Vorwort

Herausforderungen

Wir leben in Zeiten großer Umbrüche. Das vor uns liegende „neue Jahrtausend" ist lediglich ein äußeres Anzeichen für einen tiefgreifenden Wandel unserer Lebensverhältnisse. Wie werden wir den Herausforderungen der kommenden Jahre begegnen, und was kann uns dabei als Orientierung dienen?
Unser Jahrhundert ist weitgehend säkularisiert. Global gesehen stecken die „Religionen" seit langem in einer schweren und sich verschärfenden Krise. Die Kirchen sind auf dem erzwungenen Rückzug, der Einfluß religiöser Institutionen und Leitbilder schwindet. Doch daneben gibt es einen gegenläufigen Trend, der sich zunehmend deutlicher abzeichnet. Das Interesse an Spiritualität wächst, auch wenn es vielfach noch vage und unbestimmt ist. Ein Grund dafür unter anderen: Die bisherigen (weltlichen) Strategien zur Bewältigung unserer Lebensaufgaben sind fragwürdig geworden. Die bislang gepriesenen - vor allem technologischen und ökonomischen - Lösungsansätze sind selbst zum Problem geworden und provozieren ein gründliches Umdenken. Der neue Blick nach vorne wird mit einemmal ein Blick „zurück" - zur Spiritualität und ihren vergessenen Möglichkeiten. Man entdeckt, Religionen können helfen, Brücken ins nächste Jahrtausend zu bauen.

Zukunftschancen

Religion wird also wieder hoffähig. Meine These geht sogar noch viel weiter: Ohne gelebte Spiritualität wird es keine menschenwürdige Zukunft geben. Die Weisheit der Religionen wird mehr denn je gebraucht. Ohne sie ist unser Leben ärmer, weil ihm eine wichtige, nein die wichtigste Dimension fehlt. Viele der gegenwärtigen Fehlentwicklungen und Probleme unserer Zeit lassen sich darauf zurückführen, daß wir ein verengtes und verkürztes Verständnis der Daseinswirklichkeit haben. Wir sehen nicht mehr das Ganze, sind deshalb orientierungslos und tappen bei vielen Entscheidungen im Dunkeln.

Wir müssen ein sicheres Wissen davon zurückgewinnen, was in diesem Leben wirklich von Wert und was unwert ist, was Bestand hat und was nur dem Moment genügt. Erst daraus läßt sich zuverlässig ableiten, was zu tun und was zu lassen ist, um das Dasein harmonischer zu gestalten. Wir müssen wieder entdecken, daß Religionen in erste Linie „frohe Botschaften" sind und der Befreiung der Menschen dienen. Sie kennen Wege zu mehr Glück und Zufriedenheit. Sie sind eine vielfach unbeachtete und unterschätzte Zukunftschance.

Religion - Religionen

Das „christliche Abendland" ist schon lange nicht mehr nur christlich, und gerade in den letzten Jahren hat in Deutschland das Interesse am Buddhismus stark zugenommen. Glücklicherweise haben beide Religionen begonnen, in einen interessanten und fruchtbaren Dialog miteinander zu treten. Sein Ausgang ist offen, aber die ersten Schritte sind ermutigend.

Eine vorläufige Bestandsaufnahme erweist, daß in den jeweiligen Traditionen viel Übereinstimmung zu finden ist. Ihr ethischer Anspruch und ihre Empfehlungen hinsichtlich des zwischenmenschlichen Umgangs zeigen eine große Nähe zu einander. Das gilt auch für das Bestreben ihrer Anhänger, innerlich zu wachsen und zu reifen, oder für die Aufgabe, unsere Welt zu gestalten und doch zugleich über sie hinauszuwachsen.

Andererseits aber zeichnet sich in dem beginnenden buddhistisch-christlichen Gespräch ein unleugbares und unverwechselbares eigenes Profil der beiden Partner ab. Hier können nur Schlagworte stehen: Zwischen der Anschauung von der Welt als einer objektiven Gegebenheit und „Schöpfung Gottes" und der eines karmisch bedingten, gesetzmäßigen Geschehens gibt es kaum Vermittlungsmöglichkeiten. Genauso „unversöhnlich" steht die Vorstellung von Fortexistenz und Wiedergeburt der von der Einmaligkeit dieses Lebens gegenüber. Und schließlich läßt sich auch die buddhistische Lehre von der Ich- und Substanzlosigkeit aller Phänomene nur schwerlich mit der christlichen Auffassung eines individuellen und unzerstörbaren Ich in Einklang bringen.

Schon deshalb verbietet sich ein vorschnelles „Alle Religionen sind im Grunde gleich" ebenso, wie ein teilnahmsloses Nebeneinander oder gar ein zerstörerisches Gegeneinander unangemessen ist. Eine amorphe Einheitsreligion wird es also nicht geben und auch keine grau-graue Mixtur aus beiden. Dafür stehen nicht zuletzt die großen Leitfiguren und Religionsgründer, der Buddha und Christus, denen je ein Beitrag gewidmet ist.

Themen

Das vorliegende Buch spricht zentrale Aspekte des Lebens des einzelnen und unserer Gesellschaft an. Zu Beginn stellt es die Frage nach einer generellen geistigen Orientierung: Welche Religion braucht das nächste Jahrtausend? Es fragt nach gültigen Maßstäben für unser Tun und Lassen im Alltag und für das menschliche Zusammenleben in einer solidarischen Gemeinschaft. Es folgen Themen, die das weiter konkretisieren: Welche ökonomische Grundordnung macht unsere Gesellschaft überlebensfähig? Wie sollte unser Verhältnis zu Natur und Umwelt aussehen, die uns lange Zeit nur Ausbeutungsobjekte waren? Wie lassen sich äußerer und innerer Friede gewinnen? Wie spirituelle Praxis und geistige Gesundung zusammengehören, soll ebenfalls untersucht werden. Und schließlich lautet die Frage, welche Rolle die religiöse Dimension des Lernens in einer Informationsgesellschaft wie der unseren spielt, in der intellektuelle Fähigkeiten immer dominierender werden. Alles in allem reicht der Spannungsbogen der Betrachtungen von den praktischen Aufgaben des Alltags bis zu den „letzten Dingen", über die Religion gleichermaßen Auskunft geben muß.

Antworten

Zu Beginn der einzelnen Kapitel führen einige einleitende Gedanken und Fragen des Herausgebers in die Thematik ein. Es folgen jeweils zwei Antworten - eine buddhistische und eine christliche. Sachkundige und engagierte Autorinnen und Autoren formulieren ihre Visionen, Erfahrungen, Einsichten, Wünsche und Hoffnungen. Dabei sind der gewählte Ansatz und der Erfahrungshorizont der Verfasser durchaus unterschiedlich. Manche Darstellungen sind eher systematisch und haben einen wissenschaftlichen Anspruch, andere rücken mehr die unmittelbare Lebenserfahrung in den Mittelpunkt. Ihnen allen ist jedoch das Engagement für eine lebenswerte Zukunft zentrales Anliegen, und sie alle sehen in der religiösen Ausrichtung der Menschen eine unvergleichliche Möglichkeit.

Freilich können die ausgewählten Beiträge nicht jedes Thema behandeln und selbst die zur Sprache kommenden keineswegs erschöpfend bearbeiten. Der vorgegebene Rahmen macht es nötig, exemplarisch vorzugehen, manches nur schlaglichtartig zu erhellen und ansonsten vor allem Anstöße zur weiteren Diskussion zu geben. Die vorgestellten Texte und ihre Aussagen sind so gesehen Teil einer „Materialsammlung" für die Fortsetzung des gemeinsamen Dialogs zwischen dem Buddhismus und dem Christentum.

Alfred Weil


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