betraf.

Und dennoch war da ein Gef?hl der Heimatlosigkeit, das Empfinden, noch nicht angekommen und wirklich Zuhause zu sein. Dass dieses menschliche Leben ein kostbares Geschenk sein sollte, das uns Gott in seiner G?te zugedacht hatte, verwunderte mich mehr als es mich erfreute. Das kann nicht schon alles sein!, dachte ich immer. Es muss doch noch etwas "dahinter" geben; etwas, das gr??er, freier, befriedigender ist und uns wirklich gl?cklich macht. Ein Leben wenigstens ohne all diese doch letztlich ziel- und sinnlosen Alltagsbanalit?ten, ohne innere Rastlosigkeit und Unfrieden!

Aufbruch

Lie? sich eine L?sung f?r dieses Dilemma in der widerspr?chlichen Vielfalt von Meinungen und Ansichten in dieser Welt aufzusp?ren, wenn es sie denn ?berhaupt gab? Den Heuhaufen sah ich vor mir, wo aber war die ber?hmte und in diesem Fall so wichtige Stecknadel?

Als ich mein Universit?tsstudium 1969 begann, war die st?rmischste Zeit der 68er-Bewegung gerade vor?ber, und die durch die Studentenbewegung angesto?enen politischen Auseinandersetzungen ebbten langsam ab. Ein zunehmender Teil der Jugend suchte die Revolution jetzt weniger auf der politischen B?hne als im eigenen Geist. Gesellschaftliche Unterdr?ckung und Ausbeutung schienen mit einem Male nicht mehr wichtiger als die verborgenen Tiefen des Bewusstseins. Marx und Engels blieben Ehrfurcht gebietende Gr??en, aber Freud, Jung und Adler hatten ebenfalls Entscheidendes zu sagen. Und die wirklichen Insider begannen von der asiatischen Philosophie und Religion zu schw?rmen. So jedenfalls nahm ich es wahr.

 

In jenen Jahren machten sich die ersten Karawanen auf die beschwerliche Reise nach Asien, und auch ich war 1972 das erste Mal mit schulterlangen Haaren und Rucksack unterwegs. Zun?chst f?hrte die Tour ?ber den vorderen Orient nach Afghanistan, Pakistan, Indien und Nepal. In den sp?teren Jahren kamen Thailand, Sri Lanka, Burma, Bangladesch, Malaysia, Singapur und Indonesien dazu, um die Stationen zu nennen, die mich in unmittelbare Tuchf?hlung mit dem Buddhismus brachten.

   
     Borobodur Indonesien

 

Begegnungen

Besonders in dem f?r Ausl?nder erst Mitte der Siebziger zug?nglichen Ladakh im Nordwesten Indiens kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Landschaft, Menschen und Kl?ster dieser Bergregion waren gleicherma?en atemberaubend - in jedem Sinn des Wortes. Nat?rlich werde ich nie die Maskent?nze von Hemis vergessen oder die zaghaften und scheuen Blicke in das Innere der Kl?ster und Schreinr?ume.                

     
Tikse, Ladakh/Indien Maskenfest im Kloster Hemis, Ladakh/Indien


Meine Frau und ich waren als "Touristen" mit Fotoapparat und neugierigen Augen angereist und in "Klein Tibet" voll auf unsere Kosten gekommen. Aber was hatte es mit diesem Amerikaner auf sich, dem wir im Kloster von Spituk begegneten und der sich unverhofft vor einer dieser ?u?erst seltsam anmutenden Gestalten an der Wand zu Boden warf und seine Verbeugungen machte? Verstand der etwa, was diese bizarren Malereien zu sagen hatten? Und vor allem, bedeuteten ihm diese Figuren pers?nlich etwas? Ersteres konnte ich mir vorstellen, Letzteres (noch) nicht.

Unvergessen werden mir sicher auch unsere Reisen durch S?dostasien bleiben, wo neben Thailand und Sri Lanka das "Lieblingsland des Buddha", Burma, den nachhaltigsten Eindruck hinterlie? und mich mit dem Theravada bekannt machte. Zu den fr?hen und urspr?nglichen Formen des Buddhismus gewann ich im Laufe der Zeit schlie?lich eine tiefe Vertrautheit und N?he und in der Folge mein eigentliches geistiges Zuhause.

Sanchi, Indien Ajanta, Indien


In Deutschland hatte ich da meinen Fehlversuch mit dem Autogenen Training bereits hinter mir. Das konnte doch auch ?berhaupt nicht funktionieren, so lange still zu sitzen und sich auf bestimmte Partien seines K?rpers zu konzentrieren! Und dabei noch wahrzunehmen (oder sich einzureden?), wie die Arme schwerer und schwerer und Beine immer w?rmer wurden? Bald danach war f?r einige Zeit Yoga angesagt. Das ging schon etwas besser, weil dieses Training mit mehr fassbarer k?rperlicher Aktivit?t verbunden war. Schade nur, dass die Absicht, doch m?glichst schnell voranzukommen und wenigstens einige der verhei?enen Ziele auf k?rzestem Wege zu erreichen, in kaum geeigneten Hauruck-?bungen mit den entsprechenden Zerrungen und Schmerzen endete. Trotzdem erschien mir Yoga damals vielversprechender als die buddhistischen Lehren. Handelte es sich dabei offenkundig um eine durchaus zug?ngliche und handfeste spirituelle Praxis, w?hrend mir der Buddhismus bis dahin entweder als blo?er (ritueller) Kult oder als reine Philosophie begegnet war. Aber doch immerhin als eine Weltanschauung, die neue und weite geistige Horizonte zu er?ffnen versprach. Und so begann denn meine intellektuelle Auseinandersetzung mit der buddhistischen Weisheitslehre.

Sicher, die heute kaum mehr ?berschaubare Vielfalt an B?chern gab es damals nicht. Dennoch waren eine ganze Reihe guter Ver?ffentlichungen zu den unterschiedlichsten Themen zu haben. Vor allem konnte ich sogar in meiner Muttersprache nachlesen, was der Buddha vor 2500 Jahren selbst gesagt und gelehrt hat. Ein Weihnachtsgeschenk - die f?nf B?nde der Angereihten Sammlung aus dem Palikanon - wurde 1979 der Ausgangspunkt meines "Studiums". Sofort empfand ich die intuitive Gewissheit, etwas ganz Gro?artigem auf der Spur zu sein, auch wenn ich nicht wusste, was das war. Die Energie, bis heute nicht nachzulassen und weiter und weiter zu fragen und zu forschen, r?hrte von dieser unverr?ckbaren ?berzeugung.

Und jede weitere Bekanntschaft mit den Wahrheiten des Dharma festigte die N?he zu diesem "Ph?nomen Buddha" und seiner Lehre. Hier war "jemand", der unzweifelhaft wusste, der frei war, der dem Leben und der Wirklichkeit mit vollkommener Souver?nit?t gegen?berstand, der als Lehrer unendlich viel geben konnte und nichts daf?r haben wollte oder f?r sich brauchte. Aus seinen Worten sprach f?r mich unmittelbare, von jedem Zweifel freie Erfahrung - ?ber die naheliegenden und ?ber die letzten Dinge. All das m?ndete schlie?lich in dem ?berraschten und stillen Eingest?ndnis mir selbst gegen?ber: "Im Grunde meines Herzens ich bin ein Buddhist!"

Gemeinschaft?!

Naivit?t nimmt mitunter erstaunliche Formen an. In diesem Fall besonders. Dass ausgerechnet mir das passieren musste: als Europ?er einer so gro?artigen, aber doch v?llig fremden und f?r uns Westler sicher unpassenden Weltanschauung zu verfallen! Bestimmt war ich der einzige weit und breit, dessen war ich mir gewiss, und demgem?? behielt ich meine "Errungenschaft" zun?chst einmal f?r mich.

Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger war der Buddhismus in Deutschland gesellschaftlich gesehen noch keine nennenswerte und beachtete Gr??e oder gar so etwas wie eine Modeerscheinung, wie er es rund zwei Jahrzehnte sp?ter werden sollte. Aber dennoch brauchte man eigentlich nur die Augen aufzumachen, um zu sehen, dass keineswegs die Stunde Null des Dharma in unserem Land geschlagen hatte. Schon ein ganzes Jahrhundert zuvor hatten sich die ersten M?nner und Frauen auf den Weg gemacht und manches in Bewegung gebracht.

Immer h?ufiger stie? ich auf deren Spuren und auf die ihrer Erben und Nachfolger. Ich fand heraus, wer sie waren, wo sie lebten und was sie taten. Bald kn?pfte ich erste Kontakte und bemerkte zu meiner gro?en Freude und Erleichterung, wie viel an Vorarbeit von diesen Pionieren schon geleistet war, um den ersten Schritten von Neuank?mmlingen Orientierung und Halt zu geben.

Mit einem Male waren auch meine Lehrer da, denen ich das Weitere und Entscheidende verdanke. Allen voran Paul Debes, der in Jahrzehnte langer Arbeit den Palikanon durchleuchtet und durchdrungen und vielen die Botschaft des Buddha mit seiner "?bersetzungsarbeit" zug?nglich gemacht hat. Seine Einblicke und die Tiefe seines Verst?ndnisses schienen mir immer unersch?pflich, und auf seiner Forschungs- und Lehrt?tigkeit gr?ndet mein Verst?ndnis des Dharma. Und Ayya Khema will ich nennen, ?ber die ich den Zugang zur Meditation fand und die mir immer wieder einsch?rfte, dass man die Wahrheit letztlich nicht erlesen, sondern nur erfahren kann. Bei ihr habe ich gelernt, nach innen zu schauen, auf den eigenen Geist zu achten und ihn ruhiger und klarer werden zu lassen. Sie brachte mir bei, dass intellektuelles Verst?ndnis notwendig ist, aber eben nicht alles.

     
 Paul Debes    Ayya Kema

 
Im Laufe der Zeit waren es dann auch immer mehr Gleichgesinnte und Mit?bende, denen ich auf Vortr?gen, Seminaren und Retreats begegnete und deren Gesichtern bald vertraut und gern gesehen waren. Aus wenigen und verstreut lebenden buddhistischen Suchenden war mittlerweile ein Netz von Gruppen, Gemeinschaften, Initiativen und Zentren geworden. Fast zwangsl?ufig brachte mich dann meine "Vorgeschichte" als politisch und gesellschaftlich engagierter junger Mann zum "organisierten Buddhismus", der auf Bundesebene seit Mitte der 50er Jahre in der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) Gestalt annahm. Als Einzelmitglied trat ich diesem Dachverband Mitte der Achtziger Jahre bei, als die Buddhistische Gemeinschaft in der DBU (BG) gegr?ndet wurde.

Mich sprach gerade der schul- und traditions?bergreifende Ansatz an beziehungsweise die Bandbreite der dort vertretenden Anschauungen und Erfahrungen sowie der Versuch, ?ber die engen Grenzen des "eigenen" Verst?ndnisses hinaus etwas Gemeinsames zu finden. Bei den vielf?ltigen Aufgaben einer solchen innerbuddhistischen ?kumene waren - wie es schien - einige meiner F?higkeiten und Kenntnisse willkommen. Jedenfalls war meine Mitarbeit m?glich, und von 1993 bis 2001 war ich sogar der Vorsitzende (Sprecher) der DBU. Zudem engagierte ich mich von 1990 bis 2002 als Redaktionsmitglied ihrer Zeitschrift "Lotusbl?tter".

Ein gro?herzoglicher Buddha

Je mehr ich mir dar?ber klar zu werden versuche, wie ich zum Buddhismus gefunden habe, umso mehr muss ich erkennen, dass dieses Finden noch gar nicht abgeschlossen ist. Und je mehr ich nach Spuren in der eigenen Vergangenheit suche, umso mehr zeigt sich, dass sie weiter zur?ck reichen als urspr?nglich angenommen.

Lange konnte ich es mir nicht erkl?ren, warum mich Abbildungen des Buddha oder Buddhastatuen von Anfang an so au?erordentlich faszinierten und ber?hrten. Wenn sie mir in den Tempeln und Pagoden gegen?berstanden, aber genauso als Fotografien in B?chern oder Zeitschriften. Diese Kunstwerke waren aus Stein, Bronze oder Holz, und dennoch strahlten sie etwas aus, das v?llig jenseits von Form und Materie zu sein schien. Was war das f?r ein L?cheln, das die Buddhas in Meditationshaltung ausstrahlten? Woher stammte die erstaunliche Souver?nit?t ihrer Erscheinung? Wie war ein derartig friedvoller Zustand in einer so friedlosen, oft feindseligen Welt m?glich? Und: Woher kam die Vertrautheit mit diesen Figuren und die mit ihnen verbundene Sehnsucht: "So m?sste man selbst sein!" 




Aufkl?rung kam erst reichlich sp?ter und auf eine unvorhergesehene Weise. Als Kind hatte ich gelegentlich mit meinen Eltern auf dem Fahrrad einen Ausflug in das unweit meiner Heimatstadt gelegene Schloss Wolfsgarten bei Darmstadt gemacht. Der dazu geh?rende Park war einmal im Jahr anl?sslich der Rhododendron-Bl?te f?r das Publikum ge?ffnet und zog die Menschen aus der n?heren Umgebung an. Dort entdeckte ich als Erwachsener - und inzwischen Buddhist - unverhofft wieder, was mich in ganz jungen Jahren offenbar tief beeindruckt hatte: eine etwa lebensgro?e Jugendstilplastik aus Stein, die einen meditierenden Buddha zeigte - mit europ?ischen Z?gen! Der Gro?herzog Ernst Ludwig von Hessen hatte sie nach einer Indienreise bereits 1904 anfertigen lassen. Ein Kunstwerk, das seine Begegnung mit der asiatischen Kultur und dem Buddhismus dokumentierte, aber von seinen Landsleuten viele Jahrzehnte nur als exotischer Farbtupfer in unserer christlich gepr?gten Kulturlandschaft wahrgenommen wurde. Weder die blaubl?tigen Nachfahren des Gro?herzoges noch die Bewohner der Region konnten mit jener seltsamen Figur etwas anfangen. F?r mich jedoch wurde gerade dieser Buddha ein entscheidender Wegweiser.

Die Teile eines Puzzles

Eher unbewusst als gewollt, wurde diese fr?he Erfahrung zu einem Kristallisationspunkt. An sie kn?pfte sich alles Weitere an, und mit den Jahren begann sich aus den vielen einzelnen Puzzlesteinen von Besorgnissen und Hoffnungen dem Leben gegen?ber, von Ahnungen und Erwartungen an die Zukunft, von Ann?herungen und Begegnungen mit dem Buddhismus sowie von Bem?hungen und Erfahrungen in der spirituellen Praxis ein immer deutlicheres und vollkommeneres Bild abzuzeichnen.

Im Buddhadharma fand ich das, was ich intuitiv gesucht hatte und was meinen (letztlich sehr hohen) Anspr?chen gen?gte: Den "Buddha" empfand ich als eine "Autorit?t", zu der ich volles Vertrauen fassen und f?r dessen Aussagen ich mich ohne innere Zweifel und Vorbehalte ?ffnen konnte. In seiner Lehre fanden Spiritualit?t und Wissenschaftlichkeit zueinander, "Glaube" und "Wissen" waren nicht l?nger sich ausschlie?ende Gegens?tze. Eine ?berzeugende Darstellung unserer Lebenswirklichkeit und eine umfassende spirituelle Praxis erg?nzten sich. Zudem versprach die dazu geh?rende systematische Schulung des Geistes in der Meditation eigene religi?se Erfahrungen, ?ber die sonst nur gesprochen wurde. Am meisten jedoch haben mich die bestechende Klarheit und die un?bertroffene Tiefe des Dharma und seine befreiende Qualit?t zu gewinnen vermocht, f?r die ich keine Parallele kenne.

Vom Buddhismus zum Dharma

Wie oft haben wir das schon erlebt: Wir sind f?r etwas Feuer und Flamme, und nach kurzer Zeit schon k?nnen wir uns unsere einstige Begeisterung selbst nicht mehr erkl?ren. Wie blass wurde mir jedenfalls schon manches, was mir einst am Herzen lag oder sogar lebensnotwendig schien. Ganz anders in diesem Fall. Je l?nger ich "dabei" blieb, umso fester wurde mein Vertrauen, umso stetiger meine Praxis und selbstverst?ndlicher mein Bezug zum Buddhismus ganz allgemein.

Und doch stimmt das nicht ganz, denn das eine oder andere an "Buddhistischem" habe ich inzwischen ebenfalls hinter mir gelassen. Vielleicht ich bin im sogar im Begriff, dem Buddhismus ganz den R?cken zu kehren. Aber keine Sorge, das hat nichts mit einem Sinneswandel, mit "Abfall" oder gar "Verrat" zu tun. Vielmehr geht es darum, soviel wie m?glich an "Ismus" abzustreifen, unn?tigen Ballast und hinderliches Beiwerk aus dem Wege zu r?umen, um Platz f?r das "Eigentliche" zu schaffen.

Wie ich zum Buddhismus fand? Aus dieser Perspektive betrachtet, bin ich wieder dabei, ihn zu entdecken - wirklicher vielleicht oder tiefer. Etwa indem ich versuche, trennsch?rfer auseinander zu halten, was die buddhistische (und asiatische) Kultur ausmacht und was die zeitlose Wirklichkeits- und Weisheitslehre des Erwachten; zu unterscheiden, was ?ber den Buddhismus geschrieben, gelehrt und gedacht wird, und was die authentischen Aussagen des Buddha selbst beinhalten; was intellektuelles und abstraktes Wissen "?ber" den Dharma ist und was das Eintauchen in dessen Realit?t, die Umgestaltung des eigenen Lebens und des eigenen Herzens bedeuten.

Bei diesem Prozess der Umorientierung halfen und helfen die Entt?uschungen, von denen es in all den Jahren nat?rlich ebenfalls manche gegeben hat und geben musste. So hatte ich schlicht und einfach zur Kenntnis zu nehmen, dass Buddhistinnen und Buddhisten in aller Regel eben keine Buddhas sind, sondern Frauen und M?nner mit allen ihren erfreulichen und weniger erfreulichen Eigenschaften. Menschen eben, mit St?rken und Schw?chen, die sich allenfalls anschicken, einen spirituellen Weg zu begehen, wie ich ja nicht minder.

Ich hatte mich damit auseinander zu setzen, wie schleppend sich die eigenen "Fortschritte" einstellten, wenn sie denn ?berhaupt sichtbar wurden. Hatte ich nicht schnell alles Wesentliche verstanden, einen guten Willen und gen?gend Elan? Eines konnte oder wollte ich offensichtlich lange nicht wahr haben: dass sich der menschliche Geist ein fernes Ziel setzen und dar?ber trefflich reflektieren und reden kann, aber dass damit ist noch kein Schritt wirklich getan ist. Wohl konnte ich die glanzvollen Ideale, von denen allenthalben die Rede war, bald zu den meinen machen, aber meine ganze Person mit all ihren verfestigten Gewohnheiten, Denk- und Verhaltensmustern konnte an sie doch nur millimeterweise und im Schneckentempo herankommen.

Alles folgt seiner eigenen Gesetzm??igkeit, gerade spirituelles Wachstum. Welchen Bedingungen es unterliegt, hat der Erwachte in allen Einzelheiten aufgezeigt, und wie wir mit ihnen umzugehen haben ebenfalls. Umfassend, schl?ssig, jedem nachvollziehbar und frei von Irrtum. Der Buddhismus kennt Meinungen, Standpunkte, unterschiedliche ?berzeugungen, der Dharma nicht. Er ist die Wahrheit. Buddhistinnen und Buddhisten k?nnen sich t?uschen, Fehler machen und straucheln. Ein Buddha nicht. Der Buddhismus hat sich im Laufe der Jahrhunderte schon oft und betr?chtlich gewandelt und nicht selten bedauerliche Fehlentwicklungen durchlebt, die Grundwahrheiten des Dharma keineswegs. Den Buddhismus habe ich schon vor vielen Jahren gefunden, jetzt m?chte ich dem Dharma n?her auf die Spur kommen.

 
Erschienen in Dagmar Doko Wask?nig (Hrsg.):
Mein Weg zum Buddhismus.
Deutsche Buddhisten erz?hlen ihre Geschichte,
Bern 2003 (O.W. Barth)


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