Vorwort

Das Interesse an den Worten des (historischen) Buddha nimmt zu. Er rückt als bestimmende Autorität wieder mehr in den Blick und mit ihm seine Reden und Dialoge, die im Palikanon, der ältesten erhaltenen Sammlung seiner Worte überliefert sind. Wer sich intensiver mit ihnen beschäftigt, wird den spirituellen Reichtum und die Tiefe dieser authentischen Quellen des Buddhismus bald entdecken und die aus ihr zu schöpfende Weisheit schätzen lernen.

Gegen den Strom

Ein zentrales Anliegen der buddhistischen Spiritualität ist, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie tatsächlich ist: umfassend, klar und vorurteilslos. Wie sich sie Strahlen der Morgenröte vor dem hellen Tag zeigen, so geht die Einsicht in die wahre Natur der Dinge der Befreiung voraus. So weiß es der Buddha. Doch diese Einsicht stellt unser vertrautes Weltbild radikal in Frage. Die buddhistischen Lehren (dharma) sind im tiefsten Sinne „gegen den Strom gerichtet". Sie stellen unsere gewohnten Denkmuster auf den Prüfstand und entlarven vieles von dem, was wir für selbstverständlich halten, als bloßen Kinderglauben.

Während wir davon ausgehen, dass die Welt, in der wir leben, objektiv vorhanden ist, erklärt der Erwachte, dass das Erleben die eigentliche Dimension der Wirklichkeit darstellt. Einer naiv verstandenen materiell existierenden Realität setzt er das Bewusstwerden, die Wahrnehmung, das In-Erscheinung Treten der Dinge entgegen. Die ‚Welt', so seine Botschaft, besteht bei näherem Hinsehen nur aus einer nicht abreißenden Kette von Erlebnissen und Erfahrungen. Die Bedingungen für ihr Auftauchen und Verschwinden sind der Dreh- und Angelpunkt. Sie entscheiden über Glück und Elend, über Gefangenschaft und Freiheit.

Ich und Welt sind Schöpfungen, aber nicht die eines Gottes oder biochemischer beziehungsweise physischer Vorgänge. Sie sind die täuschende Manifestation psychischer Kräfte wie Verlangen und Ablehnung. ‚Gier, Hass und Verblendung' wirken seit anfangslosen Zeiten, und sie treiben ihr Spiel endlos weiter, wenn wir uns ihnen überlassen. Sie kennen nur ein fortgesetztes Auf und Ab, Entwicklung und Niedergang, angenehmere und bedrückendere Zeiten. Ohne Sinn und Ziel. In diesem rastlosen Wandel der Ereignisse haben die Menschen ungezählte, aber letztendlich vergebliche Versuche unternommen, beständiges Glück und dauerhaften Frieden zu finden.

Spiritualität eröffnet Möglichkeiten, wie Leiden und Unvollkommenheit (dukkha) verringert und mehr Zufriedenheit erreicht werden können. Die Weisheit des Buddha zeigt in dieselbe Richtung, aber sie ist besonders tief und ermutigend. Tatsächlich spricht Erwachte darüber, wie die Unzulänglichkeit unseres Daseins restlos und ein für allemal beendet werden kann. Freiheit und innerer Frieden sind möglich, verspricht er. Und davon ist in diesem Buch die Rede. Es beschreibt, wie wir unseren Geist neu orientieren und den Weg ins Freie gehen können.

Im Westen

In den über 2500 Jahren seiner Geschichte ist der Buddhismus ein begehrter ‚Exportartikel' geblieben. Von seinem Ursprungsland Indien aus konnte er einen eindrucksvollen Siegeszug in Asien antreten. Seine geistige Weite und seine Praxisnähe machten ihn zu allen Zeiten und für jede Kultur attraktiv.
Inzwischen ist der Buddhadharma auch im Westen eine bemerkenswerte Größe, und es zeigen sich ähnliche Anpassungsnotwendigkeiten wie bei seiner frühen Verbreitung in den asiatischen Ländern. Die Dauer und das Ergebnis dieses Prozesses sind offen, doch lassen sich einige besondere Voraussetzungen und Rahmenbedingungen aufzeigen.

Zu diesen neuen und spezifischen Gegebenheiten gehört die Vielfalt der buddhistischen Traditionen, die in Europa neben- und miteinander existieren. Es gibt nicht die eine Schule, die das Bild ausschließlich bestimmt. Was also ist die Essenz, was sind die unverzichtbaren Kernaussagen des Buddhismus? Welche der tradierten Botschaften besitzen über alle kulturellen Ausformungen hinaus zeitlose Gültigkeit und können für uns maßgebend sein - jenseits modischer Vorlieben und zeitgeist-geborener Sympathien?

Von Bedeutung ist zudem, dass die Aneignung der buddhistischen Lehren vor dem Hintergrund der abendländischen Geistes- und Sozialgeschichte stattfindet. Die westlichen Demokratien wie der Sozialstaat sind aus ihr hervor gegangen und üben einen nachhaltigen Einfluss aus. Wenn wir uns heute buddhistischen Themen nähern, dann nicht ohne ein mehr oder weniger prägendes Vorverständnis, das durch das christliche Weltbild, die Tradition der Aufklärung oder durch die Naturwissenschaften bestimmt ist. Wie die Grundmelodie des Dharma in einer technisierten und globalisierten Welt klingt und in welche Töne wir am besten einstimmen können, auch davon handelt dieses Buch.


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